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Ein feiner Stammtisch jenseits übler Parolen

Die Zeit war wohl vor 50 Jahren reif für die "Dandys", wie sich eine Gruppe von jungen Leuten aus dem heutigen Coburger Stadtteil Lützelbuch nannte. Im damals nur öffentlich-rechtlichen Fernsehen lief...
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Die Mitglieder des Stammtischs "Die Annern" in Lützelbuch feiern ganz entspannt das 50. Jubiläum.  Foto: Martin Koch
Die Mitglieder des Stammtischs "Die Annern" in Lützelbuch feiern ganz entspannt das 50. Jubiläum. Foto: Martin Koch

Die Zeit war wohl vor 50 Jahren reif für die "Dandys", wie sich eine Gruppe von jungen Leuten aus dem heutigen Coburger Stadtteil Lützelbuch nannte. Im damals nur öffentlich-rechtlichen Fernsehen liefen populäre Musiksendungen wie "Musik aus Studio B" mit dem britischen "Gastarbeiter" Chris Howland, der sich das deutsche Pseudonym "Heinrich Pumpernickel" verpasst hatte, und dem ebenso legendären Beatclub, den Uschi Nerke moderiert hatte. Die Dandys nannten sich übrigens auch "Beatclub". Acht dieser Teenager und Twens trafen sich zur Lützelbucher Kirchweih im Jahr 1969 und formierten sich im damals noch existierenden "Gasthaus Nowag" und gründeten einen Stammtisch. Da es schon einen älteren Stammtisch beim Nowag gab, nannten sich die Ex-Dandys einfach nur "Die Annern". Jetzt, zur Kirchweih 2019, feierten sie ihr goldenes Jubiläum. Es gab 1969 eine regelrechte Gründungsversammlung, bei der eine Satzung mit festgelegten Regeln beschlossen wurde, und es gab eine streng kontrollierte Anwesenheitsliste.

"Unser Hauptfeiertag ist Christi Himmelfahrt", erzählt Stammtischgründer Volker Fertsch. 50 Jahre lang seien "Die Annern" am sogenannten Vatertag richtig gewandert, mit allem Drum und Dran, mit Bollerwagen, Bierfass und Bratwürsten. Na ja, die Zeiten haben sich geändert, die Knochen wurden älter, manches Zipperlein macht sich bemerkbar. "Je älter wir wurden, desto öfter kamen Auto und Bus zum Einsatz", gibt der inzwischen 67 Jahre alte Volker Fertsch unumwunden zu. Die Bußgelder der Stammtischschwänzer langten nicht mehr zur Finanzierung der geselligen Ereignisse. Es entwickelte sich eine gewisse Art von Fundraising, die auch zur Belebung der Dorfgemeinschaft im Coburger Osten und in den Nachbardörfern beigetragen hat. Zu Schafkopfwettbewerben und Faschingsveranstaltungen wurde eingeladen. Sehr beliebt war in den 80er und 90er Jahren das Haaresquellenfest zwischen Lützelbuch und Seidmannsdorf mit Ganztagsprogramm, vom Frühschoppen bis zum Dämmerschoppen. Volker und Sabine Fertsch einhellig: "Diese Sonntage waren immer für alle anstrengend, aber es hat sich gelohnt." Musik gab es von den Alleinunterhaltern Hans Wolf und Werner Hauck und am Nachmittag von der damals bekannten Tanzkapelle "Dominos" rund um Heinz Bruckbauer. Es gab immer reichlich Verpflegung, Brotzeiten, Broiler und Schweinshaxen vom Grill, Kaffee und Kuchen von den Stammtischfrauen.

Ohne viele Worte entwickelten sich "Die Annern" zu einem integrativen Stammtisch. Josef Kalb, spastisch gelähmt, war nach Lützelbuch in eine Wohngemeinschaft gezogen und gesellte sich zu den "Annern" hinzu. Das war 1984. Josef Kalb starb 2017. Seit der Gründung des Stammtischs sind fünf Mitglieder gestorben. Geschrumpft ist die Gruppe dennoch nicht. Waren es 1969 acht Gründungsmitglieder, so hat sich die Zahl der festen Mitglieder inzwischen auf 16 verdoppelt. Das jüngste Mitglied war 1969 noch gar nicht auf der Welt. Während andernorts die Stammtisch-Tradition schleichend abnimmt, sind "Die Annern" quicklebendig. Das Zerrbild von üblen Stammtischparolen und angeblichen Lufthoheiten über denselben stimmt hier auf keinen Fall. Im Gasthaus Fink, in dem sich "Die Annern" seit 2006 treffen, wird mit offenem Helm und ohne Groll diskutiert. "Die Annern" sind oft unterwegs. Ausflüge führten sie zu den Freunden in Gais in Südtirol, nach Oberösterreich, an den Lago di Garda, ins fränkische Weinland, nach München und nach Hamburg.

Beim goldenen Jubiläum gab es Ehrungen: 50 Jahre sind Peter Herrmann und Volker Fertsch dabei, seit 40 Jahren Wilfried Schwesinger und Reiner Fischer. Martin Koch

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