Bamberg

Erotische Liaison am Dom

Das Diözesanmuseum zeigt Schätze in Wunderkammern, in denen "Der Funke Gottes!" sprüht. Alte und neue Kunst korrespondiert und provoziert. Die Ausstellung wird am heutigen Freitag eröffnet.
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Heute Abend soll "Good God", die Neon-Skulptur des Künstlers Via Lewandowsky, zwischen den Domtürmen zum ersten Mal in die Stadt strahlen.  Foto: Erzbistum Bamberg/Dominik Schreiner
Heute Abend soll "Good God", die Neon-Skulptur des Künstlers Via Lewandowsky, zwischen den Domtürmen zum ersten Mal in die Stadt strahlen. Foto: Erzbistum Bamberg/Dominik Schreiner
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Marion Krüger-Hundrup Wenn es denn zwischen dem Christentum und der Kunst einmal eine durchaus erotisch zu nennende Liebesgeschichte gab, lebt sie wieder auf. Diese erotische Liaison ist ausgerechnet am ehrwürdigen Kaiserdom verortet: im Bamberger Diözesanmuseum. Unter dem Titel "Der Funke Gottes!" sprüht es in einer Sonderausstellung, die eine traditionsreiche Lovestory mit frischen Kapiteln weitererzählt. Moderne und zeitgenössische Werke von rund 60 Künstlern aus aller Welt korrespondieren mit dauerhaft ausgestellten, sakralen Exponaten: "Die Zusammenführung von Alt und Neu bringt eine neue Sichtweise und Aussage mit", ist sich Museumsleiter Holger Kempkens sicher, der mit Mut zum Wagnis "bewusst Störer in das 1966 gegründete Diözesanmuseum hineinbringt".

Kempkens hat die alte Kunst - wie etwa Werke von Tilman Riemenschneider und Veit Stoß oder die Kaisermäntel Heinrichs II. und seiner Gemahlin Kunigunde - kuratiert, der Berliner Ausstellungsmacher Alexander Ochs die Moderne und die zeitgenössische Kunst. Seinen persönlichen vertrauensvollen Beziehungen zu Privatsammlern ist es zu verdanken, dass klangvolle Namen jetzt in Bamberg vertreten sind. Von Ai Weiwei, Ernst Barlach, Joseph Beuys über Markus Lüpertz, Marino Marini, Meret Oppenheimer bis Micha Ullmann, Andy Warhol oder Erwin Wortelkamp und Yin Xiuzhen sind alle versammelt, die zu den Repräsentanten der Kunstszene gehören.

Doch die beiden Kuratoren setzen nicht in erster Linie auf diese Namen. Ochs und Kempkens gehen so weit, dass sie in der Ausstellung auf die üblichen "Schildchen" verzichten, sondern stattdessen mit Ziffern arbeiten. Dies beginnt mit dem großformatigen Foto von schwieligen Füßen eines Inders "Kind of Beautiful" (Ralf Schmerberg) als Nummer 1 und endet mit der Nummer 114 für eine kleine, aus Fundstücken zusammengesetzte Madonna von Karsten Konrad. Des Zahlenrätsels Lösung findet sich im Begleitkatalog, in dem jedes Objekt beschrieben wird.

Kunstwerke ernst nehmen

Kurator Ochs bittet darum, "jedes Kunstwerk ernst zu nehmen", ästhetische Momente aufzunehmen, Kunst als eine Sache auch des Fühlens zu begreifen. "Wir durchbrechen mit dieser Ausstellung die Position des Kunsthistorischen, auf die Arbeiten soll man emotional reagieren, ohne besonderes Vorwissen", fügt Alexander Ochs hinzu. Und der Betrachter dieser "Kunstwerke mit autonomem Charakter" entscheide selbst, ob er sich provoziert fühle oder nicht.

Auch wenn sich die in den Domschatz eingeladenen säkularen Exponate nicht explizit als religiöse Arbeiten verstehen, sind sie nach den Worten von Museumschef Kempkens "spirituell inspiriert". "Jedes gute Kunstwerk trägt einen spirituellen Impetus in sich", formuliert es Ochs. Er ist es, der die erotische Liebesgeschichte ins Spiel bringt. Und auch wenn er sich nicht als "Ehestifter" versteht, wie er lächelnd sagt, gelingt es ihm gemeinsam mit Kempkens, den Funken überspringen zu lassen. "So wird aus einer Schule des Sehens eine Schule des Fühlens."

Widerstreben fühlt der Betrachter eines gewollten Zwiegespräches zwischen der Tunika der Kaiserin Kunigunde aus dem 11. Jahrhundert und der roten Leinwand mit der skizzenhaft hingeworfenen entblößten Mutter samt Kind (Guillaume Bruère). In die Schule des Fühlens muss auch der, der eine Emailschüssel - ein stark abgenutztes Exemplar aus DDR-Produktion - von Joseph Beuys mit dem Titel "Fußwaschung" gegenüber einer der kostbarsten Reliquien des Domschatzes sieht: das Schürztuch Christi. Die "Coca-Cola-Vase" des Chinesen Ai Weiwei vor funkelnden Monstranzen und Ziborien verschlägt die Sprache: Der Künstler hat das Logo dieses amerikanischen Softdrinks auf ein Originalgefäß der Han-Dynastie - zwischen 206 vor und 220 nach Christus - gemalt.

Der Funke Gottes leuchtet

Die Kuratoren ordnen diese und die anderen ausgestellten Werke weder theologisch noch kunsthistorisch sein. Ihnen genügt es, Resonanzräume, Assoziationslinien entstehen zu lassen. Eingewoben in eine Ausstellungsarchitektur mit viel realem Stoff zum Anfassen. Und unsichtbaren Vorhängen vor den durchaus auch politischen Botschaften, verborgenen Liebesgeschichten der Künstler.

Heute wird diese außergewöhnliche Präsentation um 11 Uhr im Dom eröffnet. Bei Anbruch der Dämmerung gegen 21 Uhr kommt dann der Funke Gottes so richtig zum Leuchten: Die zehn Meter breite Neon-Skulptur des Berliner Künstlers Via Lewandowsky "Good God" in luftiger Höhe zwischen den Domtürmen soll zum ersten Mal in die Stadt strahlen. Dieses Signal ist für Lewandowsky unmissverständlich: "Gott ist gut und längst nicht fertig - auch im digitalen Zeitalter."

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