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Coburg
Gehölzsichtung

"Grünes Labor": Der Klimawandel und das Wissen um die Gehölze in der Stadt der Zukunft

Baumschulgärtner haben schon immer fremdländische Pflanzen auf ihre Eignung in Produktion und Verwendung zur Gestaltung des privaten und öffentlichen Grüns in europäischen Regionen mehrjährig und kont...
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So stellt sich die aktuelle Wuchssituationen im "Grünen Labor Coburg" dar. Fotos: privat
So stellt sich die aktuelle Wuchssituationen im "Grünen Labor Coburg" dar. Fotos: privat
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Baumschulgärtner haben schon immer fremdländische Pflanzen auf ihre Eignung in Produktion und Verwendung zur Gestaltung des privaten und öffentlichen Grüns in europäischen Regionen mehrjährig und kontinuierlich getestet, bevor sie die Pflanzware dem Kunden angeboten haben, wie Prof. Hartmut Balder von der Beuth-Hochschule für Technik Berlin kürzlich anlässlich der Gehölzsichtung im "Grünen Labor Coburg" erklärte. Dies wird heute im Hinblick auf die Verdichtung der Stadt und den Klimawandel immer bedeutsamer.

Gesucht werden heute Gehölzarten, die am städtischen Standort für lange Zeit eine gute Stamm-, Kronen- und Wurzelentwicklung aufweisen. Dies bedingt, dass sie unter den urbanen Stressfaktoren der Stadt wie Raumnot, Bodenverdichtung, Trockenheit, Hitze, Wind, Salzbelastung und Schädlingsdruck gesund und vital wachsen können. Auch ist die Biodiversität in urbanen Bereichen nachhaltig zu fördern. Stadtbäume sollen daher verstärkt bedrohten Organismen als Lebensraum und zur Ernährung dienen.

Die Forstwirtschaft weiß aus Erfahrung, dass sichere Aussagen für die Praxis, welche Baumarten sich auf welchen Standorten am besten eignen, erst nach langer Testung unter realen Bedingungen zu erzielen sind. Das Weißbuch "Grün in der Stadt - für eine lebenswerte Zukunft" des Bundes fordert alle Akteure auch deswegen zu einer integrierten nachhaltigen Zusammenarbeit auf, um eine grüne Stadt der Zukunft zu ermöglichen.

Die International Society of Arboriculture (ISA) hat mit ihrem Chapter Germany und Austria bereits 1999 in Coburg im "Grünen Labor" eine öffentlichkeitswirksame Gehölzsichtung konzipiert, die nun nach 20 Jahren erste gesicherte Aussagen ermöglicht. Laubbäume, Sträucher und alte Obstsorten wurden nach Plänen des österreichischen Landschaftsarchitekten Heinz Walzer in einer Kooperation der ISA mit dem Baumschutz Coburg e. V. und der Stadt Coburg sowie mit Unterstützung privater Sponsoren, insbesondere Hans-Hermann Stöteler, Baumsachverständiger aus Ahaus in Nordrhein-Westfalen, als Versuchsgarten gepflanzt. Dieser wird seither kontinuierlich von der Stadt Coburg gepflegt.

"Wir sehen in unserer Beteiligung und den wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen für unsere kommunale Arbeit einen großen Mehrgewinn", betonte der Leiter des Coburger Grünflächenamtes, Bernhard Ledermann. Durch die kontinuierliche Auswertung der 80 gepflanzten Gehölzarten durch Wissenschaftler der Beuth-Hochschule für Technik Berlin, Studiengang Gartenbauliche Phytotechnologie, wurde das unterschiedliche Pflanzenwachstum in Vitalität, Pflanzengesundheit, Insektenfreundlichkeit und optischer Entwicklung mehr als deutlich.

Was hat sich bewährt?

So neigen Baumgattungen mit aggressiver Wurzelentwicklung wie Pappel, Robinie, Kirsche oder Ahorn auf lehmhaltigen oder sauerstoffarmen Böden in versiegelter Standortsituation zu oberflächennaher Wurzelentfaltung mit folgenschweren Schäden an der technischen Struktur der Stadt. Sind die Anpassungsprozesse an sogenannte schwere Böden unzureichend, kümmern derartige Gehölze und werden von Schwächeparasiten (Pracht- und Splintkäfer) befallen, wie zum Beispiel der Geweihbaum, der Trompetenbaum, Birken oder Weißdorngewächse.

Dagegen haben sich viele Sorten aus dem Ulmen-, Buchen- und Linden-Sortiment gut entwickelt. Ihre Kronenentwicklung benötigt in der Aufbauphase nur geringe baumpflegerische Korrekturen, auch ist der gewünschte ästhetische Stamm gut ausgeprägt.

Dies ist aus Sicht der ISA als Kriterium für eine zukunftsweisende Baumpflege besonders wichtig, wie Frank Rinn (Heidelberg) und Joseph Klaffenböck (Wien) betonten.

Klimaausgelöste Schadentwicklungen wie Stammnekrosen wurden bei Ahorn deutlich, was die Verwendung dieser Gehölzart künftig weiter einschränken dürfte. Bei den Nadelgehölzen kristallisierten sich Schwarzkiefer und Lebensbäume als wuchskräftige gesunde Gehölze heraus. Viele der getesteten Gehölze dienen Insekten als Lebensraum, Nützlinge reduzieren auf natürliche Art die individuelle Schädlingspopulation.

Die Ergebnisse der Gehölzsichtung im "Grünen Labor" werden jetzt auf wissenschaftlichen Tagungen konstruktiv-kritisch diskutiert. Erst dann münden sie in Empfehlungen für die Praxis. red