Nürnberg

Die wollen doch nur spielen

Zum 100. Geburtstag schenkt das Neue Museum in Nürnberg dem Bauhaus eine Ausstellung über das Spielen als Wurzel des kreativen Schaffens. Das erinnert nicht nur einmal an amerikanische Internetriesen wie Google oder Facebook.
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Spielerisch die Welt neu denken: der Steve Baer Zometoy (l.), ein Turm aus Spaghetti sowie das das Turmmodell von Gustav Lilienthal (r.)  Foto: np
Spielerisch die Welt neu denken: der Steve Baer Zometoy (l.), ein Turm aus Spaghetti sowie das das Turmmodell von Gustav Lilienthal (r.) Foto: np

Ein großer Gabentisch ist in Nürnberg für die legendäre Schule für Gestaltung aufgebaut, die heute vor 100 Jahren in Weimar gegründet worden ist. Im Zick-Zack-Kurs windet sich der Geburtstagstisch durch den Ausstellungsraum, den der britische Objektkünstler Liam Gillick wie einen geknickten Zollstock in Erinnerung an die Papierfaltungen aus den berühmten Bauhaus-Vorkursen von Josef Albers extra für die Ausstellung entworfen hat.

Über 100 Objekte aus über 100 Jahren befinden sich darauf. Vom bekannten Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig aus dem Jahr 1924 bis zur ikonischen Google-Startseite der Gegenwart. Von den tatsächlichen Bauhaus-Pionieren der ersten Stunde bis zu den heutigen Bauhaus-Bewundern aus dem Silicon Valley.

Die beiden Kuratoren der Schau, Thomas Hensel und Robert Eikmeyer, haben die Ausstellungsstücke scheinbar wahllos auf dem Zick-Zack-Tisch eng nebeneinander drapiert. Die These der Nürnberger Geburtstagsparty für die Bauhaus-Schule lautet: Alles ist Bauhaus.

Das Spielen als Motor

Die spielerische Kultur des Bauhauses wird als roter Faden vorgestellt, der Kreativität über Räume und Zeiten miteinander verbindet. Ein "Assoziationsfeuerwerk" soll den Besucher von dieser Hypothese der Ausstellung überzeugen. Die Präsentationsfläche ist in acht Abschnitte gegliedert.

Beiträge von Reformpädagogen wie Maria Montessori oder Friedrich Fröbel dürfen darin nicht fehlen. Die Bauhaus-spezifische und heute mehr denn je glorifizierte Einbindung von Spielkonzepten und Spielräumen in die gestalterische Entwicklung fußt schließlich auf deren Konzepten. Die Bauhausschule wollte die menschliche Motivation zum Spielen als Motor für ihre Ideen der Entwicklung und Gestaltung nutzen. Los geht es mit einem kleinen Manifest.

Als allererstes Ausstellungsstück wird ein Plakat zur Antrittsvorlesung von Johannes Itten am Staatlichen Bauhaus in Weimar aus dem Jahr 1919 gezeigt, das mit der programmatischen Aufschrift "Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit" das Spiel als Grundidee der Bauhaus-Bewegung vorstellt. "Warum konnte diese legendäre Gestaltungsschule bis heute so stilprägend werden und die Bauhaus-Lehre sich weltweit durchsetzen?", fragen sich die Ausstellungsmacher und liefern die Antwort gleich hinterher. Die Bauhaus-Meister hätten in der spielerischen Auseinandersetzung das zentrales Moment von Kreativität erkannt. Am Bauhaus hätten die Lehrer bewusst das Spiel ins Zentrum von Gestaltung gerückt. Feste feiern und Spaß haben auf dem Altar der entfesselten Fantasie.

Geistige Verbindung

Dieses einst gesellschaftliche und heuer eher profitorientierte Potenzial des Spiels im kreativen Prozess will die Ausstellung bis in die Gegenwart hinein verfolgen. In der digitalen Arbeitswelt sei das Spiel zum Produktivitätsmotor geworden. "Wir müssen heute alle kreativ sein. Ob wir wollen oder nicht", sind sich die Ausstellungsmacher sicher.

In den einzelnen Sektionen feiert die Ausstellung besonders die Verbindung zwischen dem Bauhaus-Deutschland von einst und dem Facebook-Amerika von heute. Wie selbstverständlich wird der deutsche Modellbaukasten eines Gustav Lilienthal beispielsweise neben Erinnerungsfotos aus der amerikanischen Hippie-Kommune "Drop City" präsentiert, in der jeder Tag eine einzige Party gewesen ist und wo die Männer als Freaks und die Frauen als Bräute bezeichnet wurden. Unter dem magischen Zauberwort der Spielkultur werden die kreativen Gurus diesseits und jenseits des Atlantiks in der Nürnberger Bauhaus-Ausstellung konsequent miteinander verlinkt.

Das geht so weit, dass der hölzerne Spielschrank von Alma Siedhoff-Buscher gleich neben der digitalen Startseite der Google-Suchmaschine präsentiert wird. Mit dem Verweis auf in die USA emigrierte Bauhaus-Meister wie Josef Albers erscheint diese Verwandtschaft mehr als logisch. Noch mehr als diese geistige Verbindung will die Ausstellung aber herausarbeiten, dass die Bauhaus-Devise - Das Spiel wird zum Fest, aus dem Fest wird Arbeit, und Arbeit wird zum Spiel - von Google, Facebook & Co. noch heute erfolgreich angewandt beziehungsweise ausgebeutet wird. Die Vorzeichen der Kreativität haben sich geändert: Gewinnsteigerung heute, Gesellschaftsutopie früher.

Ein wenig ärgerlich ist allerdings, dass die Ausstellung diesen spaßigen Ansatz nicht in die eigentliche Schau übertragen will. Selbst der geringste Versuch unterbleibt, die Kreativität der Besucher spielerisch anzuregen. Stattdessen setzen die Ausstellungsmacher auf versteckte Verweise, impliziertes Vorwissen und die üblichen Videoinstallationen, die viele Besucher wohl eher ratlos als begeistert zurücklassen wird. Nur anschauen, nicht anfassen!

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