Kronach
Literatur

Eine Familiengeschichte im Schatten der Roten-Armee-Fraktion

Einen wahren Besucherandrang konnte der Vorsitzende des Kronacher Kunstvereins, Karol J.Hurec, bei der ersten Literarischen Matinee im neuen Jahr verzeichnen. Das Thema der beiden Bücher, die zur Vors...
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Einen wahren Besucherandrang konnte der Vorsitzende des Kronacher Kunstvereins, Karol J.Hurec, bei der ersten Literarischen Matinee im neuen Jahr verzeichnen. Das Thema der beiden Bücher, die zur Vorstellung kamen, befasste sich mit der RAF, der Roten-Armee-Fraktion, die, nach ihrer Gründung 1968 in der dritten Generation noch bis zum Jahr 1998 politisch aktiv war. Eine Einführung in diese Zeit der Studentenrevolten, Demonstrationen, aber auch der mörderische Terrorattentate gab Krystyna Hurec-Diaczyszyn.

Weltweite Bewegungen wie die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King, der im April 1968 erschossen wurde, der Prager Frühling 1968, die Studentenunruhen in Frankreich 1968, Widerstände gegen die Vietnamkriegspolitik der USA erreichten thematisch auch Deutschland. "Unter den Talaren Muff von tausend Jahren!" riefen die Studenten 1968 auf Deutschlands Straßen. In Berlin, Frankfurt, München und vielen anderen Universitätsstädten machten sie ihrem Unmut Luft und demonstrierten gegen die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen im Deutschland der 1960er Jahre.

Kinkels "Schlaf der Vernunft"

Ein kleiner Teil der jungen Leute aus dem politisch linksautonomen Spektrum radikalisierte sich. Die militante Vereinigung der Roten-Armee-Fraktion, die RAF, wurde gegründet. Wie aus friedlichen Demonstranten Menschen werden konnten, die "Das System" des Staates und seiner Einrichtungen mit tödlicher Gewalt bekämpften, ist der Hintergrund für den spannenden Roman "Schlaf der Vernunft" von Tanja Kinkel.

Die Autorin, geboren 1969 in Bamberg, studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und gewann bereits mit 18 Jahren ihre ersten Literaturpreise. "Schlaf der Vernunft" ist eine fiktive Familiengeschichte vor einem realen zeitgeschichtlichem Hintergrund. Wie soll sich eine Tochter gegenüber der Mutter verhalten, die als verurteilte Terroristin nach 20 Jahren Haft entlassen wird? Weiterhin auf Distanz gehen oder versuchen, sich dem "Scheusal" zu nähern und sachten Kontakt zu knüpfen?

Erzählt wird diese Geschichte einer Annäherung zweier Menschen mit komplett unterschiedlichen Weltanschauungen auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen. Einmal im Jahre 1998, als die Mutter aus der Haftanstalt entlassen wird, und in der Zeit 30 Jahre früher, als die linken Studentenproteste begannen und die Mutter als junges Mädchen in allmählich idealistischer Verblendung in die verhängnisvollen Fänge der fanatischen Aufrührer geriet.Ein sehr lesenswertes Buch, das ein schwieriges Thema spannend und dennoch berührend erzählt.

"Die RAF hat euch lieb." Diesen Satz schrieb Ulrike Meinhof, eines der Gründungsmitglieder der RAF, ihren Kindern, den Zwillingen Bettina und Monika, in einem Brief; so lautet auch der Titel des Buches von Bettina Röhl, das von Ingrid Steinhäußer einfühlsam vorgetragen wurde. Bettina Röhl wurde 1962 in Hamburg geboren, wo sie 1982 Abitur machte. 1986 begann sie neben ihrem Studium der Geschichte und Germanistik ihr Volontariat bei dem Zeitgeistmagazin "Tempo". 2001 wurde sie mit ihren Veröffentlichungen zu Joschka Fischers Gewaltvergangenheit bekannt. Nach "So macht Kommunismus Spaß" ist "Die RAF hat euch lieb" ihr zweites historisch-biographisches Buch über die linke Geschichte der Bundesrepublik.

Traumatische Folgen

Die von Ingrid Steinhäußer ausgewählten Textstellen zeigten auf, wie traumatisch die Veränderung in der Lebensweise der Kinder war. Der gutbürgerliche familiäre Hintergrund veränderte sich zu einer für die Kinder nicht zu verstehenden Situation der Verwahrlosung und Unsicherheit. Die Mutter, auf Grund ihrer vielfältigen Aktionen zeitlich und emotional nicht mehr verfügbar, will die Kinder in ein palästinensisches Waisenhaus bringen. Ulrike Meinhof, eine Frau, die Zwänge ablehnte, zwang ihre Kinder in Situationen und Verhaltensweisen. Neben diesen persönlichen Erfahrungen reflektierte Bettina Röhl das politische Leben der 1970er Jahre. Das Buch wirkte stellenweise wie eine bittere Abrechnung mit Journalisten, Schriftstellern (Heinrich Böll), Politikern (Joschka Fischer), nicht wie ein aufklärendes Sachbuch.

In ihrem Schlusswort erwähnt Röhl auch noch die heutige "Genderpolitik" und bezeichnet Angela Merkel als die "Königin der Antifa". Ein Buch, das zum Nachdenken und Nachforschen anregt. red

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