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Coburg

Einmal noch "Charmeur" sehen

"Den Tagen mehr Leben geben" ist das Motto im Coburger Hospiz. Und wenn es gelingt, einem Gast noch eine große und wunderbare Überraschung zu bereiten, dann sind auch die Mitarbeiter glücklich.
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Innige Begrüßung: Hengst "Charmeur" und sein Besitzer, der im Hospiz lebt. Foto: privat
Innige Begrüßung: Hengst "Charmeur" und sein Besitzer, der im Hospiz lebt. Foto: privat

Simone Lahl, die Leiterin des Hospizes "Lebensraum" in Coburg, war sofort begeistert von der Idee: Einer ihrer Gäste sollte Besuch bekommen. Eine Überraschung sollte es sein. Simone Lahl musste nur klären, ob die Überraschung eine freudige sein würde oder ob sie Wunden aufreißen könnte. Diese Frage war aber schnell beantwortet: Der Schwager des Hospizgastes gab grünes Licht.

Und so ging Simone Lahl am Freitag voriger Woche in das Zimmer jenes Gastes und verkündete ihm, dass Besuch draußen sei, auf der Terrasse. Ob der Mann den Besucher sehen wollte? Die beiden Tage zuvor war es dem Hospizgast nicht sonderlich gut gegangen. Doch als er sah, wer da war, verließ er das Bett und ließ sich im Rollstuhl auf die Terrasse bringen. Dort wartete "Charmeur", der 25 Jahre alte Holstein-Hengst des Gastes. Das Pferd ist auf der Bahner-Ranch in Horb bei Neustadt untergebracht. Der Besitzer wird regelmäßig über WhatsApp informiert, wie es seinem Hengst geht. Aber er hatte ihn wochenlang nicht selbst sehen können. Und nun stand "Charmeur" da, erkannte seinen Besitzer wieder, und die beiden begrüßten sich. "Es war ein rührender Moment", schildert Simone Lahl die Situation.

Eine Freundin des Besitzers hatte die Idee für die Überraschung. Als ihr der Vorschlag gemacht wurde, das Pferd zu seinem Besitzer zu bringen, hatte Lahl keine Sekunde gezögert. "Ich war total Feuer und Flamm", sagt die Hospizleiterin. "Die mussten das nur organisieren."

"Die" sind eine Freundin und der Schwager des Hospizgastes, die vorab in die Aktion eingeweiht waren. Zwei Begleiterinnen von der Bahner-Ranch brachten "Charmeur" im Pferdeanhänger in die Kückenthalstraße, wo sich das Hospiz befindet (auf dem Gelände des Altenpflegeheims St. Josef). Rund zwei Stunden blieb "Charmeur" zu Besuch, zupfte am Gras neben der Terrasse, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Der stattliche Hengst sorgte nicht nur bei den Mitarbeitern und Bewohnern des Hospizes für Aufsehen. "Selbst die Kinder vom Spielplatz nebenan standen am Zaun und haben ,Charmeur‘ bewundert", sagt Lahl.

Dass der Hengst auf alle, die ihn sahen, einen großen Eindruck machte, wundert den Schwager des Hospizgastes nicht. "Sein Besitzer hat früher schon einige Köpfe verdreht und sein ,Charmeur‘ tut es ihm gleich. Es bleibt somit in der Familie", sagte der Schwager schmunzelnd.

Dass tierische Besucher kommen, sei im Hospiz nichts Ungewöhnliches, sagt Simone Lahl. "An Hunde haben wir uns schon gewöhnt." Die letzten Tage der Hospizgäste sollen so viel Leben enthalten wie nur möglich. Dem Besitzer von "Charmeur" jedenfalls habe der Besuch seines Pferdes sichtlich gutgetan, sagt Simone Lahl. "Er hat den ganzen Nachmittag gestrahlt und war wie ausgewechselt."

Seinen Freunde und Verwandten sei bewusst gewesen, wie wichtig dem Hospizgast sein Pferd sei. Ob ihm allerdings die Zeit für einen zweiten Besuch bleibe, "wissen wir nicht". sb

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