Coburg

Es reicht vorne und hinten nicht

Eine Mutter erzählt, wie sie nach der Trennung von ihrem Mann in die Armut gerutscht ist. Fürs Sozialamt ist sie kein Härtefall, doch ihr Kühlschrank und ihr Alltag sprechen eine andere Sprache.
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In drei Tagen wird die Rente überwiesen. Nach Abzug aller Verbindlichkeiten bleiben ihr 50 Euro bis zum 15. Dezember. 50 Euro, von denen die Frau ihren Sohn, sich und ihren Hund durchbringen muss. Dann wird das Kindergeld und der Unterhalt für ihren neunjährigen Sohn überwiesen - keine 500 Euro zusammen.

Weihnachten steht vor der Tür. Petra G. (Name von der Redaktion geändert) kämpft mit den Tränen. Weihnachten ist eine Baustelle mit vielen offenen Fragen: Werden wir uns einen Baum kaufen können oder ihn "irgendwie" besorgen? Von was soll ich Geschenke für meine Kinder bezahlen? Alle würden so gern Rouladen essen, aber wir können sie uns nicht leisten. Wie gut, dass der Kleine bei der Aktion Wunschbaum mitmachen konnte. Ihm wird ein Wunsch erfüllt werden.

"Dass ich einmal so weit sinke, hätte ich nicht gedacht!", sagt die 49-jährige Mutter von drei Kindern, die seit einem guten Jahr in Trennung von ihrem Mann lebt. Die beiden "Großen" sind beim Vater geblieben, kommen aber regelmäßig zu Besuch. 22 Jahre ist Petra G. verheiratet. Seit 2013 leidet sie an Depressionen und verbringt einmal jährlich mehrere Wochen in einer Klinik. Sie bezieht zu 100 Prozent Erwerbsminderungsrente und wird von der Familienhelferin Bettina Dörfling seit knapp zwei Jahren betreut - auch, weil der kleine Sohn Auffälligkeiten in der Schule zeigte und Hilfe brauchte.

Ehe am Ende

"Nach meinem letzten Klinikaufenthalt erklärte mir mein Mann, dass die Ehe am Ende sei und ich musste schnellstmöglich eine neue Wohnung finden", erzählt die Coburgerin offen. Damit begann sich auch die finanzielle Abwärtsspirale zu drehen.

Bettina Dörfling stand ihr von Anfang an zur Seite. Die Sozialpädagogin war positiv überrascht, dass Petra G. einen Vermieter überzeugen konnte und trotz der schlechten Lage auf dem Wohnungsmarkt eine Drei-Zimmer-Wohnung fand. Zunächst schien die Miete in Höhe von 560 Euro auch gut finanzierbar. Doch schon bald stellte sich heraus, dass 240 Euro an Nebenkosten noch dazu kamen.

Monatlich hat Petra G. knapp 1500 Euro zur Verfügung, 1049 Euro davon sind die Rente. Nach Abzug ihrer Kosten für Miete, Auto, Fernsehen und Handy bleiben ihr knapp 500 Euro zum Leben.

Fürs Amt unvorstellbar

Die 49-Jährige beantragte zunächst Wohngeld. Obwohl Bettina Dörfling in einem zusätzlichen Schreiben erläuterte, dass Petra G. tatsächlich keine weiteren Einkünfte hat, sehr sparsam lebt, Secondhand-Kleidung kauft und auf ihre Ausgaben achtet, wurde Wohngeld verwehrt. Nach Auflistung ihrer Einnahmen und Ausgaben hegte das Sozialamt Zweifel an der Glaubwürdigkeit, da ein Leben auf diesem Niveau nicht möglich sei.

Ein Antrag auf Grundsicherung wurde schließlich für sechs Monate gewährt. Sie erhielt 46 Euro pro Monat, bekam allerdings die Auflage, die Wohnung zu wechseln oder unterzuvermieten. Der Hinweis der Familienhelferin, dass der Zeitraum zu kurz sei - angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt - und auch eine Untervermietung nicht möglich sei, blieb ohne Wirkung.

Rente zu hoch

Die Nachfrage beim Jobcenter, Hartz IV zu beziehen, hatte keine Aussicht auf Erfolg, da die Erwerbsminderungsrente zu hoch ist. Für Petra G. bedeutet das: kein Bildungspaket (150 Euro zum Schuljahresbeginn) und keine Möglichkeit, bei der Tafel günstig einzukaufen.

Bereits zwei Mal wandte sie sich deshalb an die Aktion Sterntaler, die in Coburg benachteiligte Kinder und Jugendliche auf unbürokratische Art und Weise unterstützt. Margit Beck vom Kinderschutzbund kümmert sich um bedürftige Familien. "Es sind vor allem die, die knapp über der Bemessungsgrenze liegen, die unsere Hilfe dringend brauchen", erläutert sie. Zusammen mit Petra G. war sie einkaufen und hat ihren Kühlschrank gefüllt.

Auf Spenden angewiesen

Als jetzt die Nachzahlung für Strom und Gas von etwa 550 Euro ins Haus flatterte, war es Bettina Dörfling, die Spendengelder dafür einholte. Genauso wie für das warme Mittagessen, dass Petra G. für ihren kleinen Sohn in der Heinrich-Schaumberger-Schule nicht bezahlen konnte.

Der Junge besucht dort die Diagnose-Förderklasse und braucht weiterhin Unterstützung. "Neben der Diagnose ADHS kämpft er mit Verlustängsten. Die finanzielle Situation belastet auch das Kind", sagt Bettina Dörfling, Vorsitzende des Kinderschutzbundes. "Ins Kino gehen, Pommes essen, mal 'ne Bratwurst - all das geht nicht", erläutert sie. Für die Mutter ist das sehr schwer. "Wenn ich meine Mutter nicht hätte, wäre zapfenduster", gibt sie zu. Mal 20 Euro für Benzin, ein Eis für den Jungen oder eine Einladung zum Geburtstagsessen machen das Leben etwas froher. "Ohne das kleine Netzwerk aus Freundinnen und Familie könnte ich nicht mehr leben", sagt Petra G. traurig.

Ende Januar steht endlich der Umzug in eine neue Wohnung an. Darauf freut sich Petra G. Das Geld, das sie dadurch spart, wird ihr allerdings nicht bleiben. Denn ab Februar muss sie einen Kleinkredit zurückzahlen. Die 278 Euro, die sie als Unterhalt für ihren älteren Sohn zahlen muss, übernimmt derzeit die Stadt Coburg - allerdings muss sie auch diese Schulden irgendwann zurückzahlen.

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