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Kronach

Es liegt in der Hand der Menschen

Drei Kronacher Ärzte appellieren an die Besonnenheit ihrer Mitbürger. Die Erfolge bei der Virus-Bekämpfung stünden auf dem Spiel.
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Jeder sollte für sich "persönliche Leitplanken aufbauen", appellieren in der Kronacher Corona-Schwerpunktpraxis (v. l.) Matthias Rudolph, Uwe Fleischmann und Peter Witton.  Foto: Rainer Glissnik
Jeder sollte für sich "persönliche Leitplanken aufbauen", appellieren in der Kronacher Corona-Schwerpunktpraxis (v. l.) Matthias Rudolph, Uwe Fleischmann und Peter Witton. Foto: Rainer Glissnik

Noch vor wenigen Wochen ging eine Welle der Sympathie für die Tätigen in Medizin und Pflege durch das Land, die in Zeiten der Corona-Pandemie ihre ganze Kraft in die Pflege und Gesundheit ihrer Mitmenschen stecken. Jetzt sehen sich genau diese engagierten Personen durch die vielen Demonstranten gegen die erfolgreichen Corona-Maßnahmen, Verschwörungstheorien und Kämpfer für ihre Freiheitsrechte gebrandmarkt und den Erfolg zunehmend gefährdet.

"Die Situation hinsichtlich der Auswirkungen von Corona ist deswegen so gut, weil rechtzeitig gehandelt wurde", sind sich drei namhafte Kronacher Mediziner einig. Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern und Ländern in Amerika zeige: "Wir haben zum richtigen Zeitpunkt klug gehandelt, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat die Maßnahmen unterstützt. So ist es uns gelungen Schlimmeres zu verhindern."

Angesichts der zunehmenden Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen - auch in Kronach - wenden sich die drei Mediziner eindringlich an die Bevölkerung. Der Appell kommt von Chefarzt Uwe Fleischmann, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Kronach sowie Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Helios-Frankenwaldklinik Kronach, vom Hausarzt und Versorgungsarzt in der Corona-Schwerpunktpraxis, Matthias Rudolph, sowie von Peter Witton, Mitglied im Kreisausschuss Gesundheit und Soziales.

"Wir in Deutschland sind mit den ergriffenen Maßnahmen in der Corona-Pandemie gut weggekommen und konnten Schlimmeres verhindern", unterstreicht Uwe Fleischmann seine Sicht. Aber ob die Vernunft ausreicht, die wirksamen Maßnahmen noch ein wenig aufrechtzuerhalten, da kommen ihm mittlerweile Zweifel. "Als jemand, der eine Intensivstation leitet, bin ich schon heilfroh, dass uns Situationen wie in Italien oder im Elsass erspart geblieben sind, dadurch dass wir beherzt und zum richtigen Zeitpunkt gehandelt haben", betont er. Es sei für ihn einfach pervers, wenn in einem Land, das mit am Besten davongekommen sei, all die Erfolge infrage gestellt werde - so, wie es derzeit immer stärker geschehe.

Keine Praxis geschlossen

Im ambulanten Bereich musste im Kreis Kronach keine einzige Praxis geschlossen werden, freut sich Hausarzt Matthias Rudolph. "Die positive Entwicklung im Landkreis ist darauf zurückzuführen, dass schnell und richtig gehandelt wurde." In dieser Situation gehe es nicht nur darum, was erlaubt und was verboten ist. Viel wichtiger sei, dass jeder und jede selbst mitdenkt sowie Eigeninitiative ergreift, dass jeder Bürger die Konsequenzen seines Verhaltens für die Mitmenschen bedenkt.

Peter Witton macht dies an einem Beispiel fest: Da kam eine Gruppe von Skifahrern aus dem Risikogebiet zurück. Deren Leiter hörte an der Grenze im Radio, dass das Urlaubsgebiet zwischenzeitlich wegen Corona abgeriegelt worden ist. Zu Hause benachrichtigte er alle, die dabei waren - und alle gingen in Quarantäne. Sie machten dies schon vor einem Test.

Solche besonnenen Handlungen hätten viel dazu beigetragen, dass sich Corona bei uns nicht so massiv verbreiten konnte, ist Witton überzeugt. Es waren neun Skifahrer, und mit Kontaktpersonen insgesamt 74 Betroffene.

"Die wirklich hervorragende Arbeit im Gesundheitsamt, jede Infektionskette soweit wie möglich zu verfolgen und konsequent Quarantäne auszusprechen, hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir so wenige Infektionen haben." So sei das Geschehen hier in Kronach immer gut beherrschbar gewesen. Bislang!

Für weitere Besonnenheit und Schutzmaßnahmen zu argumentieren, wird nach Ansicht der Mediziner aber immer schwieriger, je positiver sich die Zahlen bei den Neuerkrankungen mit Corona entwickeln. "Der Mensch ist vergesslich", ist sich Uwe Fleischmann im Klaren. Ohnehin fänden jetzt vielfältige Lockerungen statt. Viele Bürger würden diese im privaten Bereich stark nutzen. Die Besonnenheit jedes Einzelnen sei umso gefragter. Fleischmann spricht davon, sich "persönliche Leitplanken aufzubauen" - also wie wir verantwortungsvoll für uns und für unsere Mitmenschen leben.

Verständnis gezeigt

Natürlich seien Maßnahmen wie soziale Distanz für viele eine Belastung und auf Dauer schwer einzuhalten, das sehen auch die drei Mediziner. "Solange wir fallende Fallzahlen haben, sollen wir die Lockerungen genießen", erklärt Fleischmann. "Wir müssen uns aber auch der Gefahr bewusst sein, dass sich die Zahlen drehen können. Dann müssen wir die Bereitschaft mitbringen, wieder schärfere Maßnahmen mitzutragen."

Es sei unstrittig, dass man auch abweichende Meinungen haben kann. Auch müsse gefragt werden, ob immer die Richtigen die gewährten Hilfen bekommen. Doch selbst wenn auf Bundesebene etwas spät reagiert worden sei, sei es noch richtig und konsequent gewesen.

"Sich in einzelnen Fällen mit seiner eigenen Meinung zu äußern, ist für mich genauso unstrittig und zum Rechtsstaat gehörend", betont Fleischmann. Er habe Verständnis, wenn jemand gegen eine leichtfertige Impfpflicht für Erwachsene ist. Aber dass öffentlich über eine Impfpflicht diskutiert werde, wo es noch gar keinen Impfstoff gebe, das verstehe er nicht.

Fleischmann äußert auch seinen Respekt vor Leuten, die sagen, "ich möchte selbstbestimmt mein Leben führen. Es geht niemand etwas an, wenn ich Covid bekomme". Er verlangt dann aber auch die Konsequenz, wenn es zu einer Erkrankung kommt, nicht die Allgemeinheit zu belasten. Es werde problematisch, wenn der Verzicht auf Isolationsmaßnahmen oder Vorsorgemaßnahmen auf dem Rücken anderer ausgetragen werde.

Vorsicht vor Falschmeldungen

"Immer mehr Menschen glauben den Falschmeldungen. Was derzeit passiert, erzeugt auch bei mir eine gewisse Angst", erläutert Peter Witton eine weitere heikle Entwicklung. Vieles, was bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gesagt werde, stimme nicht, ärgert sich Witton. Was da an Falschinformationen gesagt werde, könne dazu führen, dass wichtige Dinge nicht mehr eingehalten werden, um die Infektion weiter unter Kontrolle zu haben.

Rudolph fügt hinzu: "Wir von ärztlicher Seite sind auf jeden Fall all den Menschen unendlich dankbar, welche die Einschränkungen mittragen und unterstützen." Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zeige ein vernünftiges Verhalten.