Hirschaid

Erfolgreich weg von der Flasche

In Hirschaid hat sich die Guttempler-Gemeinschaft "Friesner Warte" gegründet. Die Enthaltsamkeit von Alkohol ist oberstes Gebot. Die Initiatorinnen Angela Hebendanz und Karin Gumbmann berichten von ihren Erfahrungen.
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Zur Gründung gab es eine leckere Torte mit dem Guttempler-Logo.  Fotos: Andrea Spörlein
Zur Gründung gab es eine leckere Torte mit dem Guttempler-Logo. Fotos: Andrea Spörlein
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"Deutschland hat ein Alkoholholproblem" - so formulierte es Christina Rummel, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), bei der Vorstellung des "Jahrbuchs Sucht 2019". Sehr viele Deutsche trinken tagtäglich. Und deutlich zu viel. Laut aktuellem Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kamen zuletzt auf jeden Deutschen 13,4 Liter reiner Alkohol. Damit liegt Deutschland auf Rang vier beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum und das weltweit.

In Deutschland sterben jährlich rund 74 000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums oder dem kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak. Knapp zwei Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig. Rund zwei Drittel davon sind Männer, aber der Anteil der Frauen steigt stetig. Dazu kommt eine sicherlich nicht unbedeutende Dunkelziffer.

Was hinter diesen Zahlen und Fakten steht - das wissen Angela Hebendanz und Karin Gumbmann ganz genau. Beide Frauen waren alkoholabhängig und haben es geschafft, sich von der Sucht zu befreien, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und ihre Erfahrungen an andere Betroffene weiter zu geben. Sie tun dies im Rahmen der Guttempler-Suchtselbsthilfegruppe "Friesener Warte", die sich im vergangenen Juli in Hirschaid gegründet hat. Sie kommen aus der Guttempler-Gemeinschaft in Forchheim. Beide sind "Profis, aber keine Fachleute", wie sie bei einem Pressegespräch erzählen. Sie wissen, um was es geht, wenn Betroffene erzählen, was der Alkohol mit Menschen macht und wie dabei Familienangehörige mitleiden. Sie kennen die Ängste und Qualen, wenn der "Suchtdruck" kommt und wenn die Gefahr besteht, wieder abhängig zu werden. Sie wissen auch, dass man sich "nichts und niemanden schön trinken kann".

Angela Hebendanz stand vor der Wahl, mit dem Alkohol aufzuhören oder zu sterben. Das hat ihr nach dem letzten Zusammenbruch ihr behandelnder Arzt deutlich gesagt. Für sie gab es dann nur eine Entscheidung, "denn ich wollte leben", so Hebendanz, "und sehen, wie meine Kinder groß werden". Sie hat dann eine Langzeit-Therapie gemacht, sich von ihrem Mann getrennt und ihr ganzes Leben neu aufgestellt. Heute lebt sie eine "zufriedene Abstinenz" und auch ihre Kinder sind stolz, auf das was sie erreicht hat. Angela Hebendanz hat sich im Rahmen der Guttempler-Bewegung zur Suchthelferin weiterbilden lassen, arbeitet im Landesvorstand mit, ist selbstbewusst und nicht mehr "pflegeleicht" und kann deutlich Stopp und Nein sagen.

Über Gefahren aufklären

Für Karin Gumbmann wäre ein wichtiger Schritt, noch mehr über die Gefahren von Alkohol in Schule und Jugendgruppen aufzuklären. Gerade ehemalige Süchtige können authentisch schildern, "wie schnell es geht, vom Alkohol abhängig zu sein" und dass Alkoholabhängigkeit in allen Schichten und Bevölkerungsgruppen zu Hause ist. Bei ihrer Therapie gab es den leitenden Beamten, genauso wie die Gymnasiallehrerin oder den Piloten und "alle wussten ganz genau, wie der Alkohol den eigenen Körper schädigt".

Was beide Frauen besonders ärgert, ist die Tatsache, wie leicht das Thema Alkohol im Alltag verharmlost wird. Angefangen vom Spruch "Ein Bier geht doch", über die allgegenwärtige Werbung für Alkohol, einem "Brauereienlauf" in der Fränkischen Toskana, bis hin zur Möglichkeit, fast rund um die Uhr Alkohol kaufen zu können. Karin Gumbmann gibt zu Bedenken, ob sich denn keiner darüber Gedanken mache, wie es den "Suchtdruck von Betroffenen" erhöht, wenn er beim Warten an der Supermarktkasse die schier unübersehbare Menge an Alkohol sieht.

Neues Selbstwertgefühl

Die Selbsthilfegruppe bietet Betroffenen einen Raum und eine Gemeinschaft, sich mit ihrem Weg in die Abhängigkeit und aus der Abhängigkeit vom Alkohol zu befassen. Dabei geht es auch darum, die eigene Persönlichkeit wieder neu zu entdecken, das eigene Selbstwertgefühl neu aufzubauen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Es sind in Hirschaid immer zehn bis zwölf Personen, die sich regelmäßig am Donnerstagabend treffen. Jeder hat einen Paten und es steht ein "Notfallplan" bereit. Ein "Festhaltespruch", der schon oft weitergeholfen hat, lautet im ersten Jahr: "Ich darf nicht trinken!", im zweiten Jahr: "Ich will nicht trinken!" und in den darauf folgenden Jahren: "Ich brauche nicht trinken!".

Man hat eine WhatsApp-Gruppe und will insbesondere für diejenigen da sein, die gerade nicht anwesend sein können oder mit den Folgen eines Rückfalls zu kämpfen haben. Da alle ähnliche Erfahrungen gemacht haben, weiß man auch, dass es oft Rückschritte gibt und manchmal mehrere Anläufe notwendig sind, sich aus der Abhängigkeit vom Alkohol zu befreien.

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