Bad Kissingen

Halbe Million Euro "umgebucht"

Ein Testamentsvollstrecker war knapp bei Kasse und bediente sich bei Mandantin: Zweiter Prozess am Landgericht Schweinfurt gegen einen Steuerberater aus dem Landkreis begann.
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Eigentlich sollte ein Steuerberater aus dem Landkreis Bad Kissingen auf 1,5 Millionen Euro aufpassen, die eine alte Dame aus Würzburg ihren Erben hinterlassen hat. Tatsächlich zapfte er jedoch als Testamentsvollstrecker die Konten der ehemaligen Mandantin an und hat knapp eine halbe Million Euro für sich "umgebucht": Alles online, vom Büro aus. Es gibt keine Zeugen dafür, dass die alte Frau zu Lebzeiten angeblich mal zu ihrem Steuerberater gesagt haben soll, sie werde ihm helfen, falls er mal in eine finanzielle Schieflage geraten sollte.
Im Juni 2016 war der Steuerberater aus dem Landkreis Bad Kissingen vom Landgericht Schweinfurt wegen Untreue in 43 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Danach hat sich ein Strafsenat des Bundesgerichtshofes mit dem Testamentsvollstrecker beschäftigt, das Urteil aufgehoben und das Verfahren zur neuen Verhandlung nach Schweinfurt zurückgeschickt: Unter anderem sei die Frage der Wiedergutmachung des angerichteten Schadens nicht ausreichend bewertet worden und von den 43 Untreue-Handlungen sollen 16 noch einmal genau auf Buchungs- und andere Daten überprüft werden.
Der Grund dafür ist ein fast akademischer: Es könnte ja sein, dass der Testamentsvollstrecker sich an einem Tag gleich zweimal Geld aus dem Testaments-Topf besorgte, und dann wären das nicht zwei Straftaten, sondern nur ein fortgesetzter Fall der Untreue.
Der 71-Jährige hat in der ersten Prozess-Runde alles gestanden und gestern auch wieder. Kontoauszüge wurden verlesen, Lastschriften, Buchungsdaten und -belege, mit und ohne TAN.


Wirtschaftlich übernommen

Von den Konten seines "Opfers" hat der Angeklagte häufig "relativ kleine" Beträge, die aber in kurzen Abständen abgezogen, zwischen 4000 und 10 000 Euro, mit scheinbar erläuternden Hinweisen wie "Abschlag, laut Vereinbarung, Rechnung oder Teilzahlung". Ob es für diesen Rhythmus eine Erklärung gibt, wollte die Vorsitzende Richterin Dr. Angelika Drescher wissen, warum er nicht auf einmal gleich größere Beträge angefordert habe. Der Angeklagte konnte es nur damit erklären, dass er sich mit dem Aufbau einer neuen Kanzlei auf seine alten Tage wirtschaftlich übernommen hatte, dass bereits sichere Mandanten dann doch nicht kamen, er sei monatlich aufs Neue mit allen möglichen Verbindlichkeiten konfrontiert worden und habe das Defizit auf die Schnelle vorübergehend ausgleichen wollen.


Überblick verloren

Dabei habe er den Überblick über die Höhe der illegalen "Entnahmen" verloren . Er habe sie mal von einer ahnungslosen Mitarbeiterin zusammenstellen lassen und habe die Summe nicht glauben können. "Ich habe alles noch mal nachgerechnet", erinnerte er sich gestern, "aber es hat gestimmt." Nur einmal hat er 150 000 Euro auf einen Schlag "umgebucht": Das Geld brauchte er auf die Schnelle, für Erben in einem anderen Testaments-Fall.
Ausführlich hat das Gericht sich gestern die über Jahrzehnte hinweg erfolgreiche berufliche Biografie des Angeklagten schildern lassen, mit einem gewissen, nicht risikofreien Expansionsdrang: Er war über Rhöner Niederlassungen hinaus vorübergehend auch in Sachsen-Anhalt und in Thüringen mit eigener Kanzlei präsent. Unangenehme Erlebnisse mit Berufskollegen, wenn die vom Partner zum Konkurrenten wurden, hat der Steuerberater vor Gericht nur angetippt. Weitere Verhandlungstage sind heute und in der kommenden Woche am Freitag.


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