Kronach

Dunkle Geheimnisse

Beschwörungsformeln und Abwehrzauber sollten bei Diebstahl und Fund-Unterschlagung, gegen Verleumdung und Tollwut helfen.
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Foto: Reinhard Feldrapp
Foto: Reinhard Feldrapp

Kronach — Neben den bisher aufgezeigten Krankheits-, Geister- und Hexenbeschwörungen (siehe Bericht im Fränkischen Tag vom 4. Juli 2019, Seite 14 "Wie die bösen Geister vertrieben wurden") kennt man an der Wilden Rodach, im oberen Haßlachtal, in der Kremnitz und am Rennsteig eine Reihe von Beschwörungsformeln aus alten handschriftlichen Niederschriften des 18. und 19. Jahrhunderts, die vor allem bei Diebstahl helfen sollen.

Dem Dieb lag natürlich daran, möglichst ungesehen zu bleiben. Selbst dafür glaubte man ein Mittel zu haben: "Nimm das Herz von einem alten Geir, schneide in der Mitten das Herz auf und steck es an deinen kleinen Finger, so bist du unsichtbar". Oder auch: "Nimm einen Lerchenkopf und begrabe ihn in einen Ameisenhaufen, lass ihn sieben Tage darinnen liegen, so wirst du einen Stein finden, den trage bei dir, so bist du unsichtbar".

Wer an die Existenz solcher unsichtbar machenden Mittel glaubte, dem musste umso mehr daran gelegen sein, jedem Dieb das Stehlen von vorneherein zu vermiesen. Dazu gab es folgende Vorkehrung: "Dass dir niemand nichts stehlen kann, bohre ein Loch in dein Haus durch eine Wand oder Tür und ziehe dadurch einen Strick, daran einer gehenkt worden".

Kam es dennoch zu einem Diebstahl, so wäre es das Beste gewesen, man hätte den Dieb an Ort und Stelle erwischen können. Diesem Zweck sollten Bannsprüche dienen, die es dem Dieb unmöglich machen sollten, all zu weit zu kommen. Dafür gab es den Diebes-Segen: "Unsere liebe Frau ging in den Garten. Sankt Petrus stand und tät ihr warten. Maria stund und lachet. Petrus sprach: Maria, warum lachest du? Maria sprach: Sollt ich nicht lachen? Dieser will mein Kind stehlen. Und Petrus sprach: Ich hab ihn gebunden, mit Ketten und mit Banden und Gottes Handen, dass dieser Dieb muss stille stehen, muss zählen alle Sternlein, die am Himmel stehen. Das helf Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist".

Auch einer Fundunterschlagung sucht man auf die Spur zu kommen: "Nimm weißen Weih-rauch und Myrrhen und binde es unter den rechten Ellenbogen und sprich drei Paternoster und lege dich nieder, die ganze Nacht auf den rechten Arm, so kommt eine schöne Jungfer und bringt's wieder". Wie sich der Erfinder dieser Vorschrift das Erscheinen der "schönen Jungfer" vorstellte, ist allerdings ein Rätsel.

Ernsthaft und unmissverständlich gemeint war aber folgender Spruch, der in die uralte Form des "Büßens" gekleidet ist: Wenn das Vieh gestohlen ist: "Ehe 24 Stunden vergehen, nimm die Mistgabel, stich sie hinein, wo das Vieh gestanden ist, und sprich: Stät, ich tret dich, du sollst wiederkommen und sollst dich wenden aus des Diebes Händen, fein geschwind als wie der Wind, als wie der Fisch im Wasser, als wie der Vogel in der Luft, als Sonn oder Mond, als wie der Tag über die Blumen sollst du hurtig und geschwind wieder in deinen Stall heimkommen. Das sei dir zu Buß gezählt im Namen Gottes".

Den Dieb später noch feststellen: "Nimm einen Nagel aus einem Sarge, schlag ihn in die Tür, da der Dieb ausgegangen und sprich: "So wenig wie der Tote auferstehet vor dem jüngsten Tage, also wenig magst du, Dieb, mit dem Gut, so du gestohlen hast, von hinnen gehen". Solche Mittel konnten natürlich nur helfen, wenn der Dieb bestenfalls sich noch auf dem Heimweg vom Tatort befand.

Wenn der Dieb dennoch unentdeckt blieb und das Eigentum verloren schien, so glaubte man, diesen bestrafen zu können, indem man versuchte, ihm die Seelenruhe zu nehmen: "Wann dir etwas gestohlen ist, so gehe auf den Fallplatz (Schindanger), hole dir einen Knochen, so auf beiden Seiten zu ist, bohre mit einem Bohrer ein Loch hinein, hernach tue einen guten Teil Quecksilber und von dem, wo der Dieb hineingetreten (Erde von einem Schuhabdruck) oder etwas liegen lassen, in Diebs Namen hinein, mache einen Spund dafür, drehe ein Bändlein, hänge es in Teufels Namen in einen Flinnerbaum (Zitterpappel). Es muss aber alles in Handschuhen geschehen, nicht mit bloßen Händen, auch ehe vor 24 Stunden, wenn es gestohlen ist. Der Dieb wird von Stund an keine Ruhe haben".

Es sollte es sogar Mittel geben, dem Dieb einen dauernden Leibschaden anzuhängen, ja sogar, ihn ganz ums Leben zu bringen, wie diese Anweisungen zeigen: Den Dieb, der dir gestohlen, um ein Aug zu bringen: "Mache ein Gesicht an die Wand und nimm einen Nagel, der in einem Samstag vor der Sonnen Aufgang ist geschmiedet worden, setze den in ein Aug des Angesichts, welches du willst und sprich: Tod und Verderben über den Menschen, der es gestohlen hat, und schlage den Nagel in die Wand."

"Wenn ein Baum gestohlen ist, den Dieb, dass er sterben soll: Nimm Leichnägel, wo der Sarg genagelt ist, die Nägel aber nicht mit bloßen Händen angegriffen, schlage sie in den Stock (Stumpf) mit den Worten: In Gottes Namen setz ich auf, du Dieb, in Teufels Namen schlag ich sie hinein."

Aber auch beim "zum Narren halten" von Personen, bei Verleumdung und bei Tollwut gab es probate Zaubertricks: "Wenn dir einer drohet ein Schelmstück anzutun: So habe acht, wo der-selbe seinen Urin hinlässt, in denselbigen Ort stecke eine neue ungebrauchte Nadel. Solange sie nun stecket, kann derselbe nichts tun.

Wenn dir von bösen Leuten etwas angemacht ist: So nimm von drei Türschwellen in deinem Haus von einer jeden drei Bisslein und drei Bisslein von dem Kamm, da du dich damit kämmest, und vor drei Heller Teufelsdreck und räucher deinen ganzen Leib damit und dein Haus und Stall. Ferner nimm Drudenkraut, mache ein Kränzlein und hänge es in deine Stuben. Das wimmert den ganzen Tag. Wenn aber eine Hexen in dein Haus kommt oder Stuben oder Stall, so hält das Kränzlein im Augenblick still. Das Kränzlein häng auch in deinen Stall."

Zu guter Letzt noch eine Hilfestellung und ein wohlgemeinter Ratschlag für den "Zeiene Poste" (Anmerkung: Postbote aus Zeyern, der in der Schnaid die Post austrägt) im Tollwutsperrbezirk: Wer einem tollwütigen Hund begegnet, soll die beiden Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger einklemmen und den Hund anschreien: "Hund du bist blind geboren! Leck mich dreimal am Arsch! Und lass mich ungeschoren!" Überliefert von einem alten Schelm aus der Schnaid, Gott hab ihn selig! (Anmerkung: Die durch Goethes "Götz von Berlichingen" weltberühmt gewordene Aufforderung ist auch ein Nachhall einer Zauberhandlung: Der Entblößung von sonst schamhaft verhüllten Körperteilen schrieb man Abwehrkraft zu.)

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