Bad Kissingen

Ein Tanz auf dem Vulkan

Gabriele Tergits Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" ist immer noch topaktuell, obwohl er erstmals schon vor 50 Jahren erschienen ist.
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Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm", btb-Verlag, Taschenbuch, 400 Seiten, Preis: 11 Euro, ISBN 978-3442715565.
Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm", btb-Verlag, Taschenbuch, 400 Seiten, Preis: 11 Euro, ISBN 978-3442715565.
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Sigismund von Dobschütz

Wer hat sich nicht schon gelegentlich über die Sensationsgier moderner Medien oder den in Teilen unserer Gesellschaft anzutreffenden Amigo-Filz seine Gedanken, vielleicht sogar Sorgen gemacht? Erschreckend aktuell mag uns Lesern deshalb der Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" von Gabriele Tergit (1894 - 1982) erscheinen, der jetzt im Oktober mit einem informativen Nachwort von Nicole Henneberg im btb-Verlag als Taschenbuch veröffentlicht wurde.


1975 wiederentdeckt

Doch dieser gesellschaftskritische Bestseller der einst bekannten Berliner Journalistin ist fast 50 Jahre alt, erschien schon 1931, wurde erst 1975 wiederentdeckt und seitdem alle paar Jahre neu aufgelegt.
In ihrer Satire schildert Tergit äußerst facetten- und pointenreich das Leben und Treiben im quirligen Berlin ihrer Zeit. Die Journalistin prangert die wachsende Macht der Medien und die zerstörerische Macht des Geldes an bei gleichzeitigem Niedergang von Ehre und Moral, Anstand und Bildung.
Aus Mangel an Nachrichten veröffentlicht Redakteur Gohlisch in seiner Zeitung einen lobenden Artikel über einen eher talentlosen Volkssänger namens Käsebier, der gerade in einem zweitklassigen Varieté auftritt. Andere Zeitungen nehmen das Thema auf und machen Käsebier schnell zum Superstar.
Die Maschinerie kommt ins Rollen, das Merchandising setzt ein: Es gibt Käsebier-Gummipuppen, Staubtücher, Zigaretten, Schuhe und mehr. Käsebier singt auf Schallplatte, es folgt ein UFA-Film und sogar ein Singspiel. Alle Branchen wollen teilhaben an Käsebiers Erfolg.


Gier nach Geld

Man verleugnet wissend die Mäßigkeit des Künstlers, solange man mit ihm Geld machen kann. "Geist? Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, das wollen die Leute. Amüsement, jeden Tag eine andere Sensation, groß aufgemacht", fordert auch der neue Verlagsdirektor.
Doch nicht Käsebier ist die Hauptperson in Tergits Roman, sondern die Stadt Berlin kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und seine auf dem Vulkan tanzende Gesellschaft. Es ist 1929, das letzte Jahr der angeblich so Goldenen Zwanziger.
In kurzen Sätzen und noch kürzeren, oft Gedanken überspringenden Dialogen zeigt Tergit das Tempo der Hauptstadt, die Gier nach Geld und Sensationen, zugleich aber die geistlose Oberflächlichkeit des alt- und neureichen Großbürgertums. Privatbankier Muschler, eigentlich schon pleite, und der korrupte Bauunternehmer Otto Mitte ("Ein bisschen korrupte Genialität ist besser als korrekte Unfähigkeit") wollen ihr Stück vom Käsebier-Hype und bauen am Kurfürstendamm einen Komplex mit Käsebier-Varieté, Läden und überteuerten Wohnungen.


Investitionsblase platzt

Doch es ist zu spät: Käsebiers künstlich geschaffener Stern stürzt ab, die Käsebier-Gummipuppe wird von der Gummi-Mickymaus abgelöst, die Investitionsblase platzt. Die Weltwirtschaftskrise gibt allen den Rest. Unternehmensbosse retten ihr Vermögen zu Lasten der Kleinbürger und Arbeiter, die Menschen werden arbeitslos.
Es kommt zu Zwangsversteigerungen. Was einmal wertvoll war, ist plötzlich ohne Wert - Berlin wird verramscht. Volkssänger Käsebier tritt in Provinzkneipen auf. Redakteur Gohlisch verkürzt seinen jahrelang gebrauchten Standardgruß "Heil und Sieg und fette Beute!" der Zeit entsprechend auf "Heil und Sieg!", denn "fette Beute gibt's nicht mehr." Es ist überraschend und zugleich beängstigend, wie aktuell Tergits Gesellschaftssatire noch heute ist. So manches Mal gefriert einem beim Lesen das Lächeln im Gesicht. Die Zeit ändert sich, die Menschheit wohl nicht.
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