Herzogenaurach

Ein Spektakel voller Nostalgie und etwas Hollywood

Klaus-Peter Gäbelein Am Wochenende erwartet die Stadt wieder ein großes Spektakel. Einheimische und viele auswärtige Besucher werden zurückversetzt ins Mitt...
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Klaus-Peter Gäbelein

Am Wochenende erwartet die Stadt wieder ein großes Spektakel. Einheimische und viele auswärtige Besucher werden zurückversetzt ins Mittelalter.
Mittelalter, das war die Zeit zwischen 600 und 1500, oft auch als das "finstere Mittelalter" bezeichnet. Es waren die Jahrhunderte von Königen und Kaisern, von Blüte und Niedergang des Papsttums, die Zeit von Machtkämpfen der deutschen Fürsten untereinander und der europäischen Herrscher gegeneinander um die Vorherrschaft in Europa. Mittelalter, das waren aber auch Jahrhunderte mit Epidemien und Seuchen, mit Hungersnöten und Türkengefahr. Es waren Jahrhunderte, in denen weite Teile der Bevölkerung am Existenzminimum lebten, als die Bauern noch leibeigen waren und als der "gemeine" Mann wenig Rechte hatte.
Es ist schon ein großes Maß an Nostalgie und Hollywood dabei, was bei Mittelalterfesten geboten wird: ein großes Spektakel mit Feuerschluckern, Bänkelsängern, Seiltänzern und Musikanten, wie es vor 700 Jahren vielleicht auch auf dem Herzogenauracher Marktplatz zugegangen ist, wenn in der Stadt sechsmal pro Jahr Markt abgehalten wurde .


Fern der Realität

Mittelalterfeste sind heutzutage ein großes "Spektakulum" , ein Schauspiel, oft fern der Realität. Denn das Leben damals war - auch in Herzogenaurach - hart und unbequem. Die Häuser besaßen eine Stube im Erdgeschoss und eine "Schlafstube" im Obergeschoss. Der untere Raum, die Küche, diente gleichzeitig als Werkstatt und Aufenthaltsraum. Von einem "Wohnzimmer" im heutigen Sinn konnte keine Rede sein.
Eine offene Feuerstelle spendete Wärme. Hier wurde auch gekocht. Aber es rauchte und qualmte auch in den kleinen Stuben und Hund und Katze ergänzten zusammen mit den Küken (Zieberli) die Idylle. Draußen boten Kot, Morast und Abfälle ein wenig erfreuliches Bild auf den Wegen.
Das Brauchwasser musste von einem Brunnen mühevoll ins Haus getragen werden und die Wäsche wurde an die Aurach oder an den Stadtweiher zum Waschen und Bleichen gebracht. Kienspäne an den Wänden oder eine Funzel, mit Leinöl gefüllt, spendeten ein spärliches Licht. Mit Einbruch der Dunkelheit war der Tag beendet. Der Nachtwächter sorgte für zusätzliche Ruhe und Sicherheit. Im Not- oder Ernstfall ertönte von den Stadttürmen das Signal des Torwächters. Zum Glück blieb Herzogenaurach aber von größeren Brandkatastrophen verschont.


Fleisch gab's nur am Sonntag

Das Essen war einfach: Brei (Hirse, Erbsen) Gemüse (Kraut) und Brot gab es täglich, Fleisch kam höchstens an Sonn- oder Feiertagen auf den Tisch, Fisch ganz selten und wenn dann nach dem Abfischen von Weihern und dem Stadtgraben im Herbst.
Ja, so war die gute alte Zeit des Mittelalters: kein elektrischer Strom, keine warme Heizung im Winter, keine elektronischen Spielsachen und kein Fernsehen - dafür aber gegenseitige Nachbarschaftshilfe und an warmen Sommerabenden gab es den Plausch auf der Staffel (Steintreppen gab es fast vor jedem Haus) als TV-Ersatz.
Wenn am Wochenende also das "fahrende Volk" in der Stadt das Sagen hat, wenn Speisen und Getränke nach mittelalterlichen Rezepten angeboten werden, dann darf das nicht über die Realität hinwegtäuschen. Der raue Alltag im Mittelalter sah anders aus.
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