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Oberreichenbach

Ein Sud bringt hundert Liter

Andreas Geyer brennt Bier zu Schnaps, konkret zu 90-prozentigem Alkohol. Den können Apotheken für die Mischung von Desinfektionsmittel bei ihm bestellen. Der Verkauf von Flaschenbier und Speisen außer Haus geht weiter.
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Andreas Geyer hat vor einigen Tagen schon mal probehalber gebrannt und den eingefärbten hochprozentigen Alkohol in Flaschen abgefüllt. Jetzt folgt die erste große Menge für eine Apotheke in Nürnberg und der zweite Sud kann auch bald verwertet werden. Ausgeliefert wird dann in Kanistern.  Fotos: Bernhard Panzer
Andreas Geyer hat vor einigen Tagen schon mal probehalber gebrannt und den eingefärbten hochprozentigen Alkohol in Flaschen abgefüllt. Jetzt folgt die erste große Menge für eine Apotheke in Nürnberg und der zweite Sud kann auch bald verwertet werden. Ausgeliefert wird dann in Kanistern. Fotos: Bernhard Panzer
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Bernhard Panzer Andreas Geyer hatte vor einigen Wochen schon ein mulmiges Gefühl. Er sah die Hamsterkäufe kommen, auch beim Desinfektionsmittel. Damals kaufte er über seinen Großhändler ein. "Ich wollte im Wirtshaus Spender anbringen, für meine Gäste", sagt der 40-jährige Unternehmer.

Wenig später folgte im Zuge der Corona-Krise die Ausgangssperre, die Lokale wurden bayernweit geschlossen. Und die medizinische Ausrüstung wurde knapp - der Markt war leer gekauft. Geyer bot sein Mittel über Facebook an, belieferte einen Arzt und eine Physiotherapeutin in Herzogenaurach. "Ich hab den Einkaufspreis verrechnet", sagt er. Und nur ein paar Euro für seine Arbeitszeit draufgeschlagen. Da lag der Handelspreis im Internet bereits deutlich höher.

Jetzt, da die Erkrankungen an Covid 19 weiter steigen, ist Desinfektionsmittel erst recht rar. Erneut springt der Oberreichenbacher Bierbrauer und Schnapsbrenner ein. Er stellt hochprozentigen Alkohol her, als Grundlage für medizinische Mittel. Kommenden Donnerstag kann er die ersten einhundert Liter voraussichtlich ausliefern.

Hochleistungs-Anlage

Der Keller in der Brauerei Geyer ist voll mit Gerstensaft. 20 Hektoliter waren zum Auftakt der Bierkellersaison eingebraut worden. Das Bier hat in Fässern sechs Wochen gelagert und könnte jetzt in der Gaststätte und auf dem Keller ausgeschenkt werden. Wenn das öffentliche Leben denn stattfinden dürfte. Freilich wäre das Bier auch noch in ein paar Wochen gut, sagt Geyer. Er hätte also nicht zwingend einen Grund, es jetzt verwerten zu müssen. Aber erstens wisse keiner, wie lange diese Ausnahmesituation noch dauert, zum zweiten kann er aus Bier Schnaps machen. Selbst sehr hochprozentigen Alkohol mit einem Gehalt von bis zu 90 Prozent. Das schafft seine moderne Anlage, die er erst 2016 eingerichtet hat und mit der er am liebsten Whiskey brennt.

"Jetzt ist das Bier halt da", sagt der Diplom-Braumeister. Also kann es auch verwertet werden. "Ich brenne das Bier jetzt ab." Der Gerstensaft hat etwa fünf Prozent Alkohol, somit ergeben sich aus 100 Litern Bier fünf Liter hochprozentiger Alkohol. Die vorhandenen 20 Hektoliter (2000 Liter), ein Sud, reichen also für 100 Liter. Daraus können die Apotheker dann mindestens die gleiche Menge Desinfektionsmittel zusammenmischen.

Steuerfrei bis Mai

Freilich darf Geyer nicht einfach so drauf los brennen. Der bürokratische Ablauf ist der gleiche wie bei Whiskey oder Willi, sagt er. Der Vorgang muss genauso angemeldet werden, dann wartet er auf den Bescheid aus dem Hauptzollamt in Stuttgart. Neu ist lediglich, dass der Alkohol für Desinfektionsmittel steuerfrei hergestellt werden darf. Bis zum 1. Mai gilt diese Regelung, sagt Geyer. Vorerst. Gut möglich, dass das verlängert werde.

Am Dienstag hat er bereits einen neuen Sud Bier eingebraut. Auch für diesen Zweck. Auf die Lagerung kann er verzichten, so dass auch diese einhundert Liter Alkohol dann schon in einer guten Woche zur Verfügung stehen. Für die erste Menge des 90-prozentigen Ethanols hat er bereits einen Großabnehmer. "Eine Apotheke aus Nürnberg hat das bestellt." Für die neue Herstellung können sich Interessenten bei ihm gerne melden. Liefern wird er die Flüssigkeit in Kanistern. Mischen müssen die Apotheken dann selber.

"Ich könnte die ganzen nächsten Wochen brennen", sagt Geyer. "A bissla Zeit hab ich ja." Der Chef des Familienbetriebs legt auch Wert auf die Feststellung, dass diese Form des Brennens jetzt nicht gerade ein lukratives Dienstgeschäft sei. "Das ist ein solidarisches Geschäft." Wenn das Vorhaben aber dazu beiträgt, seine Kunden und die Allgemeinheit gesund zu erhalten, habe es sich außerdem ja trotzdem gelohnt.

Verkauf außer Haus

Freilich wird beim Geyer in Oberreichenbach auch noch "normales" Bier gebraut. Denn der Flaschenbierverkauf läuft ja weiter. Und Speisen kann man sich im Wirtshaus auch abholen. "Von Mittwoch bis Freitag haben wir so um die 30 Essen am Abend", sagt Geyer. "Das deckt wenigstens die Kosten." Aber "die zwaa Seidla", die die Gäste sonst im Wirtshaus zum Essen trinken, "die fehlen schon." Ein bissschen besser wird's über die Ostertage. Da gibt's schon über hundert Bestellungen, wie Mutter Christa sagt. Und wie lange darf das noch so gehen? Vier Wochen, so schätzt der Unternehmer, "schaff ich noch". Dann müsste er für seine Festangestellten (vier Familienmitglieder) Kurzarbeit anmelden. Die Servicekräfte und Nebenjobber fallen jetzt schon weg. Zu tun ist in der Zwischenzeit dennoch reichlich. Manches bleibt liegen, die ein oder andere Reparatur kann gemacht werden. Und außerdem hat die Familie jetzt Zeit, den Hof zu pflastern.