Kulmbach

Ein wortgewaltiger Demokrat

Hans-Dieter Lotz ist ein kritischer Kopf mit enormen Bildungshintergrund. Als Lehrer am MGF hat er Generationen von Schülern inspiriert. Der Kulmbacher SPD hat er viel Glanz verliehen. Heute feiert er 90. Geburtstag.
Artikel drucken Artikel einbetten
Small Talk in der Berufsschule: 1968 begleitet Hans-Dieter Lotz Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt durch Kulmbach. Fotos: Stadtarch
Small Talk in der Berufsschule: 1968 begleitet Hans-Dieter Lotz Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt durch Kulmbach. Fotos: Stadtarch
+2 Bilder

Wolfgang Schoberth 83 Jahre alt ist Hans-Dieter Lotz, als er sich noch einmal in Klausur begibt: Zwei Jahre arbeitet er an seinen Lebenserinnerungen, die man heute im Internet nachlesen kann. Im Mittelpunkt stehen seine Kindheit und Jugend in der schlesischen Kleinstadt Lüben. Dort wurde er zwei Tage vor Weihnachten 1928 als Erster einer kinderreichen Familie geboren.

Virtuos entfaltet er den Kosmos eines heimeligen, scheinbar intakten Provinznests, in das am 9. November 1938 das Ungeheuerliche einbricht: Der Mob wütet, jüdische Geschäfte werden geplündert, ihre Eigentümer misshandelt. Lotz sieht sich als Zeitzeuge in der Pflicht: "Andere, Ältere nämlich, sind da nicht mehr, die mehr hätten wissen müssen und sich wohl auch hätten verweigern sollen dem, was in ihrem Namen geschah und dem, was, ursprünglich und gläubig, sie mittels ihrer Stimme und Wahl einst heraufbeschworen hatten. Das ist nie wieder gutzumachen. Schlesien ist verloren für alle Zeit. "

"Das Erinnern des Flüchtigen", so der Titel der Schrift, liefert den Schlüssel für das Leben von Hans-Dieter Lotz: Seine Erkenntnis, dass die Heimat durch eigene Schuld der Deutschen verloren gegangen ist - durch Anfälligkeit gegenüber Rechts, durch Mitläufertum, durch Behäbigkeit. Nach 1945 möchte er seinen Beitrag leisten für eine mündige, streitbare Demokratie, die einem Rückfall in die Vergangenheit ausschließt.

Sternstunden am MGF

Obwohl Lotz gewiss kein 68er war, hat er wie kein anderer MGF-Lehrer in die Aufbruchsjahre gepasst. In seiner Bereitschaft, über Tabus zu sprechen, Autoritäten und Strukturen zu hinterfragen, hat er vielen aus der Seele gesprochen. Einer seiner damaligen Schüler, Lothar Wittmann, Professor für Psychologie an der Universität Hildesheim, urteilt heute: "Am wichtigsten war er für uns alle als Anreger in der Auseinandersetzung mit den Vätern und ihrem Verstricktsein in das Naziregime. Er hat streitbare Demokratie und Meinungsmut gelehrt, hatte immer Ironie und sanften Spott parat, in einer Weise, dass man nie verletzt sein musste - ob seines Wissens aber manchmal beschämt war."

Geschichte oder Deutsch bei ihm war keine Fahrt im Schlafwagen. Er hat die Schüler aktiviert, zu einer Stellungnahme gekitzelt, leidenschaftlich diskutiert, mitunter weit in die Pause hinein. Wenn er gut drauf war, waren es Sternstunden, gekrönt von einer typisch Lotzschen Suada, einem sich überschlagenden, fremdwörtergespickten Monolog, in dem er sein profundes historisches und literarisches Wissen über die Schüler ergoss. Er hetzte dann, mitunter mit frisch entzündeter Zigarette, in die nächste Klasse.

Lotz schaffte, was wenigen Lehrern gelingt: junge Menschen für Literatur zu faszinieren. Die großen Gegenwartsautoren von Bertolt Brecht, Peter Weiss, Rolf Hochhuth, Heinrich Böll, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt bis Günter Grass waren seine Sache. Doch auch die Klassiker - Shakespeare, Schiller, Goethe - wurden unter seiner Regie zu einer packenden, hochaktuellen Lektüre.

Tête-à-Tête mit Kanzlern

1965 lässt sich Hans-Dieter Lotz von Karl Herold einen Aufnahmeantrag in die SPD aushändigen. Die Partei schien ihm die stärkste Garantie zu sein, dass sich das Verhängnis von 1933 nicht wiederholen werde. Obwohl er sofort in den Stadtrat gewählt wurde, jahrelang den SPD-Ortsverein führte und von 1972 - 1976 zweiter Bürgermeister von Kulmbach war, verläuft seine politische Karriere nur begrenzt erfolgreich. Was er durch sein intellektuelles Format erreicht hat, beschreibt sein früherer Weggefährte Wolfgang Hoderlein so: "Lotz war in Kulmbach der beste Beweis dafür, wie es die SPD geschafft hat, Bürger weit jenseits ihres Klientels zu erreichen. Er hat die Kommunalpolitik immer auch in den Zusammenhang mit der großen Politik gebracht und ihr die provinzielle Enge genommen". Durch die Bonner Kontakte Karl Herolds sind häufig Spitzen der Politik in Kulmbach, Willy Brandt und Helmut Schmidt vor allem. Lotz begleitet sie immer. Sie schätzen ihn wegen seiner Eloquenz und seiner analytischen Fähigkeiten.

Doch: das Tête-à-Tête mit den Promis ist das eine, die Niederlage bei der Kulmbacher OB-Kandidatur das andere. Lotz erhält bei der Wahl am 3. Oktober 1976 nur 27,88 Prozent gegen den Amtsinhaber Erich Stammberger. Träume seiner Fans (und wohl auch seine eigenen), er werde einst eine Rolle in der Bundespolitik spielen, sind ausgeträumt. Doch lokal mischt er noch kräftig mit: Er verhindert maßgeblich die erneute Kandidatur von Philipp Rosenthal für den Wahlkreis Kulmbach und hievt Günter Verheugen 1982 an seine Stelle. Bis 1990 bleibt er als Stadt- und Kreisrat aktiv.

Außergewöhnlicher Mann

Niederlagen, manche Fiesheiten der eigenen Genossen - Hans-Dieter Lotz bewahrte Gelassenheit. Er wollte sich's nicht verdrießen lassen, um es mit einer seiner Lieblingsformulierungen zu sagen. Geistvolle Gespräche, das "interfraktionelle Bier" nach den Stadtratssitzungen blieben ihm das Elixier, um die Klinge scharf zu halten. Zu seinem heutigen Geburtstag sind es gewiss nicht wenige ehemalige Schüler, die aus der Ferne das Glas erheben - auf einen tollen Lehrer und eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren