Mitwitz

Flügel ersetzt verunglücktes Cello

Das zweite Konzert der Mitwitzer Schlosskonzerte war ein nicht ganz freiwilliger Ausflug in die Wiener Klassik. Dafür wurde das Publikum mit großer Klavierkunst entschädigt.
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Christoph Soldan bei seinem spontanen Klavierkonzert im Mitwitzer Wasserschloss. Foto: Nicole Julien Mann
Christoph Soldan bei seinem spontanen Klavierkonzert im Mitwitzer Wasserschloss. Foto: Nicole Julien Mann

Nicole Julien Mann Mitwitz — "Wir haben gerade keine Vakatur!", wurde dem jungen Wolfgang Amadeus Mozart am Hof des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz in Mannheim beschieden. Infolgedessen blieb dem Komponisten nichts anderes übrig, als seine Musik wieder einzupacken und weiterzuziehen. Am Sonntag im Weißen Saal des Wasserschlosses Mitwitz dagegen tat sich unverhofft sehr wohl eine Vakatur auf: die vier Musiker der Stuttgarter Kammersolisten wurden bei der Anreise in einen Unfall verwickelt. Die Personen blieben zum Glück unverletzt, das Cello dagegen nicht. Und so stellte Pianist Christoph Soldan das Programm flugs um.

Mit drei Klaviersonaten skizzierte er 46 Jahre Entwicklungsgeschichte der Wiener Klassik. Die Klangreise am Flügel würzte er mit Erläuterungen zu den Werken und Anekdoten zu den Komponisten - alles quasi aus der Lamäng, denn anders ist eine Vorbereitungszeit von zweieinhalb Stunden nicht zu benennen. Das treue Publikum wurde mit einem Konzert der Extraklasse verwöhnt.

Soldan begann mit der Klaviersonate h-Moll von Joseph Haydn aus dem Jahr 1776. Die kontrapunktische Themenführung und der fugenhafte Charakter verweisen noch deutlich auf die Einflüsse aus dem Barock. Die Virtuosität im Notensatz allerdings zeigen, dass musikalisch eine neue Zeit angebrochen war. Im folgenden Jahr komponierte Wolfgang Amadeus Mozart die D-Dur-Sonate in Mannheim. Wie eingangs erwähnt, führte die nicht zum erhofften Engagement am Hofe des Pfalzgrafen und auch nicht in ein Liebesverhältnis mit Aloisia Weber, aber immerhin heiratete er später deren Schwester Constanze. Fernab vom strengen Vater, an einem kunstsinnigen Hofe in der weiten Welt, das trug offenkundig zur heiteren Stimmung von Mozart bei, die er in der Sonate in elegant-verspielte Töne fasst. Die virtuose Beherrschung der Tasten ist hier Mittel zum Zweck, deshalb ist die Leichtigkeit der Musik trügerisch: Sie erfordert höchstes Können.

Das gilt auch für das letzte Stück des Abends, das auch die letzte Klaviersonate von Ludwig van Beethoven war, c-Moll op. 111. Als er sie um 1820 komponierte, war er schon vollkommen taub. Vielleicht erklärt das die brachiale Gewalt, die im schicksalhaften Thema, insbesondere des ersten Satzes, immer wieder durchbricht.

Soldan bezieht sich auf die These, wonach die große unbekannte Geliebte Beethovens Josephine von Brunswick gewesen sei. Die Sonate entstand in ihrem Todesjahr. Der zweite Satz beginnt in c-Moll und endet in C-Dur. " Fünf groß angelegte Variationen entfernen sich vom Thema und kommen dann zurück", erklärt Soldan. Seiner Interpretation nach schließe das abrupte Ende nicht einen Kreis, sondern öffnet ihn zu neuen Sphären. Und so wirkt das Werk wie eine Meditation, bei der sich die Gedanken immer wieder Bahn brechen, ob heiter, melancholisch oder dramatisch, auf der Suche nach Transzendenz. Oder er mäandert um ein Thema herum und kommt nicht zum Punkt - das wäre die Version derjenigen, die für Beethoven nicht viel übrig haben.

Christoph Soldan jedenfalls ist nach seinem Vortrag noch sekundenlang von der Musik gefangen, bevor er den begeisterten, lange anhaltenden Applaus entgegennimmt.

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