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Burggeflüster

Europäische Idee vorgelebt

Über Thurnau liegt dieser Tage mal wieder eine ganz besondere Stimmung. Nein, ich denke jetzt nicht an die Adventszeit, auch nicht an die ersten richtigen Frostnächte, die Bäume und Sträucher mit eine...
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Über Thurnau liegt dieser Tage mal wieder eine ganz besondere Stimmung. Nein, ich denke jetzt nicht an die Adventszeit, auch nicht an die ersten richtigen Frostnächte, die Bäume und Sträucher mit einer bizarren, dünnen Eisschicht überzogen haben.

Seit Dienstagabend weilen ganz besondere Menschen in der Töpfergemeinde. Knapp 50 Männer und Frauen aus der gut 1500 Kilometer entfernten Partnerstadt Positano an der italienischen Amalfiküste sind für eine Woche zu Besuch. Zwei von ihnen wohnen bei mir zu Hause - und bereichern trotz mancher nicht zu überhörender Verständigungsprobleme unseren Alltag.

Thurnauer und Positanesen leben seit nunmehr fast 20 Jahren in nahezu perfekter Weise im Kleinen vor, was die Politik im Großen kaum hinbekommt. Hier werden auf zwischenmenschlicher Ebene Brücken gebaut, hier sind - über alle Sprach- und Entfernungsgrenzen hinweg - unzählige enge Freundschaften entstanden, hier liegt man sich beim Wiedersehen freudig in den Armen, ja, hier wird die europäische Idee vorgelebt.

Das Verbindende überwiegt sowieso, wie sich bei den abendlichen Gesprächen am wärmenden Kachelofen zeigt, auch wenn es Unterschiede gibt. Unsere Gäste, die in mildem Klima mehrmals jährlich reiche Ernte einfahren, amüsieren sich über die winzig kleinen Kartoffeln aus unserem Garten, die unter dem trockenen Sommer gelitten haben, und sie rätseln, was denn wohl Renekloden oder Quitten sein könnten, aus denen meine Frau leckere Gelees gezaubert hat. Versuchen Sie mal, jemandem auf Italienisch zu erklären, was eine Quitte ist - da hilft Ihnen kein Wörterbuch, denn da steht das Wort nicht drin. Und am Ende tränen die Augen vor Lachen.

In zwei Wochen fliege ich für ein paar Tage nach London zur Dart-WM. Am gleichen Tag soll der neue (oder alte) britsche Premierminister vereidigt werden. Dann gehe ich zur berühmten Speaker's Corner (Ecke der Redner), stelle mich auf eine Obstkiste und schreie hinaus, welche Vorzüge ein geeintes Europa hat. Bin schon gespannt, ob mir jemand zuhören wird. Dietmar Hofmann

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