Herzogenaurach

Ein Fest, das Seinesgleichen sucht

70 Jahre ist es her, dass Herzogenaurach eine Woche lang die erste Erwähnung als Stadt feierte.
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Ein Höhepunkt der Festwoche war der historische Festzug.  Repros: Manfred Welker
Ein Höhepunkt der Festwoche war der historische Festzug. Repros: Manfred Welker
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Vor 70 Jahren blickte Herzogenaurach mit einem Jahr Verspätung auf 600 Jahre Stadt zurück. Bei den Feierlichkeiten engagierten sich nahezu alle Herzogenauracher.

Im Jahr 1348 wurde Herzogenaurach im Rechtsbuch Friedrichs von Hohenlohe zum ersten Mal als Stadt erwähnt. 600 Jahre später - im Jahr 1948 - konnte dieses Fest während der Nachkriegszeit nicht gefeiert werden. Aber die Herzogenauracher ließen ihr Stadtjubiläum trotzdem nicht einfach vorübergehen und feierten einfach 1949.

Hochwertiges Heimatbuch

Motor waren Senator Valentin Fröhlich in Herzogenaurach und Luitpold Maier, der damals in Würzburg lebte. Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass 1949 ein qualitativ hochwertiges Heimatbuch erschien, an dem renommierte Wissenschaftler mitwirkten. Durch die Kriegsereignisse war die Forschungsstelle der Monumenta Germaniae Historica, das Deutsche Institut für Erforschung des Mittelalters, ins Schloss Weißenstein in Pommersfelden gekommen und hatte eine eigene Dienststelle unterhalten. Wie sich Professor Otto Meyer erinnerte, wurden die Wissenschaftler dort vom damaligen Landrat Valentin Fröhlich ausreichend mit Lebensmitteln versorgt. Die Wissenschaftler zeigten sich dadurch erkenntlich, dass sie für Herzogenaurach das fundierte Werk erarbeiteten. Das Heimatbuch kostete 10 D-Mark und ist aufgrund seiner prominenten Verfasser auch heute noch grundlegend für die Geschichtsschreibung Herzogenaurachs.

Bürger sollten Stadt rausputzen

Für die Festwoche wurden die Bürger wiederholt im Amtsblatt zum Gebäudeschmuck aufgerufen. Alle Anstrengungen wurden unternommen, um die Feierlichkeiten so angemessen wie möglich zu gestalten. Das Gemischtwarengeschäft Konrad Daßler, Hauptstraße 13, nahm Bestellungen für Fahnen entgegen, genauso wie das Tapezier- und Dekorationsgeschäft Hans Haselmann in der Goethestraße.

Das Baugeschäft A. Kurr empfahl sich für Instandsetzungsarbeiten an Fachwerk und andern Gebäuden aufgrund 50-jähriger Erfahrung nach den Grundsätzen der Denkmalpflege.

Die Bahndirektion setzte zur Festwoche Sonderzüge zwischen Nürnberg und Herzogenaurach am 21. und 28. August ein. Die Benutzung sämtlicher Sonderzüge war mit einer Preisermäßigung von 50 Prozent verbunden.

Kunstausstellung mit Leihgaben

Eine Kunstausstellung mit Werken aus Schloss Pommersfelden wurde durch Gräfin Ernestine von Schönborn ermöglicht. Zu den Leihgaben gehörte das Porträt eines Mannes von Anton van Dyck, die Bauernhochzeit von Pieter Brueghel, ein Blumenstück von Jan Brueghel und eine Kreuzigung von Hans Dürer, dem Bruder von Albrecht Dürer. Auch das Porträt des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, des Erbauers des Herzogenauracher Schlosses, war dabei. Ergänzt wurden diese Schaustücke mit erlesenen Stücken örtlicher Kunst. Dadurch sollte in der Ausstellung "das Beste aus den Resten des zerstörten Heimat-Museums" vertreten sein.

Zur Unkostendeckung der Veranstaltungen wurde eine Plakette zum Preis von einer Mark angeboten. Sie berechtigte zum Besuch aller Veranstaltungen mit Ausnahme der Vereinsveranstaltungen und Ausstellung und war vom 20. bis 28. August 1949 gültig. Die Eintrittskarten für Ausstellungen kosteten ebenfalls eine D-Mark. Für die Festschrift mit 78 Seiten zum gleichen Preis hatte der Ehrenprotektor Karl Graf von Schönborn das Vorwort verfasst.

Startschuss mit Festgottesdienst

Dann konnte es ja los gehen: Häuserschmuck sollte bereits am 19. August angebracht werden. Den Festgottesdienst am 21. August hielt der ehemalige Herzogenauracher Pfarrer und Domkapitular Franz Rathgeber als Festprediger. Das Pontifikalamt zelebrierte Erzbischof Josef Otto Kolb.

Die Fränkischen Blätter, eine Beilage zum Fränkischen Tag, veröffentlichten am 18. August einen "Festlichen Gruß" zum Herzogenauracher Jubiläum. Inhalt waren Abhandlungen von Michael Hofmann, vom Gräflichen Bibliotheksrat Wilhelm Schonath von Schloss Pommersfelden sowie die Herzogenauracher Pfarrhausordnung von Dozent Otto Meyer, Dienststelle Pommersfelden der Monumenta Germaniae Historica.

Der Kreistag des Landkreises Höchstadt an der Aisch hielt am 25. August 1949 eine Kreistagssitzung in Herzogenaurach unter der Leitung von Landrat Peter Weber ab.

Ein umfangreiches Programm der Festwoche vom Samstag den 20. bis Sonntag den 28. August hatte für jeden etwas zu bieten.

Am Samstag gab es einen Festkommers des ADAC. Beim allgemeinen Festkommers sprach Protektor Karl Graf von Schönborn. Beendet wurde der Tag mit dem Festgeläute der Kirchen und einem großen Feuerwerk.

Der Sonntag begann mit dem Auflassen von 2000 Reisetauben. Die Ehrengäste nahmen an den Festgottesdiensten beider Konfessionen mit Gefallenenehrung teil. Beim Festakt referierte Theodor Mayer. Um 14.30 Uhr startete der große Festzug. Dieser bewegte sich über Bahnhofstraße, Postplatz, Hauptstraße, Hintere Gasse, Reytherstraße, Postplatz, An der Schütt, Steinerne Brücke und Ansbacher Straße zum Festplatz am Weihersbach.

Die Festzugsordnung sah als Spitzengruppe den Stadtherold mit Stadtstandarte und Fahnenschwingern vom Heimat- und Verschönerungsverein vor.

In der ersten Gruppe stellte der ASV eine Frankengruppe und die - allerdings fiktive - Begründung der Siedlung "Uraha" im 5. Jahrhundert dar.

In der zweiten Gruppe wurde St. Kilian durch Mitglieder des ADAC dargestellt, wie er in Uraha taufte.

Kaiser Heinrich und Kaiserin Kunigunde mit Hofstaat und Gefolge zeigte der 1. FC Herzogenaurach in Gruppe drei.

Gruppe vier - ebenfalls 1. FC Herzogenaurach - hatte den Bischof von Bamberg und Herzog von Meranien, den mutmaßlichen Stadtgründer, zum Thema.

Der Nürnberger Konrad Groß, Reichsschultheiß und vermutlich Erbauer der Kirche mit Plänen und Skizzen der Stadtpfarrkirche, stellten Bewohner des Liebfrauenhauses in Gruppe fünf dar.

Ein Nürnberger Handelsschiff wurde als sechste Gruppe durch den Heimat- und Verschönerungsverein dargestellt.

In die Roben von Ratsherren um 1348 mit Stadtschreiber, Bürgermeister und Stadtkämmerer schlüpften Mitglieder des ADAC in der siebten Gruppe.

Die Festspielgruppe der Kolpingsfamilie, die während der Festwoche zweimal das Theaterstück "Der Zunftmeister von Nürnberg 1378" darbrachte, zog als achte Gruppe im Festzug mit.

In der neunten Formation stellten Mitglieder der Kolpingsfamilie Conrad Reiter dar, gebürtiger Niederndorfer, Bürger zu Nürnberg und Begründer des Herzogenauracher Bürgerspitals.

Die Gewerkschaftsjugend mimte aufständische Bauern aus dem Bauernkrieg 1525 in Gruppe zehn.

Auch die Herzogenauracher Handwerker hatten eine eigene Abteilung zusammengestellt. In der elften Gruppe stellten sie die Herzogenauracher Zünfte im ausgehenden Mittelalter dar.

Eine Besonderheit gab es in der nächsten Formation. Mitglieder der Schuhmacherinnung stellten Hans Sachs mit seinem - allerdings nicht belegten - Herzogenauracher Gesellen Hans Wurscht dar.

Den Part der Landsknechte aus dem 30-jährigen Krieg hatten Mitglieder des Vereins Waldfreunde in der 13. Gruppe übernommen.

Darsteller mit Lampenfieber

Mitglieder der Kolpingsfamilie stellten in Gruppe 14 Lothar Franz von Schönborn, Fürstbischof zu Bamberg dar. Vor dem Rathaus fand die Erbhuldigung des Fürstbischofs durch Bürgermeister und Rat der Stadt mit Übergabe der Stadtschlüssel statt. Angesichts des Mikrofons des Bayerischen Rundfunks verschlug es dem Darsteller des Schönborn-Bischofs allerdings die Sprache.

Die Stadtknechte, dargestellt von Feuerwehrlern, war die 15. Gruppe.

Ein richtiger Hingucker war natürlich die Dinkelsbühler Knabenkapelle als 16. Formation.

Die Bürgerwehr mit Polizeidiener und Nachtwächter stellten Mitglieder des ASV in Gruppe 17 dar.

Gruppe 18 setzte sich aus Bürgern und Bürgerinnen mit Kindern in historischer Tracht zusammen, dargestellt durch den Liederkranz und die Schulen.

Eine Turnergruppe aus dem Jahr 1848 und den Anfängen des Frauenturnen wurden durch den Turnverein 1861 in der 19. Gruppe in Szene gesetzt.

Die abschließende Egerländer Hochzeit wurde durch die Heimatvertriebenen dargestellt.

Spiel und Spaß auch für Kinder

Am Abend fand das Festspiel der Zunftmeister von Nürnberg durch die Kolpingsfamilie im Vereinshaus statt.

Der Montag stand unter dem Punkt Turnen, der Dienstag war der Tag der Jugend mit einem eigenen Kinderfestzug.

Am Mittwoch fanden eine Betriebsräte- und eine Gewerkschaftstagung sowie ein Kirchenkonzert in der Stadtpfarrkirche statt.

Bei einem Seifenkistenrennen und einem Fußballwettkampf konnten am Donnerstag die Jungen ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Am Freitag wurde nochmals der Zunftmeister von Nürnberg aufgeführt.

Am Samstag war die Eröffnung der landwirtschaftlichen Ausstellungen, eine Sammelkörung, eine Gauvorstandssitzung des ADAC und ein Konzert im Weihersbach.

Der Sonntag sah die Tagung der Land- und Teichwirte sowie den volkstümlichen Festzug und zum Abschluss ein Kirchenkonzert in der evangelischen Kirche vor.

Gemeinsinn und Zusammenhalt

Herzogenaurach hatte in der wirtschaftlich und gesellschaftlich wahrlich nicht einfachen Zeit Gemeinsinn und Zusammenhalt bewiesen. Vereine und Verbände stellten die meisten Akteure und auch die Neubürger wurden integriert. Als bleibende Erinnerung ist das Heimatbuch in vielen Familien geblieben.

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