Haßfurt

Gutachten soll klären, wer die Wahrheit vor Gericht sagt und wer nicht

Hat der 50-Jährige einen Mann aus Syrien (60) mit einem Baseballschläger so derb aufs Schienbein geschlagen, dass sein Opfer eine Fraktur davontrug? Oder is...
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Hat der 50-Jährige einen Mann aus Syrien (60) mit einem Baseballschläger so derb aufs Schienbein geschlagen, dass sein Opfer eine Fraktur davontrug? Oder ist dieser Vorwurf eine frei erfundene Räuberpistole, und die Verletzung hat eine ganz andere Ursache? Weil sich bei dem Strafprozess am Amtsgericht in Haßfurt nicht aufklären ließ, wer lügt und wer die Wahrheit sagt, vertagte Richterin Ilona Conver die Verhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung mit der Maßgabe, ein rechtsmedizinisches Gutachten einzuholen.
Die Tat soll sich am 3. Oktober letzten Jahres in einem kleinen Dorf im Landkreis zugetragen haben. An diesem Feiertag kam es kurz vor der Mittagszeit zu einem Zusammenstoß zwischen den Männern, bei dem auch die 55-jährige Lebensgefährtin des Angeklagten anwesend war. Um zu verstehen, was dabei geschah, muss man wissen, dass es sich bei der Frau und dem 60-jährigen Verletzten um Geschwister handelt und beide aus Syrien stammen.
Tatort war das Anwesen, das der Frau gehört. Dort soll der 50-Jährige im Verlauf des lautstarken Krachs den Bruder seiner Lebensgefährtin mit einem Baseballschläger traktiert haben. Dies stritt der Beschuldigte rundweg ab. Vielmehr habe er den Syrer, der trotz Hausverbots seine eigene Schwester - also die Freundin des Angeklagten - bedrängt habe, am Hemdkragen gepackt und gegen einen Zaun gedrückt - das sei alles gewesen.
Diese Version des Angeklagten wurde von der Frau wortreich untermauert. Sie mutmaßte, dass der damalige Schienbeinbruch ihres Bruders nicht von einem Baseballschläger, sondern eventuell von einem Treppensturz herrührte.
Für weitere Verwirrung sorgte eine weitere Aussage des vermeintlichen Opfers, der mit Hilfe eines Übersetzers die Situation schilderte: Der Angeklagte, sagte er erstmals im Gerichtssaal, habe sogar eine Pistole in der Hand gehalten. Da er der Polizei gegenüber davon nichts erwähnt hatte, war das auch für den Vertreter der Staatsanwaltschaft, Ilker Özalp, eine faustdicke Überraschung.
Das dürre Fazit der über zweistündigen Verhandlung: Irgendjemand lügt, dass sich die Balken biegen. Strafrechtlich kann das drastische Folgen haben: Wenn der Verletzte mit seiner Anschuldigung seine eigene Schwester und deren Lebensgefährten reinlegen will, kriegt er eine Anklage wegen falscher Verdächtigung und Vortäuschung einer Straftat. Hat die Frau aus falsch verstandener Solidarität mit ihrem Freund gelogen, ist sie wegen Falschaussage dran. Nur dem Angeschuldigten kann nach deutschem Recht bei einer nachgewiesenen Unwahrheit nichts passieren: "Jeder Angeklagte darf mir die Geschichte vom Gaul erzählen, ohne zusätzlich bestraft zu werden", umschrieb die Vorsitzende Richterin diese Vorschrift.
Fest stehen die Verletzungen des 60-Jährigen, denn sie wurden von den Ärzten des Kreiskrankenhauses Haßfurt dokumentiert. In der Akte finden sich neben den Arztbriefen die aufschlussreichen Aufnahmen von der Fraktur des rechten Schienbeines. Doch ist es möglich, dass der Verletzte, wie von ihm selber angegeben, mit einer derart schweren Verwundung noch kilometerweit mit dem Auto gefahren und später in der Kreisstadt fast einen Kilometer weit gelaufen ist? Kann die Verletzung von einem Baseballschläger hervorgerufen worden sein?
Da sich die aufgeworfenen Fragen nur mittels eines rechtsmedizinischen Gutachtens klären lassen, wurde der Prozess abgebrochen. Zu einem späteren Zeitpunkt wird neu verhandelt.

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