Bamberg

Es geht nicht nur um den Straßennamen

Vor 100 Jahren wurde Wilhelm Lobenhoffer Direktor des Bamberger Krankenhauses. Für seine Verdienste hat ihm die Stadt eine Straße und ein Ehrengrab gewidmet. Doch trug er als Krankenhausdirektor auch Verantwortung für die dort durchgeführten Zwangssterilisationen.
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Die Lobenhofferstraße ist nach dem langjährigen Krankenhausdirektor benannt. Foto: Ronald Rinklef
Die Lobenhofferstraße ist nach dem langjährigen Krankenhausdirektor benannt. Foto: Ronald Rinklef
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Wer sich mit dem Namen Wilhelm Lobenhoffer beschäftigt, liest in den Archiven und späteren Veröffentlichungen von einem "Arzt europäischen Formats", einem Spezialisten in der Operation von Kröpfen sowie Magen-Darm-Operationen. Professor Lobenhoffer wurde 1918 Direktor des Städtischen Krankenhauses Bamberg und blieb es bis 1945. Weil er sich kurz vor Kriegsende für eine kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner eingesetzt haben soll, sei er nur knapp der standrechtlichen Erschießung entgangen. Um Politik habe sich der Chefarzt nie bemüht, der NSDAP sei er nur beigetreten, um seine Aufbauarbeit am Krankenhaus fortführen zu können. Lobenhoffer starb im August 1945 an den Folgen eines Hirnschlags.
Kaum erwähnt wird in den Archivquellen zu Lobenhoffer das Thema Zwangssterilisationen. Diese wurden, seit 1934 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft trat, auch in Bamberg in großer Zahl vollzogen, unter anderem wurden Blinde, Gehörlose, Epileptiker, Schizophrene und Alkoholabhängige unfruchtbar gemacht. Erst vor 30 Jahren ächtete der Bundestag die Zwangssterilisierungen im Dritten Reich.
Vor kurzem wurde nun am Haupteingang des Klinikums am Michelsberg eine Tafel enthüllt, die an die Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie erinnert. Auch in Bamberg zählten Ärzte, Psychiater und Pflegepersonal zu den Tätern. Auf den Bericht über die Enthüllung der im Stadtarchiv erstellten Gedenktafel hat unser Leser Andreas Stenglein geschrieben: "Wenn die Stadt an die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation mit einer Gedenktafel erinnert, dann muss sie sich fragen, ob sie weiterhin an die Täter mit Straßenbezeichnungen als Ehrenbezeugungen erinnern kann."
Genaue Zahlen zu ermitteln, wie viele Menschen in Bamberg während der NS-Zeit sterilisiert wurden, gestaltet sich schwierig. Das hat auch Andreas Ullmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Otto-Friedrich-Universität erfahren müssen. Immerhin ist er in einer Magisterarbeit von Claudia Schenk auf eine bemerkenswerte Zahl gestoßen: "847 Anträge auf Sterilisation wurden am Erbgesundheitsgericht Bamberg gestellt."
Ein Großteil der vom Gericht beschlossenen Eingriffe dürfte in der Chirurgie am städtischen Krankenhaus vollzogen worden sein. "Lobenhoffer war der Mann, unter dessen Regie in Bamberg Zwangssterilisationen durchgeführt worden sind", hatte Ullmann schon vor Jahren festgestellt. "Es lief damals alles nach Gesetz - aber gegen den Willen der meisten Betroffenen." Es gehe nun darum, wie man die damaligen Geschehnisse heute moralisch bewerte. "Wir sind im 21. Jahrhundert und da transportiert man auch über Straßennamen Botschaften. Wenn ich Stadtrat wäre, würde ich alles dafür tun, die Straße umzubenennen."


Lobenhofferstraße seit 1982

"Ich maße es mir angesichts der Faktenlage nicht an, darüber ein Urteil zu fällen", sagt Ulrike Siebenhaar von der Pressestelle der Stadt Bamberg. Wilhelm Lobenhoffer habe 1982, als der Kultursenat die endgültige Straßenbenennung beschloss, vor allem als hochdekorierter Chefarzt und langjähriger Leiter des Krankenhauses gegolten, der sich zum Kriegsende mutig für seine Stadt eingesetzt und sein Leben riskiert habe.
Bereits 1958 hatte es einen Stadtratsbeschluss für eine Lobenhofferstraße gegeben. "Heute, im Jahr 2018, würde man nach dem neuesten Kenntnisstand vielleicht keine Straße mehr nach ihm benennen." Straßenumbenennungen habe es aber in Bamberg seit Kriegsende nicht mehr gegeben. Bevor über diese Möglichkeit zum Beispiel im Stadtrat debattiert werden könne, müsse eine grundlegende Aufarbeitung vorangehen, etwa durch ein Forschungsprojekt der Universität. "Wir können bislang ja noch nicht bewerten, was genau Lobenhoffer gemacht hat. Sicher stand er als Leiter an der Spitze eines Krankenhauses, an dem auch Zwangssterilisationen stattgefunden haben, aber wir bräuchten das konkreter", sagt Siebenhaar.
Wie steht man heute in der Ärzteschaft zu Wilhelm Lobenhoffer? Auch Dr. Georg Knoblach hat als Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes bereits zum 70. Todestag des Kollegen geforscht. In seiner Gedenkrede hatte Knoblach unter anderem daran erinnert, dass Lobenhoffer Operationsmethoden verbesserte, die Röntgenbestrahlung bei Tumoren etablieren konnte, das chirurgische Krankenhaus 1927 nach modernsten Standards umbauen ließ und sich für die "Volksgesundheit" einsetzte. So gründete er bei Strullendorf eine Walderholungsstätte, die es bis in die 1950er Jahre gab.


"Höchste Zeit"

"Dokumente konnte die Familie uns nicht zur Verfügung stellen. Die Dokumente, die wir im Stadtarchiv fanden, brachten nicht viel Neues, so dass es insgesamt nicht für eine Infoveranstaltung reichte. Zur Frage der Sterilisation fand sich gar nichts", erklärt Knoblach. Und von Euthanasie durch Lobenhoffer sei ihm absolut nichts bekannt. Lebende Zeitzeugen aus der Ärzteschaft, die man noch hätte hören können, gebe es nicht mehr. "Es ist natürlich ganz klar, dass man die Zwangssterilisation in der heutigen Zeit als Verbrechen sieht. Für die Zeitgenossen war das nicht so einfach, das muss man gerechtigkeitshalber feststellen", erklärt der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbandes.
Die Ideen des Sozialdarwinismus hätten nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten medizinischen Welt eine Rolle gespielt - Eingriffe "im Sinne dieser Lehre" habe es in Skandinavien, Australien oder den USA noch bis in die 1970er Jahre gegeben, ohne dass sich die beteiligten Mediziner etwas dabei gedacht hätten. Erst in den 1990er Jahren habe in Deutschland eine ernsthafte Aufarbeitung begonnen, aber da waren die meisten Täter schon tot.
Für Brigitte Dippold aus der Pressestelle der Sozialstiftung Bamberg ist die Gedenktafel für die Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie "sehr begrüßenswert, wenn auch ein bisschen spät". Zur Rolle Lobenhoffers bei den Bamberger Zwangssterilisationen liegen ihr keine Informationen vor. "Aber ich weiß nicht, ob es in Deutschland ein Krankenhaus gab, das sich geweigert hat, diese durchzuführen." Für Günter Pierdzig, der den Anstoß für die Gedenktafel gab, war es "höchste Zeit, dass man etwas dazu macht", da das Thema bisher insgesamt verschwiegen worden sei.
Entsprechend erfreulich sei es für ihn gewesen, dass Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) zu ihm gesagt habe: "Günter, das mache ich zu meinem Thema." In welchem Maße Lobenhoffer in die Zwangssterilisationen verwickelt war, vermag Pierdzig nicht zu beurteilen, "aber er hatte zweifelsohne auch Verdienste, etwa bei der Behandlung Willy Lessings", des in der Pogromnacht 1938 misshandelten Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde.


Ethos verteidigen

"Wenn die Aufarbeitung lediglich dazu führt, dass die Ärzteschaft aus heutiger - sicherer - Sicht die damaligen ,Kollegen‘ verurteilt, dann hat die ,Aufarbeitung‘ gar nichts gebracht", sagt Dr. Georg Knoblach. "Der Ärzteschaft muss viel mehr klar werden, dass unser Berufs-Ethos immer über dem Zeitgeist stehen muss. Und wir unser Ethos verteidigen müssen, auch wenn das gesellschaftlich nicht belohnt wird."
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