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Kronach

Flucht in die Ferne

Als Covid-19 ausbricht, reist FT-Reporter Bastian Sünkel gerade durch China. Der Backpacker versucht, die Reise fortzusetzen, nur um am Ende festzustellen, dass ihn das Virus überall einholen kann.
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Als bekannt wird, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar ist, vereinsamen die Straßen in der chinesischen Metropole Chengdu. FT-Reporter Bastian Sünkel (rechts) reist weiter nach Kambodscha, doch das Virus macht an Ländergrenzen nicht Halt.  Fotos: Bastian Sünkel
Als bekannt wird, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar ist, vereinsamen die Straßen in der chinesischen Metropole Chengdu. FT-Reporter Bastian Sünkel (rechts) reist weiter nach Kambodscha, doch das Virus macht an Ländergrenzen nicht Halt. Fotos: Bastian Sünkel
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Bastian Sünkel Als der Müllsammler seinen Sack durch die Straßen von Chengdu schleppt, weiß ich, die Welt hat sich verändert. Mitte Januar waren die Straßen noch voll und die Männer mit ihren grünen Säcken über der Schulter drängten sich auf den Gehsteigen an den Passanten in der chinesischen 15-Millionen-Metropole vorbei. Ende Januar sind die Straßen leer und der Sammler zieht einsam seine Bahnen auf den Straßen, auf denen kein Auto mehr fährt.

Corona hat auch die Reisendenszene gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen. Die Pauschaltouristen und Kreuzfahrtpassagiere, die Wintersportler und die Tausenden Backpacker - wie ich ich einer bin - wollen nicht wahrhaben, dass die Reise plötzlich zu Ende sein soll. Als das Virus in Wuhan ausgebrochen ist, bin ich seit einem Jahr und acht Monaten - inklusive Verletzungsunterbrechung - als reisender Journalist in der Welt unterwegs. Erst in Mexiko, wo Menschen sterben, weil die Präsidentschaftswahl ihre Opfer fordert. In Guatemala, wo sich eine Karawane honduranischer Flüchtlinge bis in die USA durchkämpfen will. Im Iran, als bei den Protesten nach der Benzinpreiserhöhung Menschen auf offener Straße getötet werden und die Regierung kurzerhand das Internet lahmlegt. Aber Corona ist anders. Corona kommt schleichend daher, wie der unscheinbare Müllsammler.

Am 14. Januar passiere ich die Grenze von Kasachstan nach China. Queenie ist die Erste, die mich in unserem Zugabteil mit dem Virus konfrontiert. Sie reicht mir einen Mundschutz und sagt, ich solle ihn an den Bahnhöfen tragen. Nur vorsichtshalber, sagt die Frau aus Hongkong, die ich während der Bahnfahrt kennengelernt habe. Das Virus sei ja scheinbar nicht von Mensch zu Mensch übertragbar, aber sicher ist sicher.

Nur eine Woche später gibt die chinesische Regierung bekannt, dass das Virus doch übertragbar ist. Die Maske hatte ich in der Zwischenzeit in meinem Rucksack verstaut. Das Virus war ja weit weg, Wuhan liegt knapp 1000 Kilometer von meinem Aufenthaltsort Chengdu entfernt. Als sich die ersten Menschen in Chengdu infizieren, ändert sich die Situation schlagartig. Mit dem Neujahrsfest, für das Millionen Chinesen durch das Land reisen, um ihre Familien zu besuchen, verkündet die Regierung den Lockdown. Mein Hostel schließt, die Attraktionen, die Bars und Restaurants. Alles dicht. Ich treffe erstmals die Entscheidung, ein Land wegen einer drohenden Epidemie zu verlassen. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Flucht aus China

Kurz nachdem ich in Kambodscha den Flughafen verlasse, melden die Medien den ersten Corona-Fall in Bayern. Kambodscha hat bis zu diesem Zeitpunkt - offiziell - keinen Infizierten. Doch die Regierung will auch nicht die Beziehung zu China strapazieren. Eine Frage des Geldes. Ich reise wieder, einmal im Kreis, einmal durch Kambodscha - bis mich das Virus wieder einholt. Am Terminal in Phnom Penh warte ich Ende Februar auf den Bus, der mich nach Vietnam bringen soll. Doch plötzlich verweigert mir die Mitarbeiterin den Zutritt, während sie auf den chinesischen Stempel in meinem Pass zeigt. Das Gleiche passiert mir, als ich zwei Tage später versuche, nach Indonesien zu fliegen. Langsam kann ich der Realität nicht mehr entfliehen. Die Reise, die noch bis Mitte April hätte andauern sollen? Quasi vorbei. Ich buche ein Ticket nach Österreich.

Als ich am 2. März in Wien lande, haben sich in Österreich zehn Menschen mit Covid-19 infiziert. Natürlich sind es in Wirklichkeit mehr. Aber Reisende sind gut im Verdrängen. In zehn Tagen trampe ich von Wien bis Innsbruck, als die Regierung beschließt, die Grenze nach Italien zu schließen. Da war es wieder, das Dé-jà-vu.

Ich hatte Glück, zur richtigen Zeit zurück zu sein. Andere Reisende, die ich auf dem Weg getroffen habe, saßen zum Teil bis April in entfernten Ländern fest, die nach und nach Ausgangssperren verhängten. Als ich in Franken ankomme, weiß ich, dass sich das Reisen, wie wir es bis Januar kannten, verändern wird. Das liegt nicht nur an Einreisestopps. Das Virus kam schleichend, aber die Erfahrungen aus dieser Zeit setzen sich in den Köpfen der Reisenden fest. Die Welt geht auf Abstand.