Bad Kissingen
Lesetipp

Eugene Chirovici: Das Echo der Wahrheit

Sigismund von Dobschütz Zeitgleich zu seinem Weltbestseller "Das Buch der Spiegel" (2017) arbeitete der aus Rumänien stammende, heute in Brüssel lebende Schriftsteller Eugene Chirovici (55) bereits an...
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Sigismund von Dobschütz Zeitgleich zu seinem Weltbestseller "Das Buch der Spiegel" (2017) arbeitete der aus Rumänien stammende, heute in Brüssel lebende Schriftsteller Eugene Chirovici (55) bereits an seinem nun auf Deutsch erschienenen Spannungsroman "Das Echo der Wahrheit". Wohl deshalb ist die thematische Nähe beider Werke verständlich, geht es doch in beiden Romanen um die menschliche Sicht auf Fakten und Wahrheit. Wieder erfahren wir von einem Jahrzehnte zurückliegenden Mordfall. Wieder zeigt uns Chirovici, dass wir uns der reinen, der objektiven Wahrheit niemals gewiss sein können, wird diese doch durch unsere Erinnerungen, durch subjektive Eindrücke, im schlimmsten Fall durch den Selbstschutz unseres Gehirns verfälscht. Wo hört also Wahrheit auf, wo fängt Phantasie an? Was ist "die" Wahrheit? Die Antwort auf diese Frage zu finden, bittet im neuen Roman Chirovicis der an Leukämie leidende Multimillionär Joshua Fleischer den Psychiater James Cobb. Fleischer glaubt, als Student 1976 in Paris die damals von ihm verehrte Französin Simone ermordet zu haben, kann sich allerdings an den genauen Hergang des fraglichen Abends in der Hotelsuite, in der er sich mit seinem Studienfreund Abraham Hale und Simone aufgehalten hatte, überhaupt nicht erinnern. Wurde er tatsächlich zum Mörder? Oder war es Abraham? Cobb soll durch Hypnose die Wahrheit herausfinden, was ihm aufgrund einer starken Bewusstseinsblockade des Patienten aber nicht gelingt. Die Neugier des Psychiaters ist geweckt, weshalb er auch nach Fleischers baldigem Tod am Fall dranbleibt. Er lässt in Paris Polizeiakten jener Zeit auf Mord- oder Vermisstenfälle prüfen, befragt Personen, die den drei jungen Menschen damals nahestanden, fährt nach Frankreich. Kaum glaubt der Leser, einen der drei Beteiligten in seinem Charakter erkannt und das Verhältnis der drei Protagonisten zueinander verstanden zu haben, wird schon in der nächsten Zeugenaussage alles nichtig und die Personen völlig anders charakterisiert.

Chirovici entwirft in "Echo der Wahrheit" ein verwirrendes Spiel mit Erinnerungen und Illusionen. Jeder Zeuge behauptet von sich, die Wahrheit zu sagen. Doch jedes Mal ist am Ende wieder nichts so, wie es bisher schien. Natürlich kommt Ich-Erzähler James Cobb schließlich doch der Wahrheit auf die Spur, die, was inzwischen kaum verwundert, wiederum ganz anders ist, als wir bis dahin geglaubt hatten. Doch dem Autor gelingt es lückenlos, die verschlungenen Handlungsstränge sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Chirovicis Roman ist fesselnd geschrieben. "Das Echo der Wahrheit" ist dennoch kein Krimi, sondern nicht zuletzt wegen seiner psychologisch-wissenschaftlichen Aspekte ein anspruchsvoller Spannungsroman.

Eugene Chirovici: "Das Echo der Wahrheit", Goldmann-Verlag, gebunden, 320 Seiten, Preis: 20 Euro, ISBN-13: 978-3442314508

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