Bamberg

Häftling greift Wärter und Anwalt an

Wollte ein 25-Jähriger mit seinem Angriff auf einen Justizvollzugsbeamten diesen töten? Unter anderem diese Frage muss das Landgericht dieser Tage klären.
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Mehrere Gewalttaten hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt Bamberg brachten einen 25-jährigen Bamberger vor das Landgericht. Dominik E. (Name geändert) soll drei Mitgefangene, zwei JVA-Mitarbeiter und seinen Rechtsanwalt verletzt haben. Der Angriff auf einen der Gefängniswärter galt lange Zeit sogar als versuchter Totschlag.

Es ist der 30. Juni 2017, kurz vor 18 Uhr. Im ersten Stock der JVA Bamberg ist Kostausgabe für rund 100 Gefangene. Ein Beamter und zwei Häftlinge sind von Zelle zu Zelle unterwegs und verteilen, was der Caterer geliefert hat. Als der Beamte die Tür öffnet, damit das Essen hineingereicht werden kann, stürmt Dominik E. aus dem Raum. Wild schlägt er auf den Staatsdiener ein, zum einen mit der Faust, zum anderen mit einem länglichen Gegenstand, der sich später als abgebrochener Kugelschreiber entpuppt. Er trifft den Beamten am Hals, Oberkörper und Kopf, der geht mit Schnittwunden, Blutergüssen und Schwellungen zu Boden. Nicht alle Schläge finden das Ziel. "Mein Diensthemd war voller Striche." Als einer der beiden Häftlinge von der Kostausgabe dem Beamten zur Hilfe kommen will, bekommt auch er einige Treffer ab.

Schlimmer als die glücklicherweise nicht sehr schweren körperlichen Schäden und die finanziellen Einbußen durch den Dienstausfall waren die seelischen Folgen. Ein Jahr lang konnte der JVA-Beamte wegen eines posttraumatischen Belastungs-Syndroms nicht mehr arbeiten, dachte sogar an Selbstmord. Inzwischen hat er die Dienststelle gewechselt.

Dominik E. hat, trotz seines noch geringen Alters, bereits eine langjährige Drogenkarriere mit Haschisch, Marihuana, Ecstasy, Crystal Meth und Heroin hinter sich. Wobei die Vorstrafen, wie Diebstähle, Unterschlagung, Hehlerei, Anstiftung zum Raub, in den Bereich Beschaffungskriminalität fallen. Die zahllosen Körperverletzungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen verweisen eher auf die Folgen des Betäubungsmittel-Konsums. "Es kommt dadurch mitunter zu aggressiven Ausbrüchen", so der psychiatrische Sachverständige Dr. Anatoli Abramovic (Würzburg).

Morddrohung ausgesprochen

Warum man Dominik E. nicht besser im Auge behalten hat, nachdem er eine gute Woche zuvor bereits einen Gefängniswärter mit "Ey, ich bring dich um!" bedroht hatte und wegen Gewalttaten in Haft aufgefallen war, konnte die Strafkammer nicht klären.

In welchem Zustand Dominik E. war, zeigten die Überwachungsaufnahmen. Dort war ein unruhiger, abwesend wirkender junger Mann zu sehen, der nicht viel sprach, dafür aber umso unvorhersehbarer zuschlug. Auch seinen Verteidiger erwischte es. "Das habe ich in zwölf Jahren als Rechtsanwalt noch nicht erlebt", so Christian Barthelmes. Nach dem Übergriff dauerte es endlos lange Minuten, bis Justizpersonal auftauchte, obwohl Rechtsanwalt Barthelmes den entsprechenden Alarmierungsknopf gedrückt hatte.

"Drogen sind in der Haft leicht verfügbar", so Dominik E. Die Kräutermischungen erfreuen sich in der JVA Bamberg einer gewissen Beliebtheit, weil deren ständig wechselnde chemische Zusammensetzung eine wirksame Kontrolle mit Urinproben erschwert. Diese finden auch nur viermal jährlich statt. Um auch mit kleineren Mengen einen gewissen Effekt zu erzielen, werden aus einer Klopapier-Papprolle, Papier, etwas Tesafilm und einigen geschickt angebrachten Löchern Rauchgeräte gebastelt, die als "Kawumm" den Wärtern durchaus bekannt sind. Im Notfall lassen sie sich ohne großen Aufwand in der Toilette hinunterspülen.

Am zweiten Verhandlungstag wird zu klären sein, ob wirklich eine Tötungsabsicht vorlag oder "nur" eine gefährliche Körperverletzung.

Außerdem ist fraglich, ob Dominik E. überhaupt wollte und wusste, was er da am 30. Juni tat - oder ob er als schuldunfähig in die Psychiatrie eingeliefert werden wird.



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