Forchheim

Energiegeladen in den Ruhestand

Die Stadtwerke bekommen eine neue Führung und der bisherige "Kapitän" Reinhold Müller geht nach 28 Jahren als Chef in Rente. Er schaffte es vom Bauernjungen zur Spitze des regionalen Versorgungsunternehmens.
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Der bald in den Ruhestand gehende Stadtwerkeleiter Reinhold Müller hält die Zukunft in der Hand: einen Glasfaserverbund-Anschluss für alle Haushalte.  Foto: Andreas Oswald
Der bald in den Ruhestand gehende Stadtwerkeleiter Reinhold Müller hält die Zukunft in der Hand: einen Glasfaserverbund-Anschluss für alle Haushalte. Foto: Andreas Oswald
"Ich kann's nicht begreifen, dass ich schon 66 bin - wo ist die Zeit geblieben?" Wenn Reinhold Müller über sein Leben nachdenkt, schwingt Nachdenklichkeit mit - und Dankbarkeit über das Glück, das ihn begleitet habe. Nach 28-jähriger Tätigkeit als Chef der Stadtwerke geht er zur Jahreswende in den Ruhestand. Vielleicht liegt's ja an seiner ersten Berufsausbildung als Starkstromelektriker: Reinhold Müller strahlt noch immer Energie aus.

Zu ihrem 65. Geburtstag, am 7. Februar 2017, wurde Ihnen vom Technischen Leiter Reinhold Postler das Modell der Titanic überreicht. Wie deuten Sie diese Symbolik als Kapitän der Stadtwerke?
Reinhold Müller: Das hat mit der Titanic an sich nichts zu tun. Aber mit meinem Hang zum Reisen und meiner Begeisterung für Schiffsmodelle. Und das hat wiederum damit zu tun, dass ich im Urlaub gerne an einem Hafen sitze und den Schiffen zuschaue. Schon der Geruch von Salzwasser löst in mir Fernweh aus. Die Gefahr, dass die Stadtwerke auf Grund laufen, die besteht nicht - im Gegenteil, die besten Zeiten für die Stadtwerke kommen noch. Früher waren wir eine Verwaltungseinheit, heute sind wir ein modernes, schlagkräftiges Unternehmen.

Sie wuchsen als "Bauernbub" auf - woher kommt die Leidenschaft für's "Elektrische"?
Meine Eltern hatten in der Tat eine Nebenerwerbslandwirtschaft bei Hof. Als Sechsjähriger habe ich von ihnen eine Modelleisenbahn von Fleischmann geschenkt bekommen. Zum Leidwesen meiner Eltern habe ich die Lok auseinandergenommen bis zum Elektromotor. Ich bin ein Elektro-Freak, das gebe ich zu.

Wenn Sie Anfang kommenden Jahres in den Ruhestand gehen, blicken Sie auf 28 Jahre an der Spitze der Stadtwerke Forchheim zurück. Was hat sich zwischen den Herausforderungen von damals gegenüber denen von heute geändert?
Es gibt Dinge, die gleich geblieben sind - aber auch Dinge, die sich geändert haben: Die Marktliberalisierung hat einen gnadenlosen Konkurrenzkampf gebracht. Auf der anderen Seite erfüllen die Stadtwerke eine Aufgabe der Daseinsversorgung - und dafür sind wir gut aufgestellt: Wir haben neben Strom- und Wasserversorgung nicht nur eine Gasversorgung, sondern bieten auch komplette Wärmelösungen an - nicht zu vergessen die digitale Glasfasererschließung der ganzen Stadt. Die Stadtwerke sind total verquickt mit der Region. Wir sind für die Bürger da - diese Verlässlichkeit verkörpert meine Mannschaft.

Thema Atomausstieg: Wie beurteilen Sie die Energiewende? Als Irrweg oder Zukunftschance?
Ich habe Elektrotechnik studiert, mit dem Hauptschwerpunkt Energietechnik. Wir haben im Studium gelernt, wie man Atomkraftwerke berechnet. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima bin ich aufgewacht. Das hat mich gedreht. Über das, was die Kanzlerin gemacht hat, kann man diskutieren - aber wir sehen auch, dass wir die Energiewende schaffen. Auch ich habe von den Grünen gelernt. Was die regenerative Energie betrifft, ist der Weg prinzipiell richtig - aber es gibt auch viel zu kritisieren. Am Anfang war die Subventionierung zu hoch und schlecht verteilt. Heute ist das planvoller und zielorientierter. Jetzt geht kein Weg mehr daran vorbei. Natürlich gibt es noch Probleme bei der regenerativen Energie - vor allem hinsichtlich der Speichertechnik, die wichtig ist, um die Netze stabil zu halten.

Werden die Stadtwerke den Herausforderungen der Zukunft - Stichwort E-Mobilität - gewachsen sein?
Wir bauen seit zehn Jahren Ladesäulen. Daher können wir hochrechnen, wie sich die Belastung künftig auf das Stromnetz auswirken wird. Erst wenn 20 Prozent der derzeit in Forchheim angemeldeten Fahrzeuge elektrisch wären, würden wir an die Leistungsgrenze kommen und müssten das Netz ausbauen.

Würde eine Zunahme der E-Mobilität zu einer Erhöhung der Strompreise führen?
Wenn man es mit intelligenten Produkten macht, sehe ich eher ein Absinken der Preise.

Stichwort Führungswechsel: Sie führten ab 1991 als technischer Leiter - an der Seite von Anton Heim als kaufmännischem Leiter - den Eigenbetrieb der Stadt , bevor Sie 2002 als alleiniger Chef das Ruder übernahmen. Künftig wird es wieder die Doppelspitze einer kaufmännischen und technischen Leitung geben. Was ist der Grund für diesen Schritt - "zurück in die Zukunft"?
Das Mutterunternehmen ist die Stadtwerke Forchheim GmbH mit zahlreichen Tochterunternehmen. Die Aufgaben haben sich vor allem mit dem Breitband multipliziert. Diese vielfältigen Anforderungen müssen auf zwei Schultern verteilt werden - dies ist die Auffassung des Oberbürgermeisters ebenso wie meine, und im Übrigen auch die Auffassung eines Beratungsunternehmens. Daher wird die Spitze der Stadtwerke künftig wieder aus einem kaufmännischen und einem technischen Geschäftsführer bestehen. Die Personalien werden von OB Uwe Kirschstein als Aufsichtsratsvorsitzendem in einem eigenen Pressegespräch vorgestellt.

Zu Ihrem 60. Geburtstag im Jahr 2012 hatten Sie sich in Bezug auf die Stadtwerke gewünscht, "dass die Gewinne nicht privatisiert und die Verluste nicht sozialisiert werden". Glauben Sie, dass dies über Ihre Amtszeit hinaus Bestand hat?
Ich sehe zum Glück, dass die Stadt ein ausgeprägtes Interesse hat, dass die Stadtwerke mit ihren Töchtern in kommunaler Hand bleiben. Es würde nichts bringen, mit einem Verkauf kurzfristig einen Bombengewinn zu machen - das Geld wäre schnell wieder verbraucht.

Sie haben den Ausbau des Glasfasernetzes noch mitgestaltet, bevor Sie in den Ruhestand treten. Ist "Fo One" also die Krönung Ihres Berufslebens?
Es gab drei wichtige Abschnitte:
Erstens den Neubau der Stadtwerke. Zweitens das bruchlose Hineinführen in den liberalisierten Markt. Drittens die Digitalisierung und den Quantensprung, alle Kunden mit Breitband zu bedienen. Aber es gibt noch einen weiteren Schritt: die Personalentwicklung. Das Personal ist die Voraussetzung für alles. Diejenigen Unternehmen werden überleben, die die besten Mitarbeiter an sich binden können. Die Persönlichkeit der Geschäftsführer ist am wichtigsten - das gilt aber nicht nur für mich!

Was werden Sie im Ruhestand tun - an Elektrobaukästen basteln?
Erstens bin ich nach 45 Jahren noch glücklich mit meiner Frau. Sie fühlt sich sichtlich wohl und meidet mich nicht. Das ist das Wichtigste.
Zweitens bin ich auch noch Elektroingenieur - das bringe ich aus meinem Kopf nicht raus. Den Geruch der Fleischmann-Eisenbahn aus meiner Jugend, den kann ich nicht vergessen.
Und zum Dritten: In Forchheim lebe ich in einer tollen Stadt. Hier wird's mir nicht langweilig.

Das Interview führte
Andreas Oswald
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