Kulmbach

Dieses Pfeifen im Ohr

Tinnitus bringt Menschen um den Schlaf und sorgt für Nervosität. Helmut Büttner (79) hat gelernt, mit der Krankheit zu leben. Morgen findet im "Fritz" ein Aktions-Tag gegen Lärm statt.
Artikel drucken Artikel einbetten
An schönen Tagen holt Helmut Büttner seine Vespa aus der Garage, denn beim Fahren kann er den Tinnitus vergessen. Foto: Sonny Adam
An schönen Tagen holt Helmut Büttner seine Vespa aus der Garage, denn beim Fahren kann er den Tinnitus vergessen. Foto: Sonny Adam

Die Zahlen der Deutschen Tinnitusliga sind erschreckend. Jedes Jahr erkranken mehr als 270 000 Menschen neu an Tinnitus. Die meisten Betroffenen sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, doch der Anteil der Jüngeren steigt unaufhörlich. Der Grund: Lärm und lärmintensive Freizeitaktivitäten können dazu führen, dass sich ein Tinnitus ausprägt. Allerdings werden die Ohrgeräusche nicht durch die Umwelt ausgelöst.

Die klingelnden oder pfeifenden Geräusche nimmt nur der Patient selbst wahr. Nur der "objektive Tinnitus" infolge von Gefäßverengungen ist wirklich mess- und behandelbar.

Helmut Büttner (79) aus Trebgast hat seit mehr als zehn Jahren Tinnitus. "Es ging 2008 los - ganz plötzlich beim Einkaufen. Ich bin dann gleich zu einem Ohrenarzt, war guter Hoffnung, dass es wieder weggeht", erzählt er.

Doch das Geräusch ist geblieben. Bis heute. Bei manchen Patienten ist es mal lauter, mal leiser. "Bei mir ist es einfach ein Dauerton", so Büttner. Angefangen hat seine Leidensgeschichte allerdings schon vor der Tinnituserkrankung. Er litt unter hartnäckigen Schlafstörungen und suchte deshalb seine Hausärztin auf. Eine Blutuntersuchung folgte. Die Diagnose Blutkrebs stand im Raum. "Als der Befund ankam, habe ich mich nicht getraut, ihn aufzumachen. Ich hatte solche Angst vor Leukämie", erzählt Büttner. Eine Depression bildete sich aus. Dann kam der Tinnitus dazu. "Ich habe ein Vierteljahr lang eine Cortisontherapie gemacht. Aber die hat nichts genützt", erzählt Büttner. "Der Tinnitus frisst sich von Kopf bis Fuß durch deinen Körper." Aber auch mit 79 Jahren kämpft Büttner gegen ihn an, will sich von "seinem" Tinnitus nicht unterkriegen lassen.

Hobby an den Nagel gehängt

In den vielen Jahren hat Büttner gelernt, mit dem Dauerton zu leben. Er singt gerne und macht Musik. Regelmäßig spielt er Gitarre oder Konzertina. "Ich habe früher auch Zither gespielt. Aber die Töne haben mir nicht gut getan", sagt er. Also habe er dieses Hobby an den Nagel gehängt. An manchen Tagen kann er seinen Tinnitus fast vergessen: Immer dann, wenn er mit seinem Roller unterwegs ist. "Früher hatte ich eine Harley. Einmal war ich unterwegs - ungefähr mit 100. Da war das Rauschen plötzlich weg. Ich habe gedacht, ich bin den Tinnitus los", schildert Büttner. Doch schon am nächsten Morgen war das Pfeifen wieder da.

Helmut Büttner ist ein besonders Betroffener. Denn er leidet zusätzlich an einer Hyperakusis, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber Schall. "Das ist natürlich ein zusätzliches Problem", sagt er.

Trotzdem hat der 79-Jährige die Erfahrung gemacht, dass völlige Stille ihm nicht gut tut. "Ein gewisser Geräuschpegel ist nicht schlecht", so Büttner. Sein Ohrgeräusch ist abhängig vom Wetter und von seiner psychischen Verfassung. Auch die Ernährung und sein gesundheitlicher Zustand wirken sich aus. "Antibiotika verstärken den Tinnitus - und ich kann nicht sauer essen. Ein Apfel geht noch, aber eine Essiggurke nicht."

Ein echtes Problem für alle Patienten, die mit dem Dauerton leben müssen, ist die Tatsache, dass Tinnitus bis heute nicht als eigenständige Krankheit anerkannt ist. Die Ursachenforschung ist rudimentär. Behandelt werden immer nur die Symptome. "Es gibt kein Medikament. Die Wissenschaft kommt einfach nicht weiter", klagt Büttner.

Dennoch hat der Trebgaster Freude am Leben. "Man muss einfach vernünftig leben. Das größte Problem sind Stress und Sorgen oder Schicksalsschläge. Das ist alles schlecht und wirkt sich aus." Büttner besitzt ein Hörgerät. Seit einiger Zeit stellt er fest, dass der Tinnitus erträglicher wird, wenn er es trägt.

Büttner ist seit vielen Jahren Mitglied in der Selbsthilfegruppe. Die Treffen stärken ihn. Und er möchte allen Betroffenen Mut machen, nicht aufzugeben.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren