Forchheim

"Grünes Mäntelchen genügt nicht"

Der heiße Sommer macht den Klimawandel, ein Kernthema der Grünen, förmlich spürbar. Lisa Badum, MdB aus Forchheim, kritisiert die Klimapolitik in Forchheim und Berlin - und sagt, warum es dennoch eine gute Nachricht gibt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Seit 2017 ist die Forchheimer Grüne-Politikerin Lisa Badum Mitglied des Deutschen Bundestages.  Foto: Stefan Kaminski
Seit 2017 ist die Forchheimer Grüne-Politikerin Lisa Badum Mitglied des Deutschen Bundestages. Foto: Stefan Kaminski

Die Grüne Bundestagsabgeordnete Lisa Badum scheut sich nicht, drastische Bilder zu wählen, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen. Der Regierung wirft die Forchheimer Politikerin vor, klimapolitisch dem Untergang entgegenzusteuern. Und der magere Beitrag zur Klimawende in ihrer Heimatstadt Forchheim sei zum Verzweifeln, sagt Lisa Badum im Interview mit unserer Zeitung. Leiden Sie in diesem heißen Sommer besonders, weil Sie permanent vom Wetter an eine mögliche Katastrophe erinnert werden? Lisa Badum: Da bin ich nicht die einzige. Seit Juli ist quer durch die Medien davon zu lesen und zu hören. Wir spüren den Klimawandel. Sogar in den Feuerwehren ist davon die Rede, dass sie sich anders aufstellen müssen wegen des Wassermangels. All das sind Zeichen: Die Gesellschaft hat es kapiert. Wir Grünen haben es zwar schon immer gesagt, aber wenn man es dann sieht und spürt, dann ist es ein besonderer Schrecken.

Was erschreckt Sie? Im August war immer auch eine Schlechtwetterzeit, solange ich mich erinnern kann. Aber heuer war es überall in Europa gleich heiß, egal ob man in Deutschland war oder in Griechenland. Erschreckend ist, dass es immer noch Stimmen gibt, etwa beim Bayerischen Bauernverband, die noch Gegenargumente anführen. Aber leider gibt es zwei offensichtliche Trends, die nicht mehr zu leugnen sind. Erstens die extreme Dürre und zweitens: Extreme, eher kurze Niederschläge, die vom Boden nicht richtig aufgenommen werden können und die daher nicht verwertbar sind.

Bei Ihrer Bundestagsrede zur Klimapolitik vom 30. Juni war das Plenum mindestens zu Vier-Fünfteln leer. Haben Sie den Eindruck, dass sich der Bundestag selbst nicht so recht für die Klimapolitik interessiert? Das ist leider das Fachpolitiker-Syndrom. Der Bundestag ist voll, wenn Frau Merkel eine Regierungserklärung abgibt oder wenn es eine aktuelle Stunde zu einem Thema gibt. Aber nicht, wenn ein Fachpolitiker spricht. Aber ich hoffe, dass wir das Plenum auch noch bei diesem Thema voll kriegen.

Setzen Sie sich auch mit Regierungsmitgliedern über das Klima-Thema auseinander? Minister sind vielleicht einmal im Jahr im Ausschuss, sie sind kaum greifbar, sie haben wenig Zeit, das zieht sich durch. Und wenn du selbst sprichst, bleiben dir gerade zwei oder drei Minuten, um deine These zu vertreten. Hinzu kommt, dass Peter Altmaier, der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, auch begrifflich schwer greifbar ist. Altmaier ist beispielsweise gegen eine CO2-Abgabe. Doch er sagt einfach, er sei nur aktuell gegen diese Abgabe. Es ist schwierig, Regierungsmitglieder zu fassen zu kriegen. Daher macht es mehr Sinn, mit Mitarbeitern aus der zweiten Reihe zu reden.

Als Grüne-Politikerin kämpfen Sie dafür, die Emission bis 2050 auf null zu senken. Sie sagen, das gelinge nur, "wenn wir jetzt anfangen, radikaler zu denken". Was erwarten Sie diesbezüglich vom lokalen Klimaschutz in Forchheim? In Forchheim kann man so viel machen, das ist zum Verzweifeln. Das beginnt beim Umstieg auf Busse bei der Schülerbeförderung. Der Landkreis bewirbt das Thema nicht, das müssen wir Grüne machen. Oder die vielen Bauwerke, die im Besitz des Landkreises sind und den höchsten Energiestandards nicht genügen. Auch bei Neubauten wie dem Hotel und Schülerwohnheim am Bahnhof fehlen die Vorgaben. Da müsste eine Dachbegrünung und eine Photovoltaik-Anlage Pflicht sein. In Tübingen zum Beispiel ist das bei jedem neuen Gebäude Pflicht. In Forchheim fehlt die seit Jahren versprochene Photovoltaik-Anlage auf dem Königsbad bis heute. Auch ein Car-Sharing im Landkreis fände ich gut. In Bamberg bin ich dafür angemeldet. Forchheim könnte viel von Bamberg übernehmen.

Könnte, aber wer macht konkrete Schritte? Heißt radikal denken, mehr Zwang auszuüben? Bei der Energiewende in Forchheim erwarte ich die Stadtwerke als einen Motor. Was momentan passiert, ist nicht radikal. Wenn die nachfolgenden Generationen in ihren Möglichkeiten beschnitten werden, dann hört die persönliche Freiheit auf. Natürlich ist jeder frei, zu machen, was er will. Aber warum werden von der Regierung immer noch falsche Anreize gesetzt? Trotz Klimakrise fördert der Bund noch immer den Kauf von Ölkesseln. Das ist ein Unding. In Dänemark sind Ölheizungen längst verboten.

Sie werfen der Regierung vor, ein "sinkendes Schiff vorsintflutartiger Klimapolitik" zu steuern. Das klingt so, als steuern wir in die Katastrophe, in den Untergang. Glauben Sie das wirklich? Man kann die Metapher ganz konkret nehmen. Die Nordseeinsel Langeoog wird in einigen Jahrzehnten im Meer versunken sein. Es gibt viele solche Beispiele, man muss nur Leuten wie dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zuhören. Ich wünschte, wir müssten uns keiner Sorgen machen.

Gibt es auch eine gute Nachricht? Die positive Nachricht lautet: Noch können wir was ändern. Wir haben eine intakte Demokratie und wirtschaftlich geht es uns insgesamt vergleichbar gut. Wir können jetzt vorsorgen. Auf der ganzen Welt gibt es ja glücklicherweise auch Regierungschefs, die das Thema Klimaschutz mit Verve angehen. Mark Rutte, der Präsident der Niederlande, berät sich mit den Grünen. Oder auch der kanadische Premier - diese Politiker brennen für das Thema. Angelika Merkel dagegen hat das Thema nicht auf der Agenda.

Weil sie sich an der Bevölkerung orientiert - und die sich nicht wirklich dafür interessiert? Eigentlich ist es ja Merkels Stärke, die Bevölkerung aufzusuchen. Aber beim Thema Klimaschutz schätzt sie es falsch ein. 70 Prozent der Bevölkerung hat Angst vor dem Klimawandel. Merkel könnte die Menschen mit dem Thema begeistern. Nicht umsonst sind die Grünen in Bayern im Aufwind. Die Bundesregierung aber glaubt immer noch, es genügt, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und nicht handeln zu müssen. Das ist eine grandiose Fehleinschätzung der Konservativen.

Das Interview führte Ekkehard Roepert



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren