Vorderreuth

Elend bis in kleinste Bauernhöfe

Das Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs wird auch heute noch gepflegt.
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Die Kriegsteilnehmer 1914 bis 1918 aus Vorderreuth bleiben mit dieser Tafel in der Kapelle der Familie Schüßler auch nach 100 Jahren in Erinnerung.  Foto: Siegfried Sesselmann
Die Kriegsteilnehmer 1914 bis 1918 aus Vorderreuth bleiben mit dieser Tafel in der Kapelle der Familie Schüßler auch nach 100 Jahren in Erinnerung. Foto: Siegfried Sesselmann
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Siegfried Sesselmann Als am 11. November 1918 ein Waffenstillstand endlich den Ersten Weltkrieg beendete, blickte man auf 17 Millionen Tode zurück, die von 1914 an ihr Leben in dem bis dahin umfassendsten Krieg der Geschichte verloren. Noch nie dagewesene Materialschlachten mit U-Booten, Panzern, Flugzeugen und dem Einsatz von Giftgas inszenierten ungeahnte Grausamkeiten auf allen Seiten. Das Zeitalter moderner Vernichtungswaffen war eingeläutet und Luftkrieg und Seekrieg lösten bisherige Kriegshandlungen Mann gegen Mann auf dem Schlachtfeld ab.

"Ausflug nach Paris"

Dieses zerstörende Nebenprodukt der Industrialisierung und des technischen Fortschritts benötigte eine bis dahin nicht gekannte Mobilmachung, auch an jungen, wehrfähigen Männern, die ihre Familien, ihre Frauen und Kinder und ihr Dorf verlassen mussten. 70 Millionen Menschen standen unter Waffen. Fast die komplette Wirtschaft beendete ihre Produktion und musste auf Kriegswirtschaft umstellen. In sinnlosen Grabenkämpfen bei mörderischen Stellungskriegen, bei denen in befestigten Frontlinien unzählige Soldaten wochenlang im Schlamm einen sinnlosen Kampf führen mussten, verloren Millionen junger Menschen in grausamster Art und Weise ihr Leben.

Keine Stadt, kein Dorf spürte nicht die Rekrutierung der wehrfähigen Männer. Einige liefen als Freiwillige in die Kasernen, um beim "Ausflug nach Paris" dabei gewesen zu sein, so wie die euphorisch Begeisterten auf die Züge Richtung Westen schrieben. Doch es sollte komplett anders kommen.

Die ehemals selbstständige Gemeinde Zaubach stellte 64 und das kleine Vorderreuth 22 Kriegsteilnehmer. Auch aus Römersreuth zogen 17 junge Soldaten in den Krieg. Aus der ehemaligen Kreisstadt Stadtsteinach mussten 336 Männer ihre Familien verlassen. Alleine aus diesem kleinen Gebiet waren 435 junge Männer nicht mehr auf dem Bauernhof, bei ihrem Handwerk und bei ihren Familien.

Und viel zu viele kehren nicht mehr heim. Bei fast allen liest man Frankreich als das Land, in dem sie nun seit über 100 Jahren begraben sind. Kampfhandlungen auf deutschem Boden fanden bis kurz vor der Kapitulation nicht statt, so dass die Gräber außerhalb ihrer deutschen Heimat verstreut liegen.

Nach Zaubach kehrten neun Soldaten nicht wieder heim, Vorderreuth und Römersreuth meldeten je drei Gefallene, aus Schwand verloren vier junge Männer ihr Leben und Stadtsteinach sahen 43 Kriegsteilnehmer nicht wieder. Auch in der Pfarrei Wartenfels mit den umliegenden Dörfern sind die Namen von 50 Soldaten bekannt, die ihre letzte Ruhe nicht in Wartenfels oder Reichenbach fanden.

Sowohl in der Kriegergedächtniskapelle in Zaubach als auch in der Kapelle auf dem Friedhof in Stadtsteinach findet man die Namen und die Sterbedaten der Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Auch die Pfarrei Wartenfels gedenkt ihrer Gefallenen in ihrer Kirche St. Bartholomäus. Besonders schön zeigt sich eine Erinnerungstafel der Vorderreuther Kriegsteilnehmer, die sich in der Kapelle der Familie Schüßler in der Mitte des Dorfes befindet. Auf einer ovalen Porzellantafel steht: "Erbaut im Jahre 1921 von Johann und Anna Schüßler von Vorderreuth. Zur Erinnerung an den Feldzug 1914 bis 18. Im Kugelhagel, Sturm und Wetter, war stets Gott unser Retter."

Die letzten kehrten 1920 heim

Bis Ende 1918 gerieten über 800 000 Deutsche in Kriegsgefangenschaft, die letzten von ihnen kehrten 1920 aus alliierten Lagern in ihre Heimat zurück. Nicht zu vergessen sind aber auch fast 2,5 Millionen Menschen, nicht nur Soldaten, aus 13 Staaten, die seit Beginn des Krieges in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Eine grausame Darstellung von Zahlen, hinter denen jedes Einzelschicksal zutiefst die Herzen der Angehörigen traf.

Doch welche Erlebnisse, Verletzungen und Qualen die Heimkehrer durchlebten, ist kaum zu beschreiben. Viele gekennzeichnet durch schwere Infektionen wie zum Beispiel durch Gasbrand, unprofessionelle Amputationen und schwerste Formen von posttraumatischen Belastungsstörungen, wie man aus heutiger Sicht diese Phänomene bezeichnet. Ungezählte starben an Infektionen, die man heute hätte problemlos besiegen können, doch das Penicillin wurde erst 1928 entdeckt.

Die "Kriegszitterer" - ein Krankheitsbild unter einigen Kriegsheimkehrern dieses ersten "großen Krieges" -, so nimmt man an, erlitten so belastenden, ständigen Artilleriebeschuss, dass sie für ihr weiteres Leben ihre Koordination verloren. Diese Art von "neuer Kriegsmaschinerie" überlastete die Soldaten psychisch so in einer unmenschlichen Art und machte junge Männer für den Rest ihres Lebens schwerst pflegebedürftig. In den Tagen des Novembers gedenkt man traditionell der Heiligen, Toten und Gefallenen auf unseren Friedhöfen und ruft sie wieder in Erinnerung. Dass vor 100 Jahren ein unmenschliches Sterben endete, soll auch in den kleinsten Gemeinden und Familien immer im Gedächtnis haften bleiben. Mit großer Wahrscheinlichkeit war in jeder Familie ein Urahn in dem "ersten großen Krieg" dabei.



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