Bamberg

Grüße aus dem Feld zum Fest der Liebe

geschichte   Vorbei war's mit dem Hurra-Patriotismus, als Bamberg vor 100 Jahren Weihnachten feierte. Exakt drei Jahrzehnte später erlebten Familien die sechste und letzte Kriegsweihnacht unterm Hakenkreuz.
Artikel drucken Artikel einbetten
+1 Bild
von unserem Redaktionsmitglied 
Petra Mayer

Bamberg — Schnee fiel am Tag vor dem Heiligen Abend. Dicke Flocken wirbelten und ließen Bamberger vor 100 Jahren auf weiße Weihnachten hoffen. Doch unter welchen Umständen feierten Familien 1914 das Fest der Liebe: Das alte Europa zerbrach, die Welt versank im Chaos. "Zum ersten Male wieder seit 44 Jahren stehen in der heiligen Nacht deutsche Krieger im Felde", schrieb das Bamberger Tagblatt in seiner Weihnachtsausgabe. "Und zu der Zeit, da in den Hallen der Kirchen das festliche Gloria die heilige Botschaft kündet ... donnern im Osten und Westen die Kanonen, knattern todbringend die Gewehre, lohen Städte und Dörfer in rotem Feuerbrand, stirbt einsam am Wegesrand in der Weihnacht mancher tapfere Krieger den Tod fürs Vaterland."
Am 1. August 1914 hatte Kaiser Wilhelm II. sein Volk zu den Waffen gerufen: Mit einer Kriegserklärung an Russland begann für Deutschland der Erste Weltkrieg. Und allein über zwei Millionen Soldaten des Deutschen Reichs fielen in den folgenden vier Jahren. Darunter all die jungen Männer, die nicht mal mehr Weihnachten erlebten. Die erste Gefallenen-Anzeige erschien in Bamberg knapp vier Wochen nach Kriegsbeginn am 25. August - und zahllose weitere folgten. Die ersten Verlustlisten des 1. Bamberger Ulanen-Regiments wurden veröffentlicht. Bald waren die Schrecken des Krieges allgegenwärtig. "Nach Gottes heiliger Fügung starb auf dem Felde der Ehre unser heißgeliebter Sohn", hieß es etwa in der Traueranzeige einer Buttenheimer Familie vom 24. Dezember 1914. 24 Jahre alt war der Medizinstudent geworden, der den "Heldentod fürs Vaterland" starb.
Einige Zeitungsseiten weiter: Lebenszeichen aus der Ferne. So veröffentlichte das Tagblatt in seiner Weihnachtsausgabe auch zahlreiche "Feldgrüße" von Soldaten an Angehörige, Freunde und Bekannte. Ein frohes Fest wünschten beispielsweise die Landwehrmänner der 4. Feld-Artillerie-Munitions-Kolonne "aus dem Feindesland". Um ihren Familien zu versichern: "Soweit befinden wir uns alle wohl und freuen uns auf ein glückliches Wiedersehen 1915."
Vorbei war's mit dem Hurra-Patriotismus, der die Berichterstattung in den ersten Wochen des Krieges auch in Bamberg prägte. Verstummt war die jubelnde Menge, die in der Domstadt die Mobilmachung feierte. Hunderte waren durch die Straßen gezogen und hatten Lieder wie "Deutsche, auf zum Streite, mutig in die Welt" gesungen, nachzulesen auch bei Willy Heckel in "Bamberg im 20. Jahrhundert". Sie alle vertrauten ihrem Kaiser, der von einem schnellen Sieg träumte und die ersten Truppen kurz nach Kriegsbeginn mit den Worten ins Feld schickte: "Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt."
Immerhin eröffnete das Bamberger Theater an Weihnachten wieder, das monatelang geschlossen hatte. Was im Tagblatt heftig kritisiert wurde, nachdem die Bühnen anderer Städte munter weiterspielten. Wobei keineswegs nur die Stadtväter wegen ihres Verbots im Kreuzfeuer standen. Sondern auch etwaige Zuschauer, die sich damit begnügten: "Wenn es eines Beweises erst bedurft hätte, dass das Bamberger Publikum spröde und zurückhaltend im Wesen und etwas schwarzseherisch in seinen Gedanken ist, dann wäre dieser erbracht ..."

Bamberger Tagblatt als Amtsblatt

Springen wir an dieser Stelle vom ersten Weihnachtsfest des ersten "totalen Kriegs" zur letzten Weihnacht unterm Hakenkreuz: "Gleichgeschaltet" war auch das Bamberger Tagblatt seit 1933 und lieferte als "Amtliche Tageszeitung des Gaues Bayreuth der NSDAP" entsprechende Propaganda. Daran mangelte es selbst dem Leitartikel der Weihnachtsausgabe nicht, aus dem dennoch das Grauen des nun schon fünf Jahre währenden sinnlosen Sterbens sprach. "Ward je einem Volk so viel zugemutet?", hieß es da etwa. Ungeachtet der Tatsache, dass der deutsche Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg eingeläutet hatte. "Hat je ein Volk nach einer Kette glänzender Siege so bittere Rückschläge erdulden müssen? Haben je Soldaten so tapfer um ihre Heimat gekämpft, welche endlich doch in Trümmern und Tod versank?"
Ja, selbst Berlin war zum "Reichstrümmerfeld" geworden. Und weiter fielen vom Nachthimmel landauf und landab "Christbäume", die den Tod brachten. So nannte man mittlerweile die Leuchtbomben alliierter Bombergeschwader, die das Zielgebiet absteckten. Bamberg hatte der Luftkrieg am 31. März 1944 erreicht: Wenn es sich bei der Bombe, die den Bereich Kirschäckerstraße traf, auch nur um einen Notabwurf britischer Bomber handelte. Bis zu den ersten schweren Luftangriffen im Februar 1945 sollte noch fast ein Jahr vergehen.
Der Glaube an den "Endsieg" aber war den meisten vergangen. Auch wenn das "Bamberger Tagblatt" an Weihnachten noch "neue Angriffserfolge im Westen" feierte und von "vergeblichen amerikanischen Flankenstößen" sprach. "Überschätzt" seien die "Gefahren des Luftkriegs", so ein Kommentator, nachdem im Deutschen Reich inzwischen die Phosphor-Angst umging.

Es weihnachtete

Dennoch weihnachtete es in Bamberg auch 1944. Es fehlte nicht an geschmückten Tannen, "die den Straßen der Stadt das Gepräge gaben", wie das Tagblatt schwärmte: "Gerade beim deutschen Weihnachtsbaum zeigt sich der Charakter des deutschesten aller Feste."
Allein auf deutscher Seite starben im Zweiten Weltkrieg 5 180 000 Soldaten und 1 170 000 Zivilisten. Während die Gesamtzahl aller Kriegstoten auf rund 65 Millionen Menschen geschätzt wird.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren