Frühchen sind ihre Herzenssache

Ein Frauenkreis um Veronika Schmitt näht Kleidung für Frühgeborene in der Kinderklinik des Klinikums Bamberg. Jetzt übergab das Team dort eine neue Kollektion.
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Die kleine Magdalena auf dem Arm von Kinderkrankenschwester Vicky Teller trägt Kleidung, die Veronika Schmitt (rechts) genäht hat.
Die kleine Magdalena auf dem Arm von Kinderkrankenschwester Vicky Teller trägt Kleidung, die Veronika Schmitt (rechts) genäht hat.
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Marion Krüger-Hundrup

So zart! So winzig! Magdalena wirkt zerbrechlich, wie sie in Mamas Armen liegt. Dabei hatte das Mädchen es eilig, auf die Welt zu kommen: in der 33. Schwangerschaftswoche, also viel zu früh. Doch dank Intensivmedizin und rundum bester Betreuung in der Kinderklinik des Klinikums Bamberg überlebte sie und gedeiht prächtig.
Und modebewusst ist die junge Dame auch noch: Ihr winziger Körper steckt in einer feschen Kombination aus Strampelhöschen und Jäckchen, ein flottes Mützchen bedeckt ihr Köpfchen mit Flaumhaar. "In der entsprechenden Größe und Qualität gibt es anderweitig keine Kleidung für Frühchen", erklärt Veronika Schmitt, die Magdalena so ausstaffiert hat. Für die 55-jährige Bambergerin war das eine "Herzenssache". So heißt ihre Initiative, die sie für Frühgeborene und "Sternenkinder" ins Leben gerufen hat (im Internet unter www.herzenssache-bamberg.jimdo.com).
Die Ehrenamtsaktion beruht auf zwei Säulen: Zum einen näht, strickt, häkelt ein Team aus zehn Frauen geeignete Kleidung für Frühchen. Zum anderen kümmert sich "Herzenssache" um die würdevolle Bestattung von "Sternenkindern", von Säuglingen, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. "Sternenkinder gibt es mehr, als man glauben mag", weiß Veronika Schmitt. Dieses Thema sei immer noch ein Tabu in der Gesellschaft. Dabei hat sich sogar die Politik der Sternenkinder angenommen. Nach dem bayerischen Bestattungsrecht gilt für eine so genannte Totgeburt mit einem Gewicht von mindestens 500 Gramm, dass eine ganz normale Beisetzung zu erfolgen hat. Wiegt das Kind weniger, müssen die Eltern eine Entscheidung treffen. Tun sie das nicht, hat der Verfügungsberechtigte die Aufgabe, sich um die Beisetzung etwa in einem anonymen Gräberfeld zu kümmern.


Bamberger als Vorreiter

Veronika Schmitt weist darauf hin, dass die Stadt Bamberg hinsichtlich Fötenbestattung eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Schon vor etlichen Jahren konnten die ersten entsprechenden Gräberfelder auf dem Hauptfriedhof eingeweiht werden. Anfangs wurden die Kinder nur in ein Tuch gewickelt, weil sonst nichts Geeignetes zur Verfügung stand. "Das erschien mir wenig pietätvoll", sagt Veronika Schmitt. Sie entwickelte kleine "Schlafsäckchen" für eine würdevolle Bestattung sowie "Storchenbeutel" für Fehlgeburten bis zur achten Schwangerschaftswoche und "Moseskörbchen" für größere Sternenkinder. Passend zum Namen "Herzenssache" wird auch an die Geschwister gedacht: Sie bekommen kleine Schmetterlinge, Teddys oder Püppchen, die ein wenig über den Verlust des kleinen Bruders oder der Schwester hinweghelfen sollen.
Und so setzen sich die Frauen um Veronika Schmitt - zwischen 24 und 72 Jahre alt - mit Eifer an ihre häuslichen Nähmaschinen und fertigen die winzigen Objekte. Rund 250 Einzelteile kamen allein seit Mai 2017 zusammen. Und zwar nicht willkürlich produziert, sondern nach Beratung durch die Kinderkrankenschwestern Martina Oppel und Vicky Teller. Sie arbeiten auf der Intensivstation 5 CD für Kinder von null bis 18 Jahren und kennen den Bedarf an Kleidungsstücken für Frühgeborene. Etwa 200 sind es in Bamberg jährlich, die sich ihren Platz in der Welt erkämpfen müssen.
"Die Eltern waschen die Kleidung, behalten sie später dann auch", berichtet Schwester Vicky. Sie ist dabei, als Veronika Schmitt mit Kati Braun, Cornelia Kahlert, Jessica Kestel, Anita Kießling und Waltraud Lederer die neue Kollektion überreicht. "Die Sachen kommen wie gerufen, wir haben nicht mehr viel!" freut sich die Kinderkrankenschwester. Sogar die neue Chefärztin der Kinderklinik, Professorin Eva Robel-Tillig, eilt herbei, um sich bei Veronika Schmitt und ihren Frauen für die Unterstützung zu bedanken: "Die Kleidung für Frühgeborene hat auch eine moralische Bedeutung für die Eltern, weil es sonst so kleine Sachen nicht gibt", betont die Chefärztin.
Diese Worte spornen Veronika Schmitt natürlich an, weiter zu machen. Gern hätte sie noch mehr Mitstreiterinnen an Nähmaschinen oder Stricknadeln. Und mindestens ebenso lieb wäre es ihr, wenn "Herzenssache" mehr Sachspenden bekäme: Stoff- und Wollreste, Garne. "Wir nehmen keine Geldspenden!" erklärt Veronika Schmitt. Wenn Kosten entstehen, "bezahlen wir das aus der jeweils eigenen Tasche".
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