Laut. Das ist der einzig klare Gedanke, den ich fassen kann. Ich liege auf meinem indischen Bett und versuche zu schlafen. Als ich vor ein paar Minuten das rasende Getrommel das erste Mal leise in der Entfernung wahrnahm, ahnte ich nichts Böses.
Als das Crescendo aber nicht mehr leiser wird, verabschiede ich mich gedanklich vom baldigen Schlaf. Ich versuche noch kurz, mit Kopfhörern und Musik auf meinem Handy gegen den Lärm von draußen zu rebellieren. Vergeblich. Und das, obwohl mein Handy seine Maximallautstärke erreicht hat.
Das bringt mich zum Stutzen. Denn beim normalen Umgebungslärm reicht normalerweise schon die halbe Lautstärke, um sich zu fühlen, als wäre man mittendrin in einem Club mit großen Bässen. Also setzte ich die Kopfhörer lieber wieder ab, einen Gehörschaden will ich mit meiner kleinen Rebellion nun auch nicht herbeiführen.


Was Glück bringen soll

Ich schiele an die gegenüberliegende Seite des Zimmers zu dem Bett meiner Teampartnerin Tine. Es ist leer. Wenigstens bin ich nicht die Einzige, die mitten in der Nacht noch wach ist. Ich strecke mich und beschließe, mal auf den Balkon zu schauen - vielleicht lässt sich ja die Quelle des Getrommels ausmachen.
Hier finde ich auch Tine, die mich nur lächelnd fragt: "Na, kannst du auch nicht schlafen?" Ich schüttel nur müde den Kopf. Mittlerweile ist es schon nach Mitternacht. Als ich ein paar Schritte weiter gehe und über den Rand des Balkons blicken kann, verstehe ich auf einmal, wer oder was uns da wachgehalten hat. Ungefähr fünf Trommler stehen direkt vor unserem Haus und scheinen zu testen, wer sein Instrument am lautesten zum Klingen bringen kann.
Vor ihnen hat sich eine Menge orangefarben gekleideter Männer versammelt, die ausgelassen zu den Klängen tanzen. Ein kleines Stück weiter sehe ich auch einen Kreis aus Frauen und Mädchen, die ihren Tanz getrennt von den Männern aufführen. Der Gruppe, die langsam durch die Straßen zieht, folgt treu ein kleiner Lastwagen, auf dem sich eine große Ganesha-Statue befindet. Ganesha ist der Lieblings-Gott vieler Hindus, wie mir eine Mitarbeiterin mal verschwörerisch zuflüsterte, als wären die anderen Götter beleidigt, wenn sie es laut aussprechen würde.
Als wir am nächsten Tag müde im Büro sitzen, erfahren wir, was es mit dem Spektakel auf sich hat. Zurzeit findet ein zehntägiger Feiertag zu Ehren des Geburtstages des Hindu-Gottes statt. Die Familien ziehen mit eigenen Statuen erst durch die Stadt, ehe sie die Lehm-Gebilde abschließend im See versenken, der inmitten der Stadt liegt. Das soll Glück bringen.
Wir beschließen, dass wir das Versenken am See auch sehen wollen. Zuerst fahren wir direkt zum großen See, in dessen Mitte eine riesige Buddha-Statue thront. Als wir ankommen, färbt sich der Himmel gerade von hellblau zu einer wunderschönen Mischung aus rot, orange und rosa. Das Licht lässt das ganze Geschehen noch magischer erscheinen.


Neue Einsichten

Wir sehen große Kräne, die Ganesha-Statuen hochhieven und in den See bringen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Schaulustigen tanzen, singen und natürlich trommeln sie immer noch. Danach besuchen wir die größte Statue der Stadt, welche am letzten Tag des Festivals versenkt wird.
Wir sind jedoch nicht die Einzigen, die den etwa zwölf Meter hohen Elefanten-Gott sehen wollen - und so finden wir uns wenig später erstmals in einer indischen Menschenmenge wieder. Ich stelle verschwitzt und lächelnd fest: "Das ist dann wohl das erste Mal Indien!"
Hier in der Großstadt vergisst man manchmal schon fast, dass man sich in einem asiatischen Land befindet. Amerikanische Fast-Food-Ketten reihen sich an Modelabels, die man auch aus Deutschland kennt.
Wenige Tage später steht dann schon die nächste Feier an: mein eigener Geburtstag. Ich lausche um Mitternacht gespannt, aber diesmal erscheinen keine Trommler. Insgesamt läuft mein Tag wesentlich weniger spektakulär ab, als Ganeshas Geburtstags-Marathon. Tine und ich verbringen den Tag in unserem Appartement.
Mit einer Gastfamilie wohnen wir nämlich doch nicht zusammen, und treffen uns abends mit einigen der anderen deutschen Freiwilligen.
Was meine eigentliche Aufgabe hier angeht - über Frauenrechte in Indien zu lernen - habe ich auch schon einige neue Einsichten erhalten. Die ersten Wochen nutzten wir, um uns eine theoretische Basis zu schaffen, indem wir Gesetze und Dokumente lasen, um zu verstehen, wie die Rechtslage in Indien ist.


Angst vor Konsequenzen

Nun vergleichen wir unser Wissen mit der alltäglichen Realität von Frauen. Wir besuchen Beratungsstellen und sprechen dort mit Überlebenden aller Formen von häuslicher Gewalt oder auch einfach nur mit Frauen, die sich nicht von ihrem Ehemann scheiden lassen wollen - aus Angst vor den gesellschaftlichen Konsequenzen für ihre Kinder.
Das Auseinandersetzen mit dem Thema hat auch dazu geführt, dass ich mich viel mehr mit der Lage der Frauen in Deutschland beschäftige. Dieser Aufenthalt ist definitiv nicht abgeschlossen, wenn ich Indien verlasse.