Maroldsweisach

Eine Region steht unter Strom

Im Raum Hofheim/Maroldsweisach/Coburg könnte eine neue große Hochspannungsleitung gebaut werden. Mit dem "Marsch gegen die P44" wollen die Kommunen am Sonntag den Druck auf die Politik erhöhen.
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Foto: Günter Flegel
Foto: Günter Flegel

Günter Flegel "P44" klingt gefährlich. Es gibt eine ganze Menge Waffen, die mit einem ähnlichen Kürzel als Markennamen vertrieben werden. "P44" hat ebenfalls Sprengkraft, obwohl sich dahinter ein friedfertiges Projekt verbirgt: Es ist eine der vielen Stromleitungen, die in Deutschland neu gebaut werden sollen/müssen.

Die Brisanz der P44 liegt darin, dass sie von Schalkau in Thüringen nach Schweinfurt/Grafenrheinfeld führen soll. Auf dem kürzesten Weg, 75 Kilometer Luftlinie, würde die Trasse das Coburger und Hofheimer Land durchschneiden, eine Vorstellung, die in der Region immer mehr Menschen die Haare zu Berge stehen lässt, als hätten sie an eine Stromleitung gelangt.

Das wichtigste Kapital

"Diese Stromleitung würde das wichtigste, wenn nicht einzige Kapital zerstören, das wir in der Region haben, unsere intakte Naturlandschaft", sagt der Bürgermeister von Maroldsweisach, Günther Thein (SPD). Er ist nicht allein: So wie die große Koalition in Berlin an der Energiewende festhält, hat sich in der Region eine große Koalition gegen die Leitung gebildet. Bundestagsabgeordnete Anja Weißgerber, Innenstaatssekretär Gerhard Eck und Landtagsabgeordneter Steffen Vogel (alle CSU) üben mit Bürgermeistern und Landräten den Schulterschluss gegen die "Monstertrasse".

Es ist lange her, da gab es in der Region vergleichbaren Ärger um eine Stromtrasse, aber unter ganz anderen Vorzeichen: In den 1980er Jahren sorgte der Bau der Starkstromleitung durch das Maintal unter anderem in Sand für Aufregung; die 380 000-Volt-Trasse rückt vielfach nahe an die Dörfer heran. Gebraucht wurde die Riesen-Leitung, die sich bis heute neben der Maintalautobahn A 70 durchs Land zieht, um den Strom des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld ins Land zu transportieren.

Allerdings ist Grafenrheinfeld Geschichte, die Abschaltung des Atomkraftwerks ist ein Kapitel der Energiewende; und die braucht keine Strom-Einbahnstraßen mehr wie die Leitung im Maintal, sondern ein viel enger geknüpftes Leitungsnetz.

Wiedervereinigung beim Strom

Und eine weitere Wende hat bis heute Auswirkungen auf das Stromnetz: Die Wiedervereinigung ist bei den Leitungstrassen zwischen Ost und West noch nicht perfekt. Es fehlen Leitungen.Eine davon ist die P44.

Warum noch mehr Stromleitungen? Blickt man auf eine Karte des Stromversorgungsnetzes, dann erkennt man in der Grenzregion zwischen Bayern und Thüringen ein Manko: Zwar sind die Kraftwerke und Umspannwerke "hüben und drüben" durch eine Vielzahl teils auch neu gebauter Leitungen miteinander verbunden.

Vielerorts fehlt aber das, was für den Techniker das Optimum ist: der Ringschluss. Fällt in so einem System eine Leitung oder eine andere Komponente aus, können die anderen Stränge das leicht auffangen. Dazu muss man wissen, dass jede Leitung nur eine bestimmte "Menge" Strom transportieren kann. Beim Verlängerungskabel zuhause fliegt bei Überlastung die Sicherung raus, im regionalen Verteilungsnetz wären die Folgen weitaus gravierender.

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, werden Leitungen nie unter voller Last betrieben; es bleibt immer ein Puffer. Selbst eine kurzzeitige Überlastung hält eine Leitung aus, dann muss aber Entlastung her.

Genau die fehlt nach Ansicht der Bundesnetzagentur im Netzverbund zwischen Bayern und Thüringen, und genau deshalb tauchen die Leitungen P44 und P43 (Hessen - Bayern) stets im Netzentwicklungsplan auf, der von der Bonner Behörde regelmäßig neu vorgelegt wird. "Nach unserer Ansicht ist auch die Leitung P44 notwendig, um die Netzstabilität auf Dauer zu garantieren", sagt Carolin Bongartz, die Sprecherin der Bundesnetzagentur. Allerdings sind P44 und P43 nicht "alternativlos". Die Netzbetreiber haben andere Trassen vorgeschlagen, die einen ähnlichen Effekt haben. Entscheiden, was Gesetz und am Ende gebaut wird, müsse die Politik, so Bongartz.

Wer die Wahl hat ...

Das bringt - sicher nicht zufällig kurz vor der Landtagswahl - die Region auf die Beine. Neben der Frage, ob neue Leitungen überhaupt gebraucht werden, ob man die Energiewende nicht besser in kleineren Einheiten realisieren soll, ist das Wo entscheidend: Naturschützer wie der Landesbund für Vogelschutz in Coburg wollen verhindern, dass eine neue Leitung das "Grüne Band" zerschneidet.

Kommunalpolitiker wie der Hofheimer Bürgermeister Wolfgang Borst (CSU) fürchten, dass das Großprojekt die Bemühungen, das Aussterben der Dörfer zu verhindern, zunichte machen könnte: Wer wohnt schon gerne neben 380 000 Volt? P44 klingt eben nicht nur gefährlich ...



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