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Lichtenfels

Falsches Datum beschert Freispruch

52-Jähriger fordert Sex bei einer Bekannten ein und droht, kompromittierendes Video an Bekannte zu schicken.
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Es hatte etwas von einem triumphierenden Blick, den der Mann nach Urteilsverkündung in Richtung eines im Publikum sitzenden Paares warf. Soeben wurde er im Amtsgericht zum Hauptanklagepunkt freigesprochen. Doch möglicherweise fehlte ihm zu diesem Zeitpunkt die Fantasie dafür, dass es Indizien gibt, derentwegen es zu einer Neuansetzung seines Verfahrens wegen sexueller Nötigung kommen könnte. Verurteilt wurde er dennoch, denn das Schöffengericht unter Vorsitz von Daniela Jensch sah den Nachweis erbracht, dass er Betrug, üble Nachrede und Diebstahl begangen hatte.

Ein Formfehler. Das war der Grund, weshalb es zu dem Freispruch kam. Die Anklageschrift nannte für das vorgeworfene Geschehen ein anderes Datum als die Hauptbelastungszeugin. Der 52-jährige Mann aus dem westlichen Landkreis soll ihr im April 2017 den Geschlechtsverkehr unter Androhung abgenötigt haben. Konkret habe der Mann damit gedroht, ein Video eines schon begangenen Geschlechtsaktes an Bekannte der Frau zu schicken und damit ihren Ruf zu ruinieren. Doch damit nicht genug, denn in der Nacht zum 26. April 2017 soll der im Transportwesen beschäftigte Mann das Handy der Frau, einer Selbstständigen, entwendet haben. Doch damit wieder nicht genug, denn jetzt, so die Staatsanwaltschaft, versandte er Nachrichten an bis zu zehn Geschäftsfreunde und Kunden der Frau. Er soll sich dabei als die Frau selbst ausgegeben und eindeutig anzügliche Angebote unterbreitet haben. "Ich habe dadurch einen Haufen Ärger gehabt", erklärte die Selbstständige. So wie die ihren einstigen Lebensgefährten schilderte, entwarf sie das Bild einer hochgradig narzisstischen Persönlichkeit. "Am Anfang war alles harmonisch, dann habe ich sein wahres Gesicht kennengelernt."

Zu diesem Gesicht habe gehört, dass er täglich Zeit mit ihr verbringen wollte, auch wenn sie das nicht wollte oder andere Pläne hatte. "Ich durfte mit keinem Bekannten mehr reden", so die Frau. "Meiner Meinung nach hat er nur eine Bleibe gesucht." Jedenfalls habe er angedroht, dass, wenn sie ihn nicht in die Wohnung lasse, er bei allen Namensgleichen im Ort klingele und schmutzige Wäsche wasche. "Er hat gesagt, er hat schon mal eine Frau aus Aschaffenburg nach unten gebracht." Und: "Wenn einer Schluss macht, dann er."

Frauengeschichten hatte der Mann viele. Stichwort Schwabthal und Tanz. Sichtbar gerne erklärte er, dass er mitunter mehr als nur eine Freundin zur selben Zeit hatte. Auch mehr als drei. Als Richterin Jensch ihn fragte, ob er derzeit eine Lebensgefährtin habe, und kurz darauf nachhakte, ob es nur eine sei, da kam es zur Erheiterung im Gerichtssaal. Eine Erheiterung, die der Angeklagte dem Paar im Zuschauerraum übel nahm. Er fühlte sich angegriffen: "Muss ich mir das bieten lassen?", so der Mann an die Richterin gewandt. "Nur weil er keine abkriegt", so der Mann hingegen an den männlichen Teil des Paares im Zuschauerraum gewandt.

Er selbst bestritt den Diebstahl des Handys, aber im Laufe des Verfahrens sollten sich die Indizien dafür verdichten. Unstrittig bewiesen werden konnte der Betrugsvorwurf, wonach der 53-Jährige im November 2017 eine Versicherung mit 1000 Euro Deckungszusage zu prellen versuchte. Dass er 2018 dreimal tankte, ohne zu bezahlen, und einen Gesamtschaden von 55 Euro verursachte, räumte der Angeklagte ein und erklärte es damit, dass er bisweilen obdachlos war. Doch im Sinne einer Eindampfung der Anklage sollte dieser Sachverhalt ausgeklammert werden.

Das galt auch für eine Unregelmäßigkeit in Höhe von 232 Euro zwischen ihm und dem Jobcenter. Bei Beleuchtung seines Bundeszentralregisters fiel auf, dass die allermeisten seiner insgesamt 20 Straftaten, von vorsätzlicher Körperverletzung und Diebstahl, über Falschaussage und gefährlicher Körperverletzung bis hin zu Unterschlagung, Fahrerflucht und Beleidigung, in den Zeitraum zwischen 1985 und 2000 fielen. Das hielt ihm auch Staatsanwalt Frank Dietze zugute. Aber: "Er ist kein unbeschriebenes Blatt." Dass es in dieser Verhandlung wegen eines Formfehlers laut Strafprozessordnung zu einem Freispruch kommen wird, bewertete Dietze als "unbefriedigend". Er forderte eine Geldstrafe in Höhe von 5400 Euro. Für Rechtsanwältin Anett Raumschüssel eine zu hohe Forderung. Sie plädierte auf 1800 Euro Geldstrafe. Nach einer Viertelstunde Beratungszeit verkündete Jensch das Urteil gegen den finanziell etwas prekär dastehenden Mann: Acht Monate Haft, 80 gemeinnützig abzuleistende Arbeitsstunden, zwei Jahre Bewährungsaufsicht und vier Jahre Bewährungszeit. Eine Neuauflage des Verfahrens mit dem diesmal unberücksichtigten Hauptanklagepunkt schwebt über ihm.