Coburg

Ein Hin und Her der Gefühle

Acht Zeitzeugen erzählten in der Stadtbücherei, wie sie den Fall der Mauer erlebt haben.
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Iris Fleischhauer, Volker Friedrich, Lutz Naumann, Edmund Frey, Brigitte Maisch, Helke Renner, Christel Rückert, Oberbürgermeister Norbert Tessmer (von links)  Foto: Marieke Fiala
Iris Fleischhauer, Volker Friedrich, Lutz Naumann, Edmund Frey, Brigitte Maisch, Helke Renner, Christel Rückert, Oberbürgermeister Norbert Tessmer (von links) Foto: Marieke Fiala
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Iris Fleischhauer legt ihr kleines, blaues Tagebuch aus der Hand. Als Studentin, gerade einmal 20 Jahre alt, schrieb sie ihre Gedanken auf - vor und nach dem Mauerfall. Jetzt teilt sie ihre Worte von damals mit dem Publikum, das in der Stadtbücherei sitzt und gespannt zuhört.

"Es war alles so gehetzt und neu und anders", sagt sie schließlich. Passende Worte. Ihre ist nur eine Geschichte von vielen - und jede ist anders. Acht Menschen erzählen am Mittwochabend, wie sie die Grenzöffnung 1989 erlebten. Dabei reden sie, vollkommen ehrlich, nicht nur von Freude und Hoffnung, sondern auch von Skepsis und Angst - vor allem aber vom Gefühl, "Zeitgeschichte zu erleben". "Was man vor zwei Wochen nicht einmal ahnte, ist jetzt Wirklichkeit", schrieb Iris Fleischhauer am 15. November 1989 auf.

"Veränderung lag in der Luft", bestätigt Oberbürgermeister Norbert Tessmer. Die Rede ist von einer "spannenden Zeit", von Bewegung, Veränderung, aber auch von neuen Möglichkeiten, immer geprägt von einem Hauch Ungläubigkeit. Iris Fleischhauer nutzte diese, um zu reisen, macht sich auf nach Bamberg. "Ich dachte daran, dass ich immer davon geträumt hatte, Bayern zu sehen", sagt sie, "doch schon der Gedanke: ,Jetzt bist du im Grenzgebiet, jetzt bist du im Sperrgebiet' war nicht begreifbar".

Angst und Unwissenheit

Jede Geschichte defile:///C:/program%20files/nextgeneration/icons//default/Transparent.pngr acht Gäste trägt auch etwas Zwiespalt in sich, ein hin und Her der Gefühle. Journalist Volker Friedrich sagt: "Wir wussten: Es kommen ganz tolle Aufgaben auf uns zu!" Aufgaben - aber auch Probleme.

Für Edmund Frey war dies kein Grund zur Freude, er blieb "seltsam unberührt", gibt er ehrlich zu. Während auf der einen Seite Glücksgefühle vorherrschten, bestimmten auf der anderen Seite Angst und Unwissenheit den Alltag. Die plötzliche Arbeitslosigkeit war nur eine der vielen Herausforderung für die "Brüder und Schwestern aus dem Osten". Wie läuft ein Bewerbungsgespräch ab? Wie macht man eine Steuererklärung? "Das waren Dinge, mit denen wir uns nie beschäftigen mussten", erklärt Helke Renner, die damals selbst ihre Arbeit verlor. Auch das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, überkam sie. Dabei träumte auch sie vom Reisen nach der Grenzöffnung, von anderen Kulturen, Kunstwerken in Italien, Frankreich. "Ich dachte: Jetzt kann ich mir alles ansehen, was ich mir immer gewünscht habe. Die Welt steht mir offen!"

Grenzen in den Köpfen

Am Ende des Abends wird auch die Frage nach den Unterschieden zwischen Ost und West zum Thema - damals wie heute. Edmund Frey blickt auf die heutigen Entwicklungen in den ehemals neuen Bundesländern, spricht von den Grenzen, die in den Köpfen der Menschen immer noch bestehen. "Wir sollten aufhören, darüber zu reden, was uns trennt", antwortet Helke Renner energisch, "wenn wir immer nur über das Trennende reden, dann wird das schließlich nie was mit der Wiedervereinigung!"

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