Forchheim

Erbitterter Streit um die Volksschulen

Nach der Reichstagswahl 1919 wuchs in Forchheim und der Fränkischen Schweiz die Empörung, als der bayerische Kultusminister eine Verordnung erließ. Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten sollte kein Kind "zur Teilnahme an einem Religionsunterricht" angehalten werden.
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Von 1883 bis 1968 war per Gesetz die Bekenntnisschule als Regelschule festgelegt - bis auf wenige Jahre in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Auszug aus dem Gesetzesblatt von 1883  Repros: Franze
Von 1883 bis 1968 war per Gesetz die Bekenntnisschule als Regelschule festgelegt - bis auf wenige Jahre in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Auszug aus dem Gesetzesblatt von 1883 Repros: Franze
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Die Religion ist in der Geschichte schon häufig der Anlass gewesen, sich heftig zu streiten. Vor 100 Jahren war das auch in der Region Forchheim der Fall.

In der Novemberrevolution hatte der bayerische Kultusminister 1918 die sogenannte geistliche Schulaufsicht abgeschafft. Den Erlass werteten die katholischen Bischöfe als Angriff auf die Kirche selbst. In ihren Amtsblättern wetterten sie: "Das ist der Fehdehandschuh gegen den Herrn selbst (...). Die Kinder haben ein göttlich verbrieftes Recht auf (...) die Erziehung durch die Kirche. Wer sich an diesem Rechte vergreift, vergreift sich am Heiland selbst."

Der Bamberger Erzbischof Jakobus Hauck plädierte bei seinen Kollegen sogar dafür, von der Kanzel aus mit einem "Hirtenbrief" die katholische Bevölkerung gegen die Revolutionsregierung zu mobilisieren. An seiner Seite kämpfte die Bayerische Volkspartei (BVP) für den Erhalt der "konfessionellen Schule" und gegen den "Geist der Glaubenslosigkeit und Zuchtlosigkeit".

Nach der Reichstagswahl im Januar 1919 wuchs die Empörung zum flammenden Protest, als der bayerische Kultusminister Johannes Hoffmann (SPD) eine Verordnung erließ, nach der gegen den Willen der Erziehungsberechtigten kein Kind "zur Teilnahme an einem Religionsunterricht oder Gottesdienst angehalten" werden durfte.

Dagegen lief in Forchheim eine Versammlung Sturm, zu der die Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes, Marie Gürtler (1877 bis 1952), und der BVP-Landtagsabgeordnete Hans Räbel (1872 bis 1941) aufgerufen hatten. Sie sahen in der Verfügung nicht nur eine "verständnislose Herabwürdigung der hl. Religion", sondern auch einen "gewaltsamen Versuch der Entchristlichung der Schulen". Ihre Forderung: "Wir verlangen restlose Aufhebung des Gewaltaktes und Entfernung des Ministers."

In Ebermannstadt schloss sich am 5. März 1919 die Pfarrgemeinde mit über 700 Unterzeichnern dem landesweiten Protest an und forderte "im Interesse der Religion wie der Erziehung der Kinder die alsbaldige Zurücknahme" des Erlasses.

Dem aber setzte die mittlerweile von Hoffmann angeführte Koalitionsregierung aus SPD, BVP und DDP eine weitere Neuregelung entgegen. Danach sollten die Eltern in Gemeinden unter 15 000 Einwohnern darüber abstimmen, anstelle von Konfessions- auch Gemeinschafts- oder Simultanschulen einzurichten.

Das löste - wie der "Wiesent-Bote" berichtete - "flammende Proteste" aus. In Ebermannstadt heizte der Landessekretär der "Organisation der Katholiken Deutschlands zur Förderung und Verteidigung der christlichen Schule und Erziehung" die Empörung gezielt an. Er sprach dem Staat jegliches "Schulmonopol" auf die Erziehung ab, forderte aber umgekehrt von ihm, "Schulen zu verhindern, in denen die Jugend zur Gottlosigkeit, Religionsfeindschaft, Widerspenstigkeit gegen Eltern und Vorgesetzte und rechtmäßige Obrigkeit angeleitet" würden.

Spontan in Ebermannstadt

In Ebermannstadt gründete sich spontan ein "Ortsausschuss" der katholischen Organisation. Brisanter aber war die heftige Leserbriefdebatte, die im "Wiesent-Boten" anschließend von Juli bis November 1919 zu diesem Thema geführt wurde.

Als Erster meldete sich der Kirchahorner Lehrer und ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Max Fischer zu Wort. Er rechnete vor, dass in Kirchahorn eine evangelische und eine katholische Schule nebeneinander bestünden und jeweils ein Lehrer sieben Jahrgänge in einem Klassenzimmer unterrichte: "Tägliche Unterrichtszeit ist vier Stunden, sonach kommt auf jede einzelne Klasse pro Tag eine Unterrichtsstunde, das sind wöchentlich sechs Stunden."

Seines Erachtens sei es "polizeiwidrig dumm, wenn man der Konfession wegen sämtliche Kinder für ihre ganze Schulzeit auf halbe Geisteskost setzt (...) und die gemeindlichen Umlagen verschleudert, indem man nahezu sämtliche Lehrmittel (...) in ganz überflüssiger Weise doppelt anschafft und zudem noch zwei Schulhäuser unterhält."

"Von Gott bestellte Wächter"

Ohne auf diese pädagogischen und schulischen Aspekte einzugehen, antwortete darauf der Elbersberger Pfarrer Georg Albert (1874 bis 1943), dass das kirchentreue Volk auf Seiten seiner Bischöfe stünde. Und die seien als "die von Gott bestellten Wächter und Verteidiger christlichen Glaubens und kirchlicher Rechte" für die Konfessionsschule.

Unerwartete Hilfe erhielt Fischer von dem katholischen Theologen Josef Müller (1855 bis 1942) aus Waischenfeld. Wegen eines Herzleidens war er 1890 vorzeitig aus dem Kirchendienst ausgeschieden, hatte danach promoviert und sich als Publizist einen Namen gemacht, unter anderem auch als Herausgeber der Zeitschrift "Renaissance - Monatsschrift für Kulturgeschichte, Religion, schöne Literatur".

Auf dem Index

Allerdings war er mit seinen beiden Bänden über den "Reformkatholizismus" (1899 bis 1901) bei seiner Kirche angeeckt und schon 1901 auf den päpstlichen Index der verbotenen Bücher gesetzt worden.

Nun trat er im August 1919 für Fischer ein, der "offen und ehrlich seine Meinung gesagt habe. Grundsätzlich sei die Konfessionsschule nicht "immer das Bessere, die Simultanschule immer das Schlechtere"; denn dort, wo es katholische Minderheiten gebe, sichere sie den Religionsunterricht.

Albert reagierte darauf schon vier Tage später und hielt Müller in direkter Anrede vor, sich aus der Solidarität der Kirche entfernt zu haben: "Als Priester haben Sie nichts anderes zu tun, als dem obersten Hirten der Kirche zu gehorchen. Der stürmische, aufwieglerische Geist der Welt in unserer Zeit hat keinen Zutritt zum Heiligtum Gottes."

In langen Leserbriefen führten Albert, Fischer und Müller ihre Auseinandersetzung im "Wiesent-Boten" weiter, bis der Elbersberger Pfarrer auf eine gedruckte Predigt stieß, in der Müller sich gegen Schulen aussprach, die "Katholiken, Protestanten und Juden vermischen" und "so die religionslose Schule und völlige Gottvergessenheit" einführen wollten. Jetzt glaubte er, Müller zu haben: Was müsse man von einem Mann halten, der einmal die Simultanschule als "religions- und gottlos" bezeichne und dann wieder behaupte, es sei gar nicht so, dass in ihnen die Kinder "heidnisch und gottlos erzogen" und "ungläubigen Lehrern" überantwortet würden. "Ist ein Mann, der in der gleichen Sache zwei einander ausschließenden Grundsätzen huldigt, überhaupt noch ernst zu nehmen?"

Vergeblich versuchte Müller darzulegen, dass er die Konfessionsschule nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern nur gesagt habe, dass sie nicht "immer das Bessere" sei. Es nützte nichts. Albert hielt ihm vor, nicht mehr auf Seite der Kirche zu sein, sich gegen seine Bischöfe zu stellen und war sich der Mehrheit der Bevölkerung sicher.

Waischenfelder Bürgermeister

Ihm dankte schon wenige Tage darauf der Waischenfelder Bürgermeister Georg Friedmann mit einer Anzeige im "Wiesent-Boten" "für sein offenes, mutiges Bekenntnis zur christlichen Schule. (...) Die Anschauung und öffentliche Meinung der hiesigen Einwohner steht in vollem Einklang mit denen des Hrn. Pfarrer Albert, Elbersberg."

Dieser Solidaritätsadresse schlossen sich wenig später die katholischen Dekanate von Forchheim und Hollfeld in nahezu identischen Erklärungen an. In großen Lettern dankten sie Albert für sein "mannhaftes Eintreten" und versicherten, "seinen Standpunkt voll und ganz" zu teilen.

Müllers differenzierte Sichtweise im Verbund mit seiner Widerspenstigkeit gegenüber Autoritäten und der eigenen Belesenheit waren dem Klerus und auch dem Kirchenvolk auf dem flachen Land nicht zu vermitteln. Sein Ton und sein Auftreten isolierten ihn als Aufrührer. Im "Wiesent-Boten" endete im Oktober 1919 die Auseinandersetzung um Kirche und Schule.

Schulpolitisch änderte sich in Forchheim und der Fränkischen Schweiz durch die Auseinandersetzung nichts. Die Simultanschulverordnung vom 1. August 1919 blieb hier in allen Orten ohne Folgen. Bereits ein knappes Jahr später wurde sie durch die neue Regierung Gustav von Kahrs (BVP) außer Vollzug gesetzt.

Bestand hatte die Simultanschule nur in München, Nürnberg, Augsburg, Fürth, Weißenburg und Selb, wo sie auf Wunsch der Eltern eingerichtet worden war. Überall sonst blieb die Bekenntnisschule bis 1968 in Bayern die Regelschule.

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