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Coburg

Eine Jagd? Ein Gemetzel!

"200 Jahre Queen Victoria und Prinz Albert" schlagen sich auch im aktuellen Jahrbuch der Coburger Landesstiftung nieder. Daneben geht es um die Siedlungsgeschichte am Festungsberg und indonesische Blankwaffen.
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Die London Illustrated News zeigte ihren Lesern die Ankunft von Queen Victoria in Coburg. Von Lichtenfels kommend für die Königin durch ein Ehrentor vorm Ketschentor zum Marktplatz. Grafik Landesbibliothek Coburg, London Illustrated News, 30. 8. 1845
Die London Illustrated News zeigte ihren Lesern die Ankunft von Queen Victoria in Coburg. Von Lichtenfels kommend für die Königin durch ein Ehrentor vorm Ketschentor zum Marktplatz. Grafik Landesbibliothek Coburg, London Illustrated News, 30. 8. 1845
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Wenn die Queen verreist, dann sind Journalisten dabei - das gilt heute, das galt schon vor nahezu 175 Jahren. "The Illustrated London News" berichtete zum Beispiel in Wort und Bild über die Reise von Queen Victoria und Prinz Albert nach Coburg und Gotha im Sommer 1845. Damals (wie heute) war die Presse auch nicht zimperlich, wenn es darum ging, zu kritteln und zu skandalisieren. Dass Victoria und Albert im Rahmen ihres Besuchs im Gothaer Landesteil an einer "eingestellten Jagd" teilnahmen, wurde in England heftig kritisiert.

Bei der eingestellten Jagd wird das Wild schon einige Tage vorher behutsam in ein Waldstück getrieben, das an freies Feld grenzt. Sowohl das Waldstück als auch ein Stück des Freibereichs werden mit Tüchern und Netzen abgesperrt, so dass das Wild nicht mehr heraus kann. In der Freifläche befindet sich ein Pavillon, aus dem heraus die Jagdgäste schießen, sobald das Wild massiv aus dem Wald heraus auf die Freifläche getrieben wird.

Schießen zu Walzermusik

200 Stück Wild hatten die Förster von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha am Weißenberg zusammengetrieben, davon schossen der Herzog und seine 20 (männlichen) Jagdgäste 48; weitere 18 Stück Wild, die angeschossen waren, wurden während der Nachsuche getötet. Für die Illustrated London News war diese Jagd ein "Gemetzel", das Wild "wird von einer Gesellschaft geschossen, die wie im Salon an einer Tafel steht und Walzer und Polkas von Strauß hört".

Albert hatte im Vorfeld versucht, seinen Bruder, Herzog Ernst II., von dem Jagdspektakel abzubringen, "da Victoria dergleichen Sachen nicht liebt" und weil er vermutlich die Unterschiede der englischen und deutschen Jagdpraxis kannte. In England pflegte man hinter dem Wild herzujagen, das die Möglichkeit der Flucht hatte - anstatt es vorher einzuhegen und inmitten eines umzäunten Gebiets abzuschießen.

Hubertus Habel zeigt diese Zusammenhänge in seinem Beitrag für das Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 2018 auf. Es ist einer der kürzeren Beiträge und einer von vieren, die direkt oder indirekt auf das Jubiläum "200 Jahre Victoria und Albert" Bezug nehmen. Eckhard Mönnig porträtiert den Direktor des Gymnasiums Casimirianum, Johann Christoph Matthias Reinecke, der von Herzog Franz Friedrich Anton den Auftrag erhielt, das Naturalienkabinett des Herzogs und die Sammlung des Gymnasiums in einem Museum zusammenzuführen.

Evolutionstheorie vor Darwin

Diese Sammlungen sind einer der Vorläufer des Coburger Naturkunde-Museums. Die anderen Vorläufer sind die Sammlungen der Prinzen Ernst und Albert, und die wiederum waren indirekt von Reinecke beeinflusst: Ihr Erzieher Christoph Martin Florschütz war ein Schüler Reineckes und setzte bei den Prinzen einiges von dessen Erziehungsprinzipien um.

Abgesehen davon formulierte Reinecke "40 Jahre vor Darwin" eine Evolutionstheorie, sagt Mönnig. Sein Beitrag zeigt außerdem, wie eng verflochten die Sammlungen in den verschiedenen Einrichtungen der Landesstiftung heute noch sind: Als Mönning mit den Forschungen über Reinecke begann, ging es auch um die Ursprünge des Naturkunde-Museums (ehemals herzoglich). Im Staatsarchiv (des ehemaligen Herzogtums) wurde Mönnig fündig - dort fand er die Schenkungsurkunde von Franz Friedrich Anton. In der Landesbibliothek (ehemals herzogliche) schließlich entdeckte er den Katalog, in dem Reinecke alle Stücke des Naturalienkabinetts verzeichnete. So weiß man heute nicht nur, welche Stücke im Naturkunde-Museum oder in den Kunstsammlungen aus diesem Kabinett stammen. Man weiß auch, was verloren ging.

Briefe einer Herzogin

Die Bibliothek von Prinzgemahl Albert im Buckingham-Palace sind das Thema des Beitrags von Friedrich Bosbach. Silvia Böcking hat ein Briefkonvolut in den Kunstsammlungen erschlossen: Briefe der Herzogin Victoire von Kent, Queen Victorias Mutter, an Polyxene von Tubeuf. Die beiden hatten sich in Amorbach kennengelernt, wo Victoire während ihrer ersten Ehe mit Emich Carl zu Leiningen (1763-1814) lebte. Als 17-Jährige hatte sie den verwitweten Schwager ihrer Mutter geheiratet, also einen Onkel, der 23 Jahre älter war als sie. Nach zehn Jahren Ehe war Emich Carl gestorben, und Victoire heiratete ein zweites Mal, den noch älteren Herzog von Kent. Die beiden waren die Eltern der späteren Queen Victoria. Victoire stand wegen der isolierten Erziehung ihrer Tochter häufig in der Kritik. Die Briefe gewähren einen anderen Blick auf die Herzogin, die in ärmlichen Verhältnissen in England lebte, mehr geduldet als geschätzt, weil sie die Mutter der nächsten Königin war, sagt Silvia Böcking.

Scherben und Waffen

Auch die Sammlungen der Landesstiftungen kommen im neuen Jahrbuch zu ihrem Recht: Der Archäologe Philipp Schinkel hat sich mit den Keramik- und Metallartefakten befasst, die bei Bauarbeiten in der Veste und auf dem Fürwitz nahebei eingesammelt wurden. Die Scherben lagern in mehreren Kartons im Naturkunde-Museum. Schinkel hat sie alle durchgesehen, beschrieben und festgestellt, dass die Veste tatsächlich erst um 1230 herum errichtet worden sein muss. Die Vorläuferburg befand sich vermutlich an der Stelle des Fürwitz. Die Scherben belegen aber auch, dass der Festungsberg schon seit Jahrtausenden besiedelt ist, und zwar durchgängig.

Niels Fleck übernimmt

Alfred Geibig, langjähriger Redakteur des Jahrbuchs, hat den Katalog zur Sonderausstellung indonesischer Blankwaffen zum Jahrbuch beigetragen. Der Archäologe und Waffenspezialist der Kunstsammlungen ist aber inzwischen in Ruhestand. Deshalb gibt er nach 30 Jahren auch den Posten des Jahrbuch-Redakteurs ab. Die Ausgabe 2019, die dann im Sommer 2020 erscheinen soll, hat er aber noch vorbereitet: So wird Eckhard Mönnig einen Aufsatz über den Prinzenerzieher Florschütz beisteuern.

Die Redaktion der Jahrbücher übernimmt Niels Fleck, Kurator der Kunstsammlungen auf der Veste. Sven Hauschke, Direktor der Kunstsammlungen, kündigte an, dass es in den Jahrbüchern künftig stärker um die Sammlungsgeschichte gehen werde, nachdem bislang der Fokus stark auf Architektur- und Landesgeschichte gelegen habe.