Wernstein

Ein authentisches Zeitdokument

In ihrem Tagebuch hat Marianne von Lieres und Wilkau (1940 - 1946) ihren Weg von Golkowitz nach Wernstein aufgeschrieben. Jetzt gibt es die Aufzeichnungen in Buchform.
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Auch Bilder der Flucht findet man in dem Tagebuch. Repros: Anita Eichholz
Auch Bilder der Flucht findet man in dem Tagebuch. Repros: Anita Eichholz
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Anita Eichholz hat es möglich gemacht: Sie hat das "Tagebuch der Marianne von Lieres" transkribiert und in Buchform herausgebracht. Das spannende Werk ist ab sofort in der Kulmbacher Buchhandlung Friedrich erhältlich. Es stellt ein ebenso erstaunliches wie authentisches Dokument aus bewegter Zeit dar.

Das Buch ist versehen mit Familienfotos und Aufnahmen, die die Herausgeberin von Mariannes originalen Bleistiftzeichnungen gemacht hat. Mit ihren Eltern Lona und Constantin von Lieres und den Geschwistern Waldemar und Gert lebte Marianne im oberschlesischen Golkowitz, 1937 umbenannt in Alteichen. Ihre Eintragungen beginnen am 1. September 1940, vier Tage nach ihrem zehnten Geburtstag, zu dem sie von ihrer Mutter Lona das rot eingebundene, unlinierte Büchlein geschenkt bekommen hatte.

Gedanken und Gefühle

Die Jahre 1941 und 1942 ließ Marianne aus. Ab 1943, als Fahrschülerin in das Mädchenlyzeum in Kreuzburg/Oberschlesien, heute Kluczbork, führte sie die Einträge fort. Sie beschreibt den Schulalltag und ihre Freundschaften. Marianne vertraute ihrem Tagebuch ihre Gedanken und Gefühle an, wie ein ganz normaler Teenager ihrer Gesellschaftsschicht.

Als besonders schön erlebte sie die Ferientage bei ihrer Großmutter Gerta von Willich in Gorzyn im Kreis Birnbaum, Bezirk Posen. Mit ihrer Cousine Felicitas von Willich genoss sie herrliche Tage am Gorzyner See.

Nachdem ihr Bruder Waldemar 1943 an der Ostfront gefallen war, wurde ihr Ton ernster. Sie wusste, da draußen in der Welt tobten die "Schlachten des Alltags". Dann, fast zu spät, erhielt die Familie von Lieres im Januar 1945 die Treckerlaubnis in den Westen. Ziel waren die Verwandten von Künßberg in Schloss Wernstein. Dort traf ein Teil der Familie im Februar 1945 ein, erst später folgte der stark dezimierte Gutstreck.

In der zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft aus adeliger Verwandtschaft und anderen Flüchtlingen erlebte Marianne in Wernstein ihren 15. Geburtstag, der erste Geburtstag nicht in ihrem Zuhause. Gespräche mit den Schlossbewohnern, insbesondere mit ihrer Tante Irmgard Freifrau von Künßberg (1898 - 1996) halfen ihr, das Vergangene zu bewältigen.

Überraschende Klarheit

Im September zog die Familie von Wernstein ins nahe Schmeilsdorf. Mit überraschender Klarheit und Beobachtungsgabe beschrieb Marianne die Alltagssituation im amerikanisch besetzten Bayern. Für den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb Wernstein sowie für Bauernhöfe der Umgebung hatte die in Kulmbach stationierte U.S.-Militärverwaltung ihren Vater Constantin von Lieres als Treuhänder eingesetzt. Wernstein selbst war "off limits", nur bestimmte MPs hatten Zugang.

Im Februar 1946 hatte sich Marianne so weit gefasst, dass sie auch die Erlebnisse und Stationen während des Trecks von Golkowitz nach Wernstein rekapitulieren konnte. Ihr bewegender Bericht und ihr Tagebuch endeten mit einem eingeklebten Foto von Schloss Golkowitz, darunter setzte sie hochdramatisch ein Schillerzitat: "Auch das Schöne muss sterben!"

Nachzutragen bleibt, dass Tagebuchschreiberin Marianne von Lieres ab Herbst 1946 das Caspar-Vischer-Gymnasium in Kulmbach besuchte, das sie 1949 mit dem Abitur abschloss. Bis heute hat die bald 89-jährige Marianne Kreutzer ihren damaligen Deutschlehrer Herrn Klösel in guter Erinnerung. Wie im übrigen die Herausgeberin des Tagebuchs Anita Eichholz auch, allerdings als Lateinlehrer.

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