Herzogenaurach
Unser Thema der Woche // Grenzerfahrungen

Gespräche durch den Stacheldraht

Mit einem Vater als Zöllner hat unser Mitarbeiter Klaus-Peter Gäbelein als Kind in den 1950er Jahren seine ganz speziellen Grenzerfahrungen gemacht. In Neustadt bei Coburg endete der Westen und die Ostzone zäunte sich ein.
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Die alte Bergmühle - kurz vor ihrem Abriss
Die alte Bergmühle - kurz vor ihrem Abriss
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klaus-Peter Gäbelein Das traurige Schicksal unseres Landes habe ich als Kind und Jugendlicher in den 50er Jahren hautnah miterlebt, und zwar nur wenige Hundert Meter vom "Eisernen Vorhang" entfernt, im Grenzstädtchen Neustadt bei Coburg, der "bayerischen Puppenstadt", wie sie sich nach dem Krieg noch stolz nannte. Mein Vater war nach dem Krieg und nach harter französischer Gefangenschaft 1948 in seine fränkische Heimat Forchheim zurückgekehrt. 1943 hatte er bei einem Heimaturlaub meine Mutter in ihrer Heimat in Lübben im Spreewald geheiratet. Wenig später war er zu seinem und unserem Glück von der Ostfront an die Westfront verlegt worden, wo er 1945 von den Franzosen gefangen genommen worden war.

Meine Mutter war beim Einmarsch der Russen mit meiner Schwester und mir zu den väterlichen Großeltern nach Forchheim geflüchtet, nachdem die Russen meinen Großvater im Spreewald getötet hatten, weil er seine Uhr nicht hatte hergeben wollen. In Forchheim sah ich dann erstmals bewusst einen abgemagerten Mann, von dem meine Mutter sagte: "Das ist dein Vati." Dieser "Vati" war im Krieg Oberleutnant und Kompanieführer gewesen und stand nun ohne Arbeit und ohne irgendwelche Habseligkeiten in Omas Küche, für mich und meine Schwester ein Fremder.

Ein Weihnachtsgeschenk

Zum Glück hatten die Großeltern einen großen Gemüsegarten, einen kleinen Kartoffelacker, Ziegen, Hasen, Hühner und Tauben, so dass es der Großfamilie nicht am notwendigen Essen mangelte. "Vati" fuhr bisweilen "schwarz" mit dem Zug nach Nürnberg und verkaufte in Bahnhofsnähe Blumensträußchen aus Omas Garten an die Nürnberger. Er schuftete in einer Sandgrube im Raum Hirschaid/Strullendorf, um etwas für den Unterhalt der Familie beizutragen.

Und dann kam an Weihnachten 1950 das größte Weihnachtsgeschenk für ihn und für uns. Die Regierung hatte beschlossen, ehemalige Offiziere in den Staatsdienst bei Zoll, Grenzpolizei und BGS (Bundesgrenzschutz) zu übernehmen. Das bedeutete für unseren Vater: eine Anstellung, zwar schlecht bezahlt, aber eben eine Arbeit. Er kam zum Zoll und wurde nach Neustadt/Coburg an die entstehende Zonengrenze versetzt. Im Dezember 1951 zogen wir ins Zonenrandgebiet, wie es damals hieß, erhielten eine 43 Quadratmeter große Wohnung, die 43 DM Miete pro Monat kostete und lebten hier in der "Diaspora". Neustadt war ein rein evangelischer Ort, hier hatte Luther gepredigt, und wir und alle Zöllner waren stets nur "die Katholischen", die man schon daran erkannte, dass sie "Grüß Gott" statt "Guten Tag" sagten.

Nun begann eine mehrjährige magere Zeit für uns alle: Das Gehalt war spärlich und der große Garten der Großeltern für unsere Versorgung fehlte hinten und vorne. Zum Glück besuchte uns der Großvater des Öfteren (er hatte als Bahnbeamter freie Zugfahrt) und sein großer Huckkorb war immer voll mit Gemüse und Obst.

Vater sah trotz seines "Kampfgewichts" von gerade einmal 50 Kilogramm richtig schmuck in seiner Zöllner-Uniform aus: dunkelgrüne Uniformjacke, graue Uniformhose, dazu hohe Lederschuhe oder sogar Reitstiefel (die ich immer putzen musste, bis sie blitzeblank glänzten) und eine schmucke, breite Uniformmütze auf dem Kopf. Später kam dazu sogar noch ein breiter schwarzer Ledergürtel mit einer "echten" Pistole, die er zu Hause immer versteckte, bis er wieder zum Dienst gehen musste.

Der "Dienst", immer zu zweit, führte ihn und seine Kollegen rund um den Muppberg (das ist der Neustadter Hausberg in Richtung Thüringer Wald). Vater erzählte nicht viel davon, aber hin und wieder bekam ich mit, dass man Schmuggler "geschnappt" hatte, die unerlaubterweise "Industrieverschleppung" begangen hatten; d.h. man hatte aus dem nahen Sonneberg oder aus der Glasbläsermetropole Lauscha Spielwaren oder Glaskugeln bzw. Vollglaserzeugnisse über die damals wirklich noch grüne und ungesicherte Grenze aus der "Ostzone" in die "Westzone" gebracht, obwohl das offiziell verboten war. Findige Geschäftsleute in Neustadt und Umgebung nutzten diese "Industrieverschleppung", um im Westen eine neue Industrie aufzubauen, denn außer den Glaswaren kamen bald auch Glasbläser aus Thüringen und bauten hier im Westen eine neue Existenz und sogar eine eigene Industrie auf.

Zurück zum Dienst an der Grenze: Es war eigentlich eine beschauliche Tätigkeit für meinen Vater und seine meist fränkischen, oberpfälzischen oder niederbayerischen Kollegen. Sonntags bin ich mit meinen Geschwistern des Öfteren an die Grenze gegangen, den Vater zu besuchen. Da gab es zum Beispiel die Gaststätte "Bergmühle". Hier verlief die Grenze mitten durch das Anwesen: Die Gaststätte mit dem Wohnhaus lag im Westen und jenseits des lächerlich und provisorisch angelegten Grenzzaunes - er bestand lediglich aus einem schräg gespannten Stacheldraht - lagen die Scheune und Nebengebäude des Anwesens der Familie Knauer.

Politik war ein Tabu-Thema

Man unterhielt sich mit den Uniformierten auf der anderen Seite, tauschte Allgemeinheiten aus, das Thema Politik war tabu. Von "Russen" war nie die Rede, denn es waren in der Regel in die Grenzregion versetzte Grenzpolizisten aus dem Inneren der "Ostzone", von "DDR" sprach noch niemand. Man hatte damals von ostdeutscher Seite aus wohlweislich darauf verzichtet, einheimische Grenzschützer an den Drahtzaun zu versetzen, damit diese nicht in den Westen überliefen.

Für meinen Vater und seine Kollegen war es selbstverständlich, dass man ein volles Bierglas dem Kollegen "von drüben" über oder durch den Zaun reichte und die aus dem Osten revanchierten sich mit russischem Tabak (Machorka), den "Unsere" sehr gerne ins mitgebrachte dünne Zigarettenpapier stopften und konsumierten.

Unter der Woche sammelten wir Kinder nahe des Grenzzauns "Butzelküh" und dürres Holz, halfen Vater in seiner Freizeit beim "Stöcke graben" (eine Knochenarbeit!) oder der Mutter, den dünnen Verdienst vom Vater aufzubessern: bei der Heimarbeit. Es gab kaum eine Neustadter Familie, die nicht für einen der zahlreichen Spielzeugfabrikanten zu Hause zusätzlich arbeitete: Da wurden Teddybären gestopft, Puppenkleider genäht oder Figuren (Cowboy- oder Indianersoldaten aus Masse oder Elastolin der damals noch weltbekannten Firma Hausser) bemalt.

Fahrradausflüge führten um den Muppberg und am Grenzzaun entlang zum einstigen Grenzübergang an der "gebrannten Brücke" (Straße nach Sonneberg). Hier entstand Mitte/Ende der 50er Jahre dann bereits eine befestigte Grenze mit Schlagbaum und dichtem Drahtzaun. Und auf der "anderen Seite" - wie man damals sagte - ließen die DDR-Machthaber große Mietskasernen bauen, die den Blick in das gegenüber liegende Sonneberg verhindern sollten. Alle Verbindungen waren abgeschnitten und von Neustadt aus ging es nur noch in Richtung Kronach oder Coburg zum Einkaufen, zu den Schulen oder zu den Ärzten.

Ende der 50er Jahre waren fast alle familiären Bande zwischen Ost und West zerschnitten: Die Ausreise aus dem Osten in das Neustadter Grenzgebiet und umgekehrt wurde immer schwieriger, der Grenzzaun wurde erhöht, und nachdem schon Mitte der 50er ein breiter Sicherheitsstreifen gepflügt worden war, nachdem vom Osten sogar Selbstschussanlagen installiert und Elektrozäune gebaut worden waren, wurde es fast unmöglich, ein Schlupfloch in den freien Westen zu finden. Als meine Großmutter mütterlicherseits aus dem Spreewald uns besuchen wollte, bedeutete das einen wochenlangen bürokratischen Aufwand, bis die alte Dame für eine Woche in den Westen einreisen durfte, noch dazu zu einem westdeutschen Grenzbeamten. Man musste sich an die Trennung und Teilung gewöhnen, auch wenn es schwerfiel. Als vor 30 Jahren die Meldung über den Rundfunk lief, dass auch in Neustadt und an der "gebrannten Brücke" die Grenze geöffnet worden sei, vergoss ich Tränen der Freude.

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