Eyrichshof

"Diese Wut muss einfach raus!"

Man kennt ihn als Liedermacher, Autor, Schauspieler und unermüdlichen Mahner - am 24. Juli 2019 gastiert Konstantin Wecker mit seinem Programm "Weltenbrand" und dem Kammerorchester der Bayerischen Phi...
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Foto: Archiv Fränkischer Tag
Foto: Archiv Fränkischer Tag

Man kennt ihn als Liedermacher, Autor, Schauspieler und unermüdlichen Mahner - am 24. Juli 2019 gastiert Konstantin Wecker mit seinem Programm "Weltenbrand" und dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie beim "Rösler Open-Air Schloss Eyrichshof". Was das Publikum erwartet und warum seine alten Lieder noch immer Aktualität besitzen, erzählt Konstantin Wecker im Interview.

Das oberfränkische Publikum kennt Sie von Ihren Live-Auftritten bei den "Songs an einem Sommerabend" auf Kloster Banz und weiteren Einzelkonzerte in der Region. Jetzt kommen Sie mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter der Leitung von Mark Mast nach Schloss Eyrichshof. Was bedeutet für Sie dieses Konzert?

Konstantin Wecker: Dieses Konzert ist für mich ein absolutes Wunschprogramm! Ich komme von der Klassik und bin mit der italienischen Oper und dem deutschen Kunstlied groß geworden. Ich liebe Carl Orff und mein musikalischer Ziehvater ist, was die Liedkomposition angeht, Franz Schubert. Die Klassik ist bis heute meine musikalische Herkunft und auch meine Leidenschaft. Mit Mark Mast verbindet mich eine langjährige Zusammenarbeit. Er und das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie sind für mich und für dieses Programm die Idealbesetzung. Es wird ein aufregendes Konzert.

Mit dem Titel "Weltenbrand", so auch der Titel eines Ihrer Lieder, werden Assoziationen an den Ersten Weltkrieg geweckt. Sehen Sie sich hier als Mahner?

In gewisser Weise schon. Natürlich wird dieses Konzert keine Weltuntergangsstimmung beschwören. Das ist nicht das Ziel meiner Konzerte. Ich möchte mit meinen Konzerten und Liedern Mut machen, was mir auch immer wieder vom Publikum bestätigt wird. Aber wer sich für die Historie interessiert und auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen blickt, muss sich fragen, wo wir heute stehen und wo es hingehen könnte. Meine Lieder, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung geschrieben habe und die wir auch in Schloss Eyrichshof spielen werden, haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

Zählen Sie dazu auch Ihr Lied "Sage Nein!", das der junge Musiker Ezé Wendtoin aus Burkina Faso gecovert hat?

Unbedingt. Ich habe erst kürzlich gesagt, dass ich dieses Lied viel lieber in die Mülltonne werfen würde. Doch es hat nichts an Aktualität verloren und muss darum gespielt werden.

Ihre Lieder erzählen von Revolution und Widerstand, zugleich können sie überaus poetisch sein. Wie ist dieser Gegensatz zu verstehen?

Es ist sehr schwierig im Moment. Vor fünf Jahren hätte ich, hätten viele von uns nicht gedacht, dass es Menschen gibt, die einem Herrn Gauland hinterher laufen. Das erfüllt mich mit Wut. Doch die Poesie bestärkt mich in dem, was ich tue. Mit der Poesie kann ich so viel mehr ausdrücken als das, was die nackte Ratio anspricht. Mit der Poesie können wir das entdecken, was hinter der Ratio in uns schlummert.

Meinen Sie damit eine gewisse Sehnsucht, die in vielen von uns schlummert?

Ich spreche sicherlich das aus, was sich die Mehrheit der Menschen wünscht: eine menschlichere und eine gerechtere Welt. Und ich sehe meine Aufgabe auch darin, der schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben. Ich möchte diesen Menschen Mut machen aufzustehen und den Mund aufzumachen gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Denn in meinen Augen ist die Mehrheit nicht nationalistisch oder faschistisch eingestellt.

Sie geben Konzerte, schreiben Bücher und werden zu Lesungen eingeladen, Sie nehmen an Demonstrationen teil - Woher nehmen Sie die Energie? Zum einen gibt mir das Publikum viel Kraft, wie ich es erst kürzlich wieder gespürt habe. Zum anderen ziehe ich aus der Musik sehr viel Energie. Für mich ist Klavierspielen ein meditativer Akt, in dem ich für einen Moment aus der Zeit heraustrete.

Wenn die Welt gerechter, menschlicher wäre. Welche Lieder würden Sie dann schreiben?

Eigentlich würde ich viel lieber Liebeslieder schreiben. Doch zwischendurch packt mich die Wut und die muss raus!

Das Interview führte Barbara Pittner

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