Bamberg

Die Welt ist ein großes Orchester

Zum fünften Mal vereinten die Bamberger Symphoniker klassische Musik mit moderner Poesie.
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Die Bamberger Symphoniker am Donnerstag bei der Slam-Symphonie  Foto: Ronald Rinklef
Die Bamberger Symphoniker am Donnerstag bei der Slam-Symphonie Foto: Ronald Rinklef
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Da wurde geklotzt und nicht gekleckert. Zwei Harfen auf der Bühne, acht Kontrabässe, Orgel, Celesta, Flügel, rund 90 Musiker saßen auf dicht gestellten Stühlen und Chefdirigent Jakub Hru  Grad ša stand am Pult: Das musste was werden.

Und es wurde was. Denn es traten die "Champions der Champions" an zum Kampf, wie es der Moderator dieser fünften Slam-Symphonie der Bamberger Symphoniker, Christian Ritter, etwas martialisch formulierte. Und natürlich ironisch meinte. "Kampf" war hier nirgendwo zu finden, ein friedlicher, solidarischer Wettbewerb unter vier Könnern trifft's eher. Die alle schon einmal bei früheren Slam-Symphonien des Orchesters gesiegt hatten, daher stammt die Ritter'sche Sentenz.

Heftiger Applaus

Veteranen des Dichterwett-streits standen also vor den Musikern, Veteranen, die nicht mehr ganz jung sind und deren berufliches Portefeuille nicht mehr nur Auftritte bei Poetry Slams enthält.

Die Regularien, vom so sympathischen wie routinierten Moderator repetiert, sind mittlerweile bekannt: Das Orchester spielt einen Satz aus einer geeigneten Komposition, der Dichter hat sich dazu Gedanken gemacht und trägt sein etwa fünf- bis siebenminütiges Werk vor. Gewonnen hat, wer den gefühlt heftigsten Applaus erhält. Auf juristischen Beistand wird verzichtet.

Strauss' "Alpensinfonie" diente schon als Inspiration für die Slam-Poeten, Hector Berlioz' "Symphonie fantastique", zuletzt wieder Strauss mit dem "Rosenkavalier". Diesmal ein dem breiten Publikum vermutlich weniger bekannter Tonsetzer: Josef Suk (1874 bis 1935). Ein tschechischer Komponist der Jakub Hru  Grad ša besonders am Herzen liegt. Das ausgewählte Werk: "Ein Sommermärchen", entstanden 1907 bis 1909. Das ist nun gerade nicht eine heiter-idyllische Fantasie oder ein Scherzo oder etwas Fröhliches, irgendwie auch konnotiert mit der Fußball-WM von 2006. Nein, in diesem zweiten Stück einer kompositorischen Tetralogie geht es um nichts weniger als das Leben in all seinem Drama und Schmerz - Suk arbeitete darin den Tod seines Schwiegervaters Antonin Dvor ?ák auf und den seiner jungen Frau Otilie.

Dämonisches im Idyll

Ein Stück wie prädestiniert also für die Poeten als Motiv-Fundus. Heißt doch schon der erste Satz, den die Symphoniker zu Beginn spielten, "Stimmen des Lebens".

Und nach dem zweiten, "Mittag", trat auf: Bas Böttcher, deutscher Slam-Pionier und Gewinner 2016. Er improvisierte über den Sommer in der Stadt, entdeckte in seiner mit Binnenreimen angefütterten rhythmisierten Prosa Dämonisches im Idyll, nach Ruhesuchenden im Park setzte er einen "Schnitt" und richtete den Blick auf den "glühenden Müllberg im Heidiland", sah "Blumenblüten verraten und verkauft" oder misstraute dem "Sommersonnenscheingefühl" im Mittagsglast. Die poetisch beste, anspruchsvollste Performance, leider nicht immer klar artikuliert.

Weiter ging's mit den "blinden Spielleuten". Das ist nun ein ganz melancholischer Satz, beginnend mit dem dürftigen Solo zweier Violinen, ergänzt durch Harfe und Oboe, die ja gerne eingesetzt wird, wenn's besinnlich werden soll. Grund für Max Kennel (Sieger 2014), dichterisch über die Musik zu reflektieren, die "seit jeher im Dunkeln" lebe. In seiner dreigeteilten teils gereimten Suada fand er schöne Bilder wie "ein ganzes Symphonieorchester hinter geschlossenen Augen" oder ihm erschien die Musik "tetraverpackt und gemein". Etwas weniger originell war das Bild "Die Welt ist ein großes Orchester".

Dazwischen schlichtete er eine Schülerin Sabrina mit mäßigem Sangestalent und Zahnspange und sorgte so auch für slamtypische Heiterkeit - man merkte gleich, dass er damit Resonanz beim Publikum fand.

Die Stimme als Instrument

Folgte "Im Banne der Wahngebilde", von Hru  Grad ša wieder einfühlsam dirigiert (eine ausführliche Würdigung des "Sommermärchens" wird in dieser Zeitung als Kritik des Abo-B-Konzerts vom Freitag zu finden sein). Dalibor Markoviç ´ 44 Jahre alt, Gewinner 2015, animierten die Wahngebilde, ein altes Schriftsteller-Thema zu reanimieren: die Schreibblockade. Aber natürlich sprudelte es aus ihm heraus trotz der "Unmöglichkeit, ein Gedicht zu einer Symphonie zu verfassen". In seinen "zusammengeballten Stimmenchor" packte er Sprachloops, Repetitionen, vor allem brillierte er in seinem eigenen Genre, dem Beatboxing. Was heißt, er nutzte die eigene Stimme als Instrument und Drumcomputer.

Zweigeteilt war dieser vierte Satz, und zu dessen wilder Vollendung bespiegelte sich David Friedrich (Sieger 2017) selbst. Mit Ende 20 noch zu nichts gebracht: "Du steigerst dich da in etwas rein!", beruhigte immer wieder ein imaginäres Alter Ego. Nicht unwitzig, eine schöne Interpretation des "Wahns". Doch das Publikum war auf der Seite Kennels, der also siegte - jeder dieser Profis hätte den Triumph verdient gehabt. Folgte noch der fünfte Satz des "Sommermärchens", die "Nacht". Ein krönender Abschluss!

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