Bamberg

Gericht lässt Milde walten

Für eine gemeinschaftlich begangene Körperverletzung kommen die beiden Angeklagten vor dem Landgericht noch glimpflich davon.
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Eine gemeinschaftlich begangene Körperverletzung an einem frühen Morgen im Juli 2018 hat zwei Angeklagten aus Bamberg jetzt nur geringe Strafen eingebracht. Der Neffe bekam einen dreimonatigen Aufschlag, da er vor kurzem erst am Landgericht zu rund sechseinhalb Jahren verurteilt worden war. Dem Onkel blieb bei einer einjährigen Bewährungsstrafe der Gang ins Gefängnis ganz erspart.

Zeuge verschwunden

"Komisch, dass er nicht kommt. Er will wohl mit der Sache nichts mehr zu tun haben." Es war kein alltäglicher Fall, den Jugendrichter Martin Waschner da mit seinen beiden Schöffen zu verhandeln hatte. Denn das Opfer der Gewalttat, ein 34-jähriger Äthiopier, der in einer Gemeinschaftsunterkunft in Bamberg lebte, war trotz intensiver Suche nicht mehr aufzufinden. Weder die Polizei, noch das Ausländeramt der Stadt Bamberg und nicht einmal seine Rechtsanwältin Martina Walter-Bagley aus Schweinfurt konnten den seit Mai abgelehnten und danach verschwundenen Asylbewerber auftreiben. Es ging das Gerücht, er wäre mit Frau und Kind nach Frankreich ausgereist.

Also mussten seine nicht sehr umfangreichen Aussagen bei der Polizei verlesen werden. Was ihren Beweiswert noch weiter schmälerte, wie der Rechtsanwalt des Onkels, Jochen Kaller aus Bamberg, in seinem Plädoyer betonte. "Wir können den Zeugen leider nicht mit seinen widersprüchlichen Aussagen konfrontieren." Denn ursprünglich hatte der Äthiopier von zwei Männern und drei Frauen gesprochen, die vor dem Nebeneingang des Landgerichtsgebäudes auf ihn losgegangen seien. Später war dann nur noch von zwei Männern die Rede gewesen.

Bei den ersten Schlägen, die der Onkel gleich zu Beginn ausgeteilt hatte, nahm Staatsanwalt Felix Stephani an, dass es sich um Notwehr gehandelt habe. Denn eine Zeugin, die Ex-Freundin des Neffen, hatte einen Schlag des Äthiopiers beobachtet. Ihr glaubte das Gericht. Zudem hatte das Opfer den Onkel in den Finger gebissen. Ein älterer Augenzeuge, der das Geschehen aus seiner Wohnung mitangesehen hatte, hatte diesen Auftakt beim Weg ans Fenster offenbar verpasst. Doch die darauf folgenden Attacken, insbesondere als der Ostafrikaner bereits am Boden lag und vom Neffen festgehalten wurde, bekam der Pensionär mit. Sie wurden den beiden Angeklagten zum Verhängnis. Freilich nicht, weil es sich um lebensbedrohliche Tritte gehandelt hatte. Sondern weil die beiden gemeinsam auf den wehrlosen Mann losgegangen waren.

In der Resozialisierung

"Ich habe mich nur gewehrt. Vielleicht war es zu viel", so der Onkel. Von einer Spontantat unter zwei Promille Alkohol sprach Staatsanwalt Stephani, der "mit zwei zugedrückten Augen" noch Spielraum für eine Bewährung sah. Warum die Lage derart eskaliert war, konnte vor Gericht keiner erklären. Am Abend vor der Tat waren der Onkel und sein späteres Opfer noch durch die Kneipen gezogen. Er hatte ihm Getränke und Essen spendiert. "Ich fand ihn ganz sympathisch."

Das Bemühen, den beiden Angeklagten die erfolgreiche Resozialisierung nicht zu verbauen, war dem Urteil deutlich anzumerken. Der Onkel, der in seiner Jugend ein massives Drogenproblem gehabt hatte und arbeitslos gewesen war, habe nun die Kurve bekommen, so Richter Waschner. Nach einer Therapie hat der dreifache Vater sich beruflich bewährt und familiär gefangen. Die Kontakte in die "Gereuther Crystal-Szene" hat er abgebrochen.

Der Neffe befindet sich derzeit infolge eines Urteils am Landgericht im Bezirksklinikum Parsberg, wo er eine zweijährige Therapie macht, um vom Rauschgift (Kokain, Cannabis und Amphetamine) und der damit verbundenen Beschaffungs- und Gewaltkriminalität loszukommen. "Er ist auf einem guten Weg." Hätte er mehr als die drei Monate bekommen, hätte er in ein normales Gefängnis gemusst. Das hätte den Therapieerfolg gefährdet. Seine Verteidigerin Kerstin Rieger aus Kronach glaubte bis zuletzt an die Unschuld ihres Mandanten und forderte gar Freispruch.

Entgegenkommen

Damit der Onkel, der nun zwei offene Bewährungen nebeneinander beachten muss, nicht den Eindruck bekam, einen Freispruch erlebt zu haben, muss er 750 Euro Geldauflage an die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Bamberg/Forchheim (PSAG) zahlen.

Auch das ist, angesichts der sonst üblicherweise verhängten zwei Nettogehälter, ein Entgegenkommen des Jugendschöffengerichtes. Es wären auch weit über 2000 Euro möglich gewesen.

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