Helmbrechts

Eine Dokumentation des Grauens

Eine gründliche Studie über das Außenlager des KZ Flossenbürg in Helmbrechts zeigt auf erschütternde Weise die Qualen der Frauen bei ihrem Todesmarsch nach Südböhmen.
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Hanka Kotlicki, eine Überlebende des Todesmarsches von Helmbrechts, besuchte 1998 mit ihrer Tochter die Ausstellung "Reichskristallnacht in Kulmbach" in der alten Turnhalle des MGF-Gymnasiums. Links der Helmbrechtser Heimatforscher Otto Knopf  Fotos: Wolfgang Schoberth
Hanka Kotlicki, eine Überlebende des Todesmarsches von Helmbrechts, besuchte 1998 mit ihrer Tochter die Ausstellung "Reichskristallnacht in Kulmbach" in der alten Turnhalle des MGF-Gymnasiums. Links der Helmbrechtser Heimatforscher Otto Knopf Fotos: Wolfgang Schoberth
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WOLFGANG SCHOBERTH 60 Jahre nach der "Reichskristallnacht", 1998, gab es am Kulmbacher MGF-Gymnasium eine große Ausstellung in der alten Turnhalle. In einer aufwändigen Dokumentation wurden die Vorgänge in den Novembertagen 1938 in Kulmbach vorgestellt. Ergänzt wurde die Exposition durch Gesprächsrunden mit Zeitzeugen und Historikern.

An einem Abend war auch Hanka Kotlicki zu Gast - 1998 eine der letzten Überlebenden des Helmbrechtser Frauenkonzentrationslagers. Angereist aus Bat-Yam in Israel, erzählte sie in erschütternder Weise vom Frauen-KZ im Frankenwald und vom Todesmarsch in den Osten kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner.

Zur Räumung gezwungen

Am 13. April 1945 wurden die 1137 weiblichen Häftlinge - etwa die Hälfte von ihnen Jüdinnen, vorwiegend aus Ungarn - von ihren SS-Aufsehern zur Räumung des Lagers gezwungen. 129 Frauen und Mädchen starben an Unterernährung, Erschöpfung oder Krankheiten. Weitere 129 wurden vom Bewachungspersonal ermordet.

Nach 22 Tagen erreichte der Zug das 220 Kilometer entfernte Volary (Wallern) in Südböhmen. Dort wurden die völlig Erschöpften in einem Sägewerk einquartiert. Bei ihrer Befreiung durch US-Panzerverbände am 6. Mai, so schilderte Hanka Kotlicki bei ihrem Besuch am MGF, hätten sie und ihre Leidensgenossinnen wie 80-Jährige ausgesehen, zum Skelett abgemagert, mit einem Durchschnittsgewicht von nicht einmal 29 Kilo.

Brücke zur Jugend

Um den NS-Terror im Nahbereich sichtbar zu machen und die Erinnerung an die Opfer wach zu halten, verfolgte der Schwarzenbacher Verein gegen das Vergessen den Plan einer umfangreichen Dokumentation des Helmbrechtser Außenlagers des KZ Flossenbürg. Seine Mitglieder, die sich schon jahrelang für den Aufbau von Gedenkstätten engagieren, möchten damit vor allem auch heutige Jugendliche erreichen, Lehrer und Schulen, und zur Mitarbeit einladen. Durch Mittel aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben" des Familienministeriums konnte ein Buchprojekt verwirklicht werden.

40 Jahre recherchiert

An der 100-seitigen Schrift, reich mit Fotos, Grafiken, Karten und originalen Dokumenten ausgestattet, haben ausgewiesene Experten mitgearbeitet: Zum Beispiel Jörg Skribeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, der weitere Todesmärsche vorstellt, Ulrich Fritz, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der bayerischen Staatsregierung, der der Frage von "Zwangsarbeit und Terror vor aller Augen" nachgeht. Oder Hartmut Hendrich, der den skrupellosen Helmbrechtser Lagerkommandanten Alois Dürr porträtiert, sowie Inge Aßmuß-Schimming, eine der berüchtigsten SS-Aufseherinnen überhaupt.

Das Gros der Beiträge stammt von Klaus Rauh. Der Verfasser hat sich erstmals 1983 in seiner Facharbeit am Gymnasium Münchberg mit dem Thema beschäftigt. Seither hält es ihn gebannt. Der heute 57-Jährige, der als Altenpfleger arbeitet, hat immer weiter recherchiert. Er hat mit ehemaligen Häftlingsfrauen gesprochen, die in hohem Alter wieder an den Ort ihrer Tortur kamen. Seine Erkenntnisse nach fast 40-jähriger Forschungsarbeit werden nun erstmals veröffentlicht.

Dank Rauh erhält man ein genaues Bild, wie das Frauen-Lager an der Kulmbacher Straße entstanden ist, wie es durch weitere Zuweisungen erweitert wurde, wie die Baracken, Lagereinrichtungen und Umzäunungen beschaffen waren und mit welchen drakonischen Kollektivstrafen Gehorsamsverweigerung und Fluchtversuche geahndet wurden.

Selbstverständlich wird ihr Einsatz als Zwangsarbeiterinnen in der Rüstungsproduktion nicht ausgespart: In den leerstehenden Werkshallen der Textilfirma Witt mussten sie für die die ausgelagerten Kabel- und Metallwerke Neumeyer in Nürnberg Flugzeugteile und Munition herstellen.

Im Juli 1944 waren es 680 Frauen, die in Zwölf-Stunden-Schichten an den Drehbänken, Schleif- und Bohrmaschinen schufteten. Die Studie ist ein ebenso fundiertes wie erschreckendes Zeugnis der NS-Geschichte vor Ort. Sie ist nicht nur verdienstvoll, sondern heute bitter notwendig.

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