Laden...
Herzogenaurach

Gelebte Ökumene vor 150 Jahren

Die Satzung des Katholischen Gesellenvereins, dem Vorläufer der Herzogenauracher Kolpingsfamilie, erlaubte schon 1870 die Aufnahme protestantischer Handwerksgesellen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Vereinsfahne von 1872 wird im Stadtmuseum aufbewahrt.
Die Vereinsfahne von 1872 wird im Stadtmuseum aufbewahrt.
+1 Bild

Eine Zeitreise in die 150 Jahre des Bestehens der Kolpingsfamilie Herzogenaurach unternahmen unlängst einige Mitglieder. Zu diesem Zweck begaben sie sich in das Stadtmuseum und stöberten im Pfarrzentrum in alten Protokollbüchern.

Im Museum wird das Vereinsbild des Katholischen Gesellenvereins, so nannte sich die Kolpingsfamilie ursprünglich, aus dem Jahr 1910 verwahrt. Entstanden ist es im Fotoatelier Scharf. Darauf befinden sich die Fotos von 125 Mitgliedern und dem damaligen Kaplan Karl Römer. Bei rund 2800 Einwohnern in Herzogenaurach stellten 125 Mitglieder eine beachtliche Leistung dar, die von der Bedeutung und Akzeptanz des Gesellenvereins in der Stadt zeugen.

Beim Besuch im Museum konnten sich die Kolpinger auf dem großformatigen Bild auf die Suche begeben, welche Verwandten darauf abgebildet sind, und von deren Wirken im Gesellenverein überzeugen. Damals waren es ausschließlich Männer, die das Bild des Gesellenvereins prägen, inzwischen engagieren sich auch Frauen sowie ganze Familien bei Kolping.

Museumsleiterin Irene Lederer hatte eine weitere Rarität aus dem Depot für die Kolpinger hervorgeholt. Denn im Museum wird auch die Fahne des Gesellenvereins aus dem Jahr 1872 verwahrt, die vom damaligen Stadtpfarrer Michael Störcher gestaltet wurde. Da sie schon viele Jahre alt ist, kann sie nicht mehr für öffentliche Auftritte genutzt werden. Geweiht wurde sie am 30. Juni 1872, vom Vereinslokal bewegte sich ein Festzug zur Kirche. Am Nachmittag begaben sich die Festgäste zum Bitterschen Felsenkeller im Weihersbach.

In das Museum gekommen ist auf Vermittlung von Fritz Spieß auch ein weiteres Gemälde von Pfarrer Störcher, das den heiligen Josef zeigt. Es war ursprünglich im Gesellenzimmer des Vereinshauses verortet und bedarf einer Restaurierung, bevor es präsentiert werden kann.

Förderung des sittlichen Lebens

Im Pfarrzentrum brachte Dieter Lohmaier, Vorsitzender der Kolpingsfamilie, wichtige Punkte aus den Anfangsjahren des Gesellenvereins zu Gehör. Die Vereinsstatuten waren bereits am 12. Januar 1870 verfasst worden. Aus diesen Statuten ist auch die Zielsetzung des neu gegründeten Vereins zu erkennen.

Grundlage des Vereinslebens war die Anregung und Förderung des sittlichen und religiösen Lebens. Durch die Bildung der Handwerksgesellen wollte man einen "tüchtigen und ehrenwerthen" Meisterstand heranbilden.

Daraus ist ersichtlich, dass der Verein in erster Linie für die ledigen Gesellen zuständig war und Handwerksmeister nur als Ehrenmitglieder aufgenommen wurden. Die Aufnahme verheirateter Gesellen wurde als Ausnahme genehmigt. Für die damalige Zeit geradezu revolutionär verhielt sich der Verein trotz seiner konfessionellen Ausrichtung. Die Satzung erlaubte es, auch protestantische Handwerksgesellen in die Gemeinschaft aufzunehmen, ein frühzeitiger Ökumenegedanke in Herzogenaurach.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren