Erlangen

Ein Blind Date für die Gesundheit

Eine von acht Frauen in Deutschland erhält im Laufe ihres Lebens die Diagnose Brustkrebs. Jährlich erkranken rund 70 000 Frauen bundesweit. In Erlangen startet am 25. Oktober ein besonderes Pilotprojekt.
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Pia Hemmerling (links) erklärt Tamara Schwedt, wie sie ihre Brust systematisch und richtig untersuchen kann. Diese Untersuchung kann das Leben retten.  Foto: Duve
Pia Hemmerling (links) erklärt Tamara Schwedt, wie sie ihre Brust systematisch und richtig untersuchen kann. Diese Untersuchung kann das Leben retten. Foto: Duve

Michael Busch Tödliche Erkrankung: Etwa 18 000 Frauen sterben im Jahr an Brustkrebs. Der Tumor selber ist nicht lebensgefährlich, sondern die Streuung in den Körper. Daher sei die Früherkennung so wichtig, postulieren die Ärzte. Denn "rechtzeitig erkannt" heißt, dass entsprechende Therapien die Ausbreitung verhindern.

Eine Möglichkeit der Untersuchung ist die Anleitung zur Taktilen Selbstuntersuchung (ATS). Am 25. Oktober gibt es einen ersten ATS-Schulungstag in Erlangen, der eine Besonderheit beinhaltet. Die 33-jährige Pia Hemmerling ist dabei, sie ist eine "Medizinisch-Taktile Untersucherin". Diese sind aufgrund ihrer Sehbehinderung Expertinnen im Erfühlen und Tasten. In einer neunmonatigen Ausbildung erlernen sie systematisch, die Patientin strukturiert nach möglichen Knoten abzutasten.

Angstfrei untersuchen

So qualifiziert, können sie ihren herausragenden Tastsinn dazu nutzen, um bereits sehr kleine Veränderungen im Brustgewebe frühzeitig zu entdecken. In der ATS wird die Frau angeleitet, sich systematisch selbst zu untersuchen. Da gehört das genaue Betrachten der Brüste vor dem Spiegel ebenso dazu, wie das Abstreichen und Selbstabtasten. Auffälligkeiten notiert die Frau in ihrem Gesundheitsbuch. Die Erlangerin gibt Tipps: "Jede Frau sollte möglichst angstfrei, offen, ehrlich, selbstbewusst und mutig mit dem Thema so für sich umgehen, wie sie es für sich richtig empfindet. Wir unterstützen alle Frauen dabei gerne, in dem sie jährlich eine Tastuntersuchung bei uns durchführen lassen sowie die taktile Selbstuntersuchung bei uns erlernen."

Eine der Frauen, die sich von Hemmerling hat schulen lassen, ist Tamara Schwedt. Sie war bereits Teilnehmerin am ATS-Pilotprojekt von discovering hands und missionMED. Sie ist von der Schulung begeistert: "Ich habe unter anderem gelernt, Drüsengewebe, Fettgewebe und Bindegewebe voneinander zu unterscheiden. Mit diesem Wissen kann ich nun auch selbst Gewebeveränderungen feststellen. Im Fall der Fälle warte ich nicht die jährliche Vorsorgeuntersuchung ab, sondern gehe sofort zum Frauenarzt. Je früher dieser dann mit den Behandlungen einsetzen kann, umso größer sind die Überlebens- bzw. Heilungschancen. Dieser Zeitvorsprung ist unbezahlbar."

Sozialer Anspruch

Diese Einstellung sei sehr wichtig, weiß wiederum Hemmerling. Denn: "Es gibt Frauen, die Angst vor der eigenen Brust haben. Besonders bei der Ausübung der Anleitung zur Selbstuntersuchung bin ich auf Frauen getroffen, die Hemmungen - bis hin zur Angst verspüren - wenn sie und ihre Brust im Fokus stehen. Unsere Aufgabe ist es, individuell auf diese Frauen einzugehen, um mit ihnen eine gute Grundlage zur Selbstuntersuchung zu schaffen."

Timo Freitag, CEO missionMED GmbH, und damit Organisator des Pilotprojektes: "Ich freue mich sehr, dass wir mit unserem Pilotprojekt gleich mehrfach dem sozialen Anspruch unseres Start-ups gerecht werden können. So tun wir etwas gegen Brustkrebs, sorgen aber auch dafür, dass die Teilnahme an dieser Vorsorge nicht vom Geldbeutel der Frauen abhängt." Denn mission med unterstützt diese Art der Vorsorgen durch ein besonderes Konzept. Das Unternehmen beobachtet kontinuierlich den Markt medizinischer Innovationen, um moderne medizinische Verfahren zu identifizieren, die gesetzliche Krankenkassen gegenwärtig noch nicht erstatten können, aber einen hohen individuellen Patientennutzen erwarten lassen.

In einem besonderen Verfahren wird die Untersuchung dem Kunden deutlich günstiger angeboten, um gerade bei Präventionsprojekten die Möglichkeit der günstigen Teilnahme zu unterbreiten. Doch dies sei nur ein Teil des Projektes, wie Freitag weiß: "Außerdem unterstützen wir mit unserer Aktion blinde und sehbehinderte Frauen, um im Berufsleben Fuß zu fassen. Nicht zuletzt steigert diese qualifizierte Arbeit das Selbstwertgefühl der blinden Frauen, weil ihre Sehbehinderung dabei zum Vorteil wird."

Anerkennung im Job

Schwedt hält das Angebot aber auch für relevant. "Ich glaube, dass sich dadurch viel mehr Frauen die ATS leisten können, zumal bisher keine gesetzliche Krankenkasse dies bezahlt. Ich denke dabei vor allem an die vielen alleinerziehenden Frauen oder die Frauen, die kein hohes Einkommen haben."

Und was bedeutet die Möglichkeit der Ausbildung zur MTU für blinde und sehbehinderte Frauen? "Für mich bedeutet die Qualifikation zur MTU, die Möglichkeit zu haben, vollwertig und autark am Arbeitsleben teil zu nehmen. Und durch die Besonderheit unserer Tätigkeit ohne Konkurrenzdruck zu arbeiten sowie auf ganz intensive Weise an und mit Menschen zu arbeiten."

Davon abgesehen meint Hemmerling: "Anerkennung spüre ich dafür auch noch, denn die meisten meiner Patientinnen bemitleiden mich nicht, sondern zeigen Interesse und Bewunderung für das, was und wie ich es tue."

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