Herzogenaurach

Frankreich bei den Franken

Nicht nur durch die Städtepartnerschaft mit Sainte-Luce-sur-Loire gibt es in Herzogenaurach besonders enge Bindungen zu unseren westlichen Nachbarn. In der Alltagssprache wird das immer wieder deutlich.
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Der Citroën DX war auch für die Deutschen früher ein Traumauto.
Der Citroën DX war auch für die Deutschen früher ein Traumauto.
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Frankreich war über Jahrhunderte die Kulturnation in Europa schlechthin. An den höheren Schulen in Deutschland wurde bis in die 1940er Jahre Französisch als erste Fremdsprache gelehrt. Im deutschen Sprachgebrauch gibt es auch heute noch viele französische Lehnwörter wie Portemonnaie, Trottoir oder Jalousie.

Herzogenaurach unterhält seit über 30 Jahren eine Städtepartnerschaft mit Sainte-Luce-sur-Loire. Ein besonderes Verhältnis mit Frankreich hat Herzogenaurach nicht nur durch die bestehende Städtepartnerschaft, von 1807 bis 1810 gehörte die Aurachstadt mit dem Fürstentum Bayreuth zum französischen Kaiserreich. Ein Grund, das Verhältnis von Franken und Frankreich etwas näher zu beleuchten.

Am 26. August 1801 wurde Erzbischof Peter Ludwig von Leyssin von Embrun (Frankeich) in der Stadtpfarrkirche von Herzogenaurach beigesetzt, ein Jahr später Ludovica Felicitas Leduc. Beide waren vor der Französischen Revolution geflohen. In der napoleonischen Zeit gelangten die fränkischen Markgrafentümer Ansbach und Bayreuth und damit auch Herzogenaurach an Frankreich. Erst 1810 wurde die Aurachstadt bayerisch.

Von älteren Stadtbewohnern hört man gelegentlich noch Ausdrücke, die heute kaum mehr im Sprachgebrauch verwendet werden. Kleine Kinder waren vif und hoffentlich kein Enfant terrible, das Trottoir vor dem Haus wurde jeden Freitag gefegt, im Portemonnaie wurde das nötige Kleingeld zum Einkaufen aufbewahrt. Zum Schlafen im Bett deckte man sich mit einem Plumeau (=Federbettdecke) zu, darunter befand sich ein Potschamber (Pot de chambre), denn die Toilette war nicht immer in der Wohnung. Geheizt wurde mit Briketts.

Paraplü schützt vor Regen

In der guten Stube stand eine Chaiselongue (langer Stuhl), wo man sich ausruhen konnte, aber auch zum Kaffeetrinken Platz nahm. Der Herr trug zu diesem Anlass Krawatte und Manschetten zum Jacket, die Brille trug man im Etui bei sich. Die Damen trugen Rüschen und legten Eau de Cologne auf und hatten gegen das schlechte Wetter ein Paraplü bei sich.

Wer zur Arbeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr, dessen Billet wurde im Omnibus von einem Kontrolleur überprüft, in der Tram gab es den Kondukteur.

Zur Kerwa im Nachbardorf fuhr man mit dem Veloziped auf einer Chaussee. Für die Kinder gab es kein großes Brimborium, sondern das Karussell oder das Marionettentheater, ansonsten hieß es: "Mach keine Fisimatenten". Wer zu viel getrunken hatte, dem wurde es vielleicht blümerant und er musste aufs Pissoir.

Selbst die ehemals in Herzogenaurach stark vertretenen Weber waren bekannt für ihre Flanelle, Molton oder Kamelott und versuchten sich an Batist. An anderen Stoffarten, die erst später aufkamen, waren sie nicht mehr beteiligt, etwa Frotté, Popeline und Velour.

Wie bei Stoffen ist es auch bei der Haute Couture, es überwiegen französische Namen wie Blouson, Bluse, Bordeauxrot, Jackett, aber auch Weste oder Dessous. Selbst die Bezeichnung Jeans hat französische Wurzeln. Denn die Hosen aus Baumwolle kamen aus der Gegend um die italienische Stadt Genua in die USA. Aus der französischen Form des Städtenamens "Gênes" entwickelte sich in Amerika der Name "Jeans". Levi Strauss aus Buttenheim, der 1847 nach San Francisco kam, fertigte die robuste Arbeitskleidung für die Goldgräber, die "Gênes", aus dem Stoff "Serge de Nîmes" (Gewebe aus der Stadt Nimes), was sich zu Denim Jeans verkürzte.

Auch beim Essen liegt Frankreich vorne. Wer Appetit hat, will nicht unbedingt in die Kantine gehen, wo es Pommes Frites oder Bouletten gibt. Man könnte stattdessen auswählen zwischen Bistro, Café oder Restaurant. Im Bistro gibt es Baguette oder Canapé, Bouillon und Crêpe. Im Café ein Croissant zum Kaffee.

Im Restaurant kann Cordon bleu mit Chicorée, Entrecôte, Filet, Ragout fin, Roulade, Spargel mit Sauce béarnaise oder Sauce hollandaise, aber auch Bœuf la Mode auf der Speisekarte stehen. Zum Dessert wird Mousse au Chocolat und Parfait angeboten, oder doch lieber ein Sorbet? Im Fischrestaurant stehen eine Bouillabaisse und Dorade auf der Speisekarte.

Oder aber man zaubert in der eigenen Küche. Was würde sich anbieten für Gäste: Raclette, oder Quiche, Ratatouille (natürlich mit Auberginen), Rouladen. Oder in der Pilzsaison ein leichtes Gericht aus Parasol bzw. Champignon. Zum Abschluss einen Camembert, Käse schließt ja bekanntlich den Magen.

Ohne Fachbegriffe aus dem Französischen wäre das Militär gar nicht denkbar. Wer denkt nicht an die drei Musketiere (bekannt durch Alexandre Dumas), nicht so bekannt sind die Sappeure, Kürassiere, Grenadiere oder Füsiliere.

In Handwerk und Militär

Ein Franke aus Hüttendorf, der sich den französischen Namen Jean (Baron) de Kalb (1721 - 1780) gab, wurde zum Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Auch Truppenteile wie Kompanie, Eskadron, Bataillon, Batterie, Division kommen aus dem Französischen. Genauso die Rangordnungen Portepee-Träger oder Offizier, Leutnant, Major, General, Marschall. Und dass sich der Gendarm (Schandi) auch aus dem Französischen ableitet (gens d'armes), machte sie deswegen nicht beliebter.

Auch im Handwerk sind französische Begriffe üblich, etwa, wenn der Schreiner ein Furnier verarbeitet oder der Monteur einen Franzosen gebraucht.

Aus dem Französischen entlehnt sind Begriffe wie Appartement, Parkett, Balkon und Parterre genauso wie Gardinen und Jalousie oder Rouleau am Fenster oder der Balkon mit einer Markise. Das Cabriolet oder Coupé der Marke Renault oder Citroën stellt man besser in die Garage. Auch Begriffe wie Boutique oder Diskothek kamen von jenseits des Rheins.

Viele Begriffe sind nicht mehr gebräuchlich. Wieso kann man nicht wieder Haschee sagen statt Chili con carne? Und was ist aus dem Stolz der Industrie und Technik, dem deutschen Diplom-Ingenieur geworden? Bachelor und Master.

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