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Coburg

Fiktiv, aber erschreckend realitätsnah

Am Dienstag um 19.30 Uhr geht im Saal 5 des Utopolis der Vorhang auf für den Film "Systemsprenger", mit dem die Regisseurin Nora Fingscheidt auf der Berlinale für eine fulminante Premiere sorgte und den Silbernen Bären sowie den Publikumspreis der Leserjury abräumte.
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Im Saal 5 des Utopolis wird am Dienstag der Film "Systemsprenger" gezeigt (von links): Dieter Schwämmlein, Thomas Wedel und Oliver Heß (hinten), Oskar Heublein, Daniela Schumann-Walter und Angelika Sachtleben haben sich vorab schon damit beschäftigt.  Foto: Gabi Bertram
Im Saal 5 des Utopolis wird am Dienstag der Film "Systemsprenger" gezeigt (von links): Dieter Schwämmlein, Thomas Wedel und Oliver Heß (hinten), Oskar Heublein, Daniela Schumann-Walter und Angelika Sachtleben haben sich vorab schon damit beschäftigt. Foto: Gabi Bertram

Es ist eine fiktive Geschichte: Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule. Egal, wo die wilde neunjährige Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Benni ist das, was im Jugendamt "Systemsprenger" genannt wird - ein soziologischer Begriff, der Kinder als "Hochrisikofälle" einstuft und beschreibt. Angelika Sachtleben, Jugendamtsleiterin im Landkreis Coburg, kennt das nur zu gut. "Was der Film sehr erschreckend, aber auch feinfühlig zeigt, das ist unser Alltag", sagte sie.

Am Donnerstag stellten Angelika Sachtleben, Erziehungsberater Dieter Schwämmlein, Thomas Wedel, Leiter des Aufgabenbereichs Soziale Dienste im Jugendamt, sowie Oliver Heß vom Partner Volkshochschule und als Utopilis-Vertreter Oskar Heublein und Daniela Schumann-Walter den Film vor, der im Rahmen des VHS-Programms am Dienstag startet. Schwämmlein nannte den Film "imposant, beeindruckend, herausragend". Ihn habe die Geschichte von Benni betroffen gemacht, vor allem, weil es eben nicht nur eine Geschichte sei, sondern allzu oft bittere Realität. Kinder würden heute in einer zerstückelten Welt aufwachsen, in der altbekannte Konstanten nicht mehr existierten, in einer Gesellschaft, in der es schwer sei, Fuß zu fassen und zu Hause zu sein. Eltern, Pflegefamilien, Lehrer und Erzieher seien vielfach überfordert, und die Gesellschaft vermöge nicht, mit entsprechenden Modellen darauf zu reagieren. Dazu komme, das wisse er aus Erfahrung, sagte Schwämmlein, dass Kinder oft schon eine psychische oder soziale Hypothek mitbrächten und frühtraumatisiert seien.

Angelika Sachtleben nannte aus ihrem Verantwortungsbereich einen dafür typischen Fall: ein siebenjähriger Junge außer Rand und Band. Mithilfe breit aufgestellter sozialer Netzwerke habe dieses Kind wieder eingegliedert werden können. Trotzdem, so die Jugendamtsleiterin, würden Systemsprenger-Kinder im Landkreis Jahreskosten im hohen sechsstelligen Bereich verursachen. Es gebe sieben Kinder im Alter von zehn bis 18 Jahren, deren Betreuung in welcher Form auch immer allein jeweils über 100 000 Euro im Jahr ausmache. Rund 500 Kinder im Landkreis seien in einer Betreuung. Erziehungsberatung, so sei die Realität, müsse nicht selten schon im Kindergarten greifen. Der Film, so Sachtleben, erkläre und erfasse deutlich, was da ablaufe, welche Grenzen, aber auch welche Lösungsmöglichkeiten es gebe.

Nicht ohne Grund hat Gema Films bekanntgegeben, dass "Systemsprenger" als der deutsche Beitrag für die Oscar-Kategorie "International Feature Film" ausgewählt wurde.

Die Resonanz auf den Film ist groß. Es gab zahlreiche Anfragen, wann "Systemsprenger" gezeigt wird. Am Dienstag um 19.30 Uhr startet der Streifen im Utopolis, und er steht auch am Mittwoch um 20.15 Uhr wieder auf dem Programm. Aufgrund der starken Nachfrage entschied Kino-Chef Oskar Heublein kurzentschlossen, dass "Systemsprenger" zusätzlich vom 5. bis 11. Dezember täglich um 17 Uhr auf die Leinwand kommt. Vor allem für Erzieher, Soziologen oder Psychologen, für Verantwortliche im Jugendhilfebereich, aber auch für Eltern oder Pflegeeltern wird der Film empfohlen. Auch für Jugendliche? Angelika Sachtleben sagte erst mal spontan nein, relativierte das dann aber: "Nicht ohne Begleitung und Nachbesprechung", meinte sie. Am Dienstag zum Kinostart werden nach dem Film Fachleute und Experten aus dem Jugendhilfe- und Erziehungsbereich zu Gesprächen und Diskussionen zur Verfügung stehen.