Knetzgau
Erinnerungen 

Geschichte aus dem Kirchturm

Vor 200 Jahren wurden nach der Erneuerung des Knetzgauer Gotteshauses Schriftstücke "eingemauert", die ein lebendiges Bild des Lebens in der damaligen Zeit geben.
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Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus (links) und Gemeindearchivar Gerhard Thein stellten die neu aufgelegte Broschüre vor.  Foto: Christiane Reuther
Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus (links) und Gemeindearchivar Gerhard Thein stellten die neu aufgelegte Broschüre vor. Foto: Christiane Reuther
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christiane Reuther

Es ist eine alte Sitte, bei der Errichtung von Baudenkmälern Urkunden mit Begebenheiten aus der jeweiligen Bauzeit anzufertigen, um sie der Nachkommenschaft zu überliefern. In Knetzgau wurde der Kirchturm der Pfarrkirche vor 200 Jahren erneuert und dabei Aufzeichnungen im Turmknopf, der Turmkuppel der Pfarrkirche, hinterlassen. Der Überlieferungsschatz des damaligen Pfarrer Johann Heinrich Keßler ist in einer Broschüre festgehalten, auf die Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus und Gemeindearchivar Gerhard Thein zum Jubiläum hinweisen und die nun neu aufgelegt wurde.
Im Jahr 1975 wurde der Kirchturm auf Vorschlag des damaligen Bürgermeisters Franz Hofmann mit Zustimmung des Gemeinderates renoviert. Dabei entdeckte man die unansehnlichen, von Pilz befallenen und feuchtigkeitsversehrten, teilweise auch vergilbten Schriftstücke in der Turmkugel und ließ sie restaurieren. Die Überlieferungen von Pfarrer Keßler wurden vom damaligen Gemeinderat und Ehrenbürger Rainer Wailersbacher in einer von der Gemeinde zwischenzeitlich in einer zweiten Auflage erschienenen Broschüre festgehalten.
In den Unterlagen wird Pfarrer Heinrich Keßler als "Universalgelehrter" beschrieben, der vor seiner Zeit als Pfarrer von Knetzgau vielfältige wissenschaftliche Studien und Publikationen verfasst hat. Er übersetzte zum Beispiel alle zwischen dem Papst und Kaiser Napoleon Bonaparte verhandelten Akten aus dem Lateinischen, Französischen und Italienischen ins Deutsche. Ehrenvolle Rufe an ausländische Universitäten hat er abgelehnt, um in Franken bleiben zu können. Der erste Schub der später für ihn tödlich verlaufenen Tuberkulose mag hier eine Rolle gespielt haben. Er suchte Genesung auf dem Lande und wurde 1817 bis 1822 Pfarrer in Knetzgau. Am 31. Dezember 1825 starb er im Alter von 45 Jahren in der Pfarrei St. Laurentius in Heidingsfeld. In seinem Testament hat er dem Armeninstitut eine nicht unbedeutende Summe vermacht.
Pfarrer Keßler, der die Aufzeichnungen selbst nicht geschrieben hat, sondern sie von dem damaligen Lehrer und Gemeindeschreiber Johann Georg Holzmann verfassen ließ, hielt nicht nur die damaligen Verhältnisse in Knetzgau selbst, sondern im gesamten Land fest. Er gewährt Einblicke in die Lage der europäischen Staaten zu dieser Zeit. Die Kriege Napoleons und die damit für die Bevölkerung verbundenen Beschwerden und Qualen sowie die Situation in den europäischen Herrscherhäusern Preußen, Frankreich und Österreich sind ebenso Thema wie das politische und wirtschaftliche Leben im damaligen Königreich Bayern.
Pfarrer Keßler beklagt die Situation der einfachen Menschen: "Das Volk seufzet unter dem Druck der Zeit. Es hat keinerlei Möglichkeiten, seine Ansprüche geltend zu machen".
Die Hungerjahre 1816 und 1817 werden mit folgenden Zeilen zitiert: "Das Jahr 1816 zeichnete sich durch seine Unfruchtbarkeit aus. Der ganze Winter vom Jahr 1815/16 war naß, es verging kaum ein Tag, wo es nicht regnete". Und vielerorts herrschte Armut: "Schon im Herbst 1816 gingen die Preise des Getreides außerordentlich in die Höhe und wuchsen mit jedem kommenden Tage."
Auch der Zustand der Kirche in Deutschland wird von Pfarrer Keßler ausführlich festgehalten: "Fehlt es an Bischöfen, so fehlt es noch mehr an Geistlichen. Dieser Mangel ist allenthalben fühlbar und furchtbar". In ganz Deutschland sind danach nur noch der Bischof von Eichstätt und Weihbischof Gregor Zirkel in Würzburg im Amt. Weiter ist zu lesen: "Auf der einen Seite herrscht der größte Unglaube und auf der anderen krasser Aberglaube."


Über die Schule

Das Schulleben wird wie folgt beschrieben: "Der Schulleiter ward in den ältesten Zeiten von dem hiesigen Pfarrer angenommen. Weil aber sehr häufig Streitigkeiten entstanden und Bamberg die Begebung des Schuldienstes in Anspruch nahm, so wurde endlich das Recht an Bamberg überlassen und dadurch war ein bambergischer Schullehrer und ein Würzburger Pfarrer im Ort."
Wie waren überhaupt diese Schriftstücke entstanden? Im Jahre 1793 brannte der Knetzgauer Kirchturm. Pfarrer Keßler beschreibt dies 1817 in den Turmurkunden ausführlich mit folgenden Worten: "Den Gang, den die bambergischen Untertanen vom Schul- und Gemeindehaus in den Kirchturm gebaut hatten, war auch der Weg, den ein im Schulhause entstandenes Feuer nahm, und auf welchen es denselben, so viel er von Holz war, in Asche legte."
Nach Auffassung des Gemeindearchivars Gerhard Thein muss der Meinung von Rainer Wailersbacher, dem Verfasser der Broschüre, auch heute noch zugestimmt werden. Sie enthält folgenden Wortlaut: "Ein weit größeres und bleibendes Vermächtnis an Knetzgau aber stellt der Text dar, den Pfarrer Keßler 1817 anlässlich der Wiedererrichtung des Kirchturmes verfasst hat." Die Broschüre ist in der Gemeinde Knetzgau zum Preis von zwei Euro erhältlich.
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