Forchheim

Er räumt mit Vorurteilen auf

Jürgen Gschossmann, der ärztliche Direktor am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz, klärt über das Organspenden auf, weil bei diesem Thema die Unsicherheit der Menschen groß sei.
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Jürgen Gschossmann ist Chefarzt für Innere Medizin und ärztlicher Direktor am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz. Foto: Petra Malbrich
Jürgen Gschossmann ist Chefarzt für Innere Medizin und ärztlicher Direktor am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz. Foto: Petra Malbrich

Forchheim —  Ein Verkehrsunfall oder eine schwere Krankheit: Der Patient ist an den lebenserhaltenden Maschinen angeschlossen, seine Körperfunktionen werden damit noch aufrecht erhalten. Der behandelnde Arzt kann jedoch nur noch den Hirntod feststellen. Manchmal wie in solchen Situationen hat der Arzt nicht nur die schwere Aufgabe, die Verwandten über den Hirntod zu informieren, sondern muss auch fragen, ob der Patient seine Organe spenden möchte. Nämlich dann, wenn kein Spenderausweis vorhanden ist oder auf keiner Vollmacht auf eine Bereitschaft zum Organspenden hingewiesen wird. Doch was gilt das Wort eines Angehörigen am Telefon? Werden bei einer Ablehnung trotzdem Organe entnommen?

"Ein Nein bleibt ein Nein", beteuert Professor Jürgen Gschossmann, Chefarzt für Innere Medizin und ärztlicher Direktor am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz. Die wenigsten Menschen sind darauf vorbereitet. Genau deshalb befürwortet Gschossmann die doppelte Widerspruchslösung für die Organspende. "Damit wird keiner zur Organspende gezwungen, doch jeder Bürger muss sich auf diese Weise aktiv mit dieser Frage auseinandersetzen. Die Leute beschäftigen sich zu wenig damit", erklärt der ärztliche Direktor.

Es muss schnell gehen

Er selbst ist Organspender, trägt den Ausweis bei sich. Denn wenn bei einem potenziellen Organspender von zwei unabhängigen und externen Spezialisten der Hirntod festgestellt wird, muss es schnell gehen. Der Tote bleibt an den Maschinen angeschlossen. "Wenn ein Mensch seit fünf Tagen tot ist, kann man kein Organ mehr entnehmen. Die Organe müssen funktionieren", erklärt Gschossmann.

Für eine Organspende kommen das Herz, die Lunge, die Leber, beide Nieren, der Dünndarm und auch die Bauchspeicheldrüse in Frage. Die entnommenen Organe werden kühl aufbewahrt. Der Transport in eine Transplantationsklinik muss schnell erfolgen. Hier zählt jede Stunde. So kann für den Organtransport ein Auto ebenso eingesetzt werden wie ein Helikopter. "Für länderübergreifende Organtransporte werden selbstverständlich auch Flugzeuge eingesetzt", schildert Jürgen Gschossmann mögliche Vorgehensweisen.

Doch wo ein Organ benötigt wird, entscheiden nicht die Kliniken, sondern das wird europaweit gemanagt. Ist ein hirntoter Mensch potenzieller Spender, wird die Deutsche Stiftung Organtransplantation kontaktiert. Die Experten dort leiten dann alles weitere ein, nehmen mit Europlant mit Sitz in Holland Kontakt auf. "Sie organisieren für alle europäischen Mitgliedsländer die Organspende", erklärt Gschossmann und betont: "Das geht nach strikten Kriterien wie Dringlichkeit und Organverträglichkeit. Es wird alles getan, dass Mauschelei nicht möglich ist."

Strafbare Handlung

Dass es trotzdem vorgekommen war, wie der Organspende Skandal zeigte, verurteilt der Forchheimer leitende Arzt, bittet dies aber nicht als Grund für die Weigerung zur Organspende zu nehmen:"Es wurde eine strafbare Handlung durchgeführt. Es waren einige wenige, die Patienten in der Dringlichkeit hochstuften. Es wäre schade, wenn deshalb keine Organe mehr gespendet würden, denn damit werden nicht die Straftäter, sondern die Patienten bestraft, die oft jahrelang auf ein neues Organ warten."

Jedes Jahr sterben Menschen, die auf der Warteliste stehen. Menschen vom Kindesalter an bis zum Seniorenalter warten auf das lebensrettende Organ. Am häufigsten Nieren und die Leber. Selbstverständlich bestehe auch bei geglückter Transplantation die Gefahr, dass das fremde Organ abgestoßen würde.

Wann ist der Patient tot?

"Das Risiko besteht. Doch die Patienten bekommen spezielle Medikamente, damit das Organ nicht abgestoßen wird", erklärt Gschossmann. Im Forchheimer Klinikum selbst werden keine Organe transplantiert. "Wir explantieren, entnehmen die Organe", erklärt der Mediziner. Die letzte Organentnahme ist aber schon sehr lange her.

Seit elf Jahren ist Jürgen Gschossmann ärztlicher Direktor und in dieser Zeit wurde kein einziges Organ entnommen. Mögliche Vorurteile, dass die Organspende einem "Schlachten" gleichgesetzt wird, widerspricht Gschossmann heftig. "Mit dem Hirntod - und hier sprechen wir von einem unwiderruflichen vollständigem Ausfall der Funktion des Gehirns, hat das Leben auch juristisch aufgehört. Der Körper wird nur noch künstlich am Leben gehalten. Der Patient ist tot und die Organentnahme wird für einen guten Zweck eingesetzt", sagt Gschossmann.

Für ein zweites Leben von Patienten, die sonst sterben würden. Letztendlich ist also Organspende, davon ist Professor Gschossmann überzeugt, eine Frage der Menschlichkeit: "Stellen Sie sich vor, dass Ihr Partner oder Kind sterben muss, nicht weil es keine medizinische Rettung gibt, sondern einzig allein weil kein Organ zur Verfügung steht." Der Körper des Hirntoten werde nach der Organentnahme wieder würdig verschlossen. Gschossmann: "Die Angehörigen können Abschied nehmen und ein anderer Mensch kann weiter leben."

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