Laden...
Eggolsheim

Ein "Gräber" folgt Spur der Ortsnamen

Der Sprachwissenschaftler Joachim Andraschke führte in Eggolsheim vor, was Sprachgeschichte mit Archäologie zu tun hat.
Artikel drucken Artikel einbetten
Um die Eggolsheimer Ortsnamen ging es in einem Vortrag des Fränkischen Schweiz Vereins. Foto: Barbara Herbst
Um die Eggolsheimer Ortsnamen ging es in einem Vortrag des Fränkischen Schweiz Vereins. Foto: Barbara Herbst
Der Historiker und Sprachwissenschaftler Joachim Andraschke sprach auf Einladung des Fränkischen Schweiz Vereins (Ortsgruppe Eggolsheim) über "Leitfossilien der Besiedlungsgeschichte".
Der Titel macht stutzig: , sollte er doch zu Ortsnamen sprechen. Warum also Fossilien? Das lateinische "fossa", von dem das Fremdwort Fossil abgeleitet ist, bedeutet wörtlich: "der Graben".
Andraschke ist zwar vor allem Namenforscher; er "gräbt" aber nicht nur nach den sprachlichen Wurzeln von Orts- und Flurnamen; sondern zieht auch Archäologen mit zu Rate, um diese Namen zu erklären.
Nach der Klassifizierung der Ortsnamen stellte er fest, dass die hiesige Region voll ist von germanischen Namen, vorher für slawische Namen gehalten wurden. Aber die archäologischen Funde in Gestalt von ostgermanischen, speziell burgundischen Fibeln sprechen mehr dafür, dass die Siedlungen und deren Namen älter und eben germanisch sind, denn die Slawen wurden erst im Laufe des 8. Jahrhunderts sozusagen als erste Gastarbeiter in Franken angesiedelt.
Dagegen lebten schon von etwa 40 vor, bis mindestens 570 nach Christus Elbgermanen, Rhein-Wesergermanen und Ostgermanen in der Gegend; ab der Zeit fand der "Verfrankungsprozess" statt und es gab neben noch spätgermanischer Bevölkerung Franken und Slawen.
Einige Ortsnamen sind später genau umgekehrt "eingedeutscht" worden, indem einem slawischen Personennamen das deutsche Wort "Dorf" nachgestellt wurde, z.B. Merkendorf vom slawischen Personennamen Mirek und Köttmannsdorf vom Namen Chotemir. Die besonders zahlreich vertretenen germanisch-(vor)fränkischen Ortsnamen mit dem zweiten Teil "-dorf", gehen teils bis auf das 4. Jahrhundert zurück, z. B. Drügendorf, Drosendorf und Bammersdorf (aus "Bumannsdorf").
In dem letzten Namen lebt sogar die germanische Götterwelt weiter, denn der "Bumann", ein wilder Jäger oder ein Schreckgespenst, war auch einer der vielen (verschleierten) Beinamen des Gottes Wotan.
Es herrschte insgesamt in der Regnitz-Mainregion bis ins frühe Mittelalter eine sehr starke Migration und Fluktuation und es kam zur jeweiligen Niederlassung ganz verschiedener germanischer Stämme, wie es sonst in Deutschland nirgendwo der Fall war: Außer den herangeholten Slawen gab es Friesen und Sachsen. Eine Untergruppe der Sachsen waren die Stürmer, daher die Ortsnamen: Unter- und Tiefenstürmig.
Hauptgrund für die Bewegungen und Ansiedlungen in diesem Limesvorland war einerseits das dauernde Konfrontiert-Sein mit den Römern, andererseits aber auch die Fruchtbarkeit der Gegend. Aus dem Trierer Raum stammten Moselromanen, die als Fachleute für den Weinanbau für die Versorgung der durchreisenden Herrscher und deren Begleitung an die Königshöfe geholt wurden und die sprachlich noch im Vulgärlateinischen bzw. frühen Französischen zuhaus waren; aber es kamen auch Franken bis in die Region kurz vor Paris, weshalb man damals dort auch noch Althochdeutsch hören konnte.


Rettern kommt von Raute

Sprachwissenschaftlich wichtig sind die Suffixe. Sie haben zwar keine eigentliche Bedeutung, aber eine Funktion: Der Name Rettern ist ein Beispiel für einen mit r-Suffix, wahrscheinlich abgeleitet vom mittelhochdeutschen: rute, was Raute, Rhombus bedeutet; man vergleiche die Form der "Retterner Kanzel" oberhalb des Ortes selbst, die wirklich einem schiefwinkligen Viereck gleicht.
Im Landkreis Forchheim findet man den mit einem l-Suffix gebildeten Ortsnamen Kappel, der aber nichts mit einer Kapelle zu tun hat, sondern eher mit einem mittelhochdeutschen Wort für Moor, Sumpf. Der Ortsname Leesten (bei Bamberg) sowie die Flurnamen Besten (Hallstadt), Harst (Forchheim Forchheim) und Lauster (Eggolsheim) gehören zu den st/ster - Bildungen und bezüglich der Bedeutung des ganzen Namens hängen sie vorwiegend mit "Binse, Schilfgras" bzw. mit "Stein" zusammen.
Schirnaidel tauchte Mitte des 14. Jahrhunderts in einer Urkunde noch als "Schirnaidling" auf, wohl zusammengesetzt aus: Schirn und Eidling. "skirn" hat im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen "Schutz" bzw. "Schirm" bedeutet - und diesen bot und bietet bis heute der nahe gelegene Schießberg; das übrig bleibende "-aidel" lässt sich mit dem Personennamen Aitlus bzw. Aidulf erklären. "-ingen - und -heim - Namen" sind in der Regel vergesellschaftet, weshalb es nicht wundert, dass der Ortsname Eggolsheim (vom Personennamen Agiulf) gleich nebenan zu finden ist.
Allerdings ist "-heim" genauso wenig ein Suffix wie "-stat", "-feld" und "-mar/-mer", sondern ein (jeweils) echtes Wort; auch "-hofen", "-hausen" und "-bach" gehören zu diesen Grundwörtern bei Namen. Ihre Bedeutung ist (auch bei veränderter Schreibweise) bis zur heutigen Zeit nahezu dieselbe geblieben; eine gewisse Ausnahme ist das Wort Mar, das zwar denselben Ursprung hat wie das heutige: Meer, aber nach einem früheren Hinweis auf: "Sumpf, Moor, See" am ehesten doch auf: Quelle deutet.


Im Speckgürtel des Königshofes

Beispiele für all diese Zusammensetzungen gibt es auch in der nächsten Umgebung; hier nur wenige: Seidmar (bei Leutenbach); da das "Seid-" so etwas wie: Seite, Flanke meint, soll der Ortsname mit einer Hanglage bzw. der Stärke einer Quelle oder mit der Tiefe eines Tümpels zu tun haben.
Die "-hofen, -hausen, -bach - Namen" sind hauptsächlich im Bereich - sozusagen im "Speckgürtel" - eines Königshofes wie Forchheim anzutreffen: Kauernhofen, Schleifhausen sowie Hausen als eigenständiger Name und Heroldsbach, um nur einige zu nennen. Die Gründungen dieser Orte kann man wohl der Merowingerzeit zuordnen.
Die Bedeutung des Ortsnamens Kauernhofen ist besonders interessant: Wahrscheinlich stammt der erste Bestandteil aus der fränkischen Militärsprache und ist vielleicht sogar dem lateinischen "cura" (Sorge für etwas, daher auch: Aufseher, Wärter) entlehnt. Kauernhofen liegt so, dass man gut in das Regnitztal blicken und bis zur Bamberger Altenburg und andererseits bis Erlangen sehen bzw. spähen kann.
Der Sprachwissenschaftler Andraschke hat seine Dissertation zu dem Thema "Die germanisch-frühdeutschen Ortsnamen des Regnitz- und Obermaingebietes" geschrieben. Sie ist auf der Webseite des Forschers (www.andraschke.de) zu erwerben.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren