Erlangen

Die Versionen einer Schlägerei

Eine Schlägerei vor dem Juice Club in Erlangen wurde vor dem Erlanger Amtsgericht verhandelt. Zwei Angeklagte sollten sich für ihre Taten verantworten. Doch zuvor mussten die Zeugen gehört werden.
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An dieser Treppe kam es im November 2018 zu einer Schlägerei, der nun nachgegangen wurde.  Foto: Michael Busch
An dieser Treppe kam es im November 2018 zu einer Schlägerei, der nun nachgegangen wurde. Foto: Michael Busch

Michael Busch Zeuge 1: "Der Stefan hat den Klaus geholt und da war Karl, dabei, der musste aber aufs Klo." Zeuge 2: "Ich habe Stefan draußen getroffen und Karl war gar nicht da." Zeuge 3: "Klaus hat Karl und Stefan geholt, um zusammen raus zu gehen." Kompliziert? Ja, ist es. Aus Aussagen dieser Art musste das Schöffengericht unter dem Vorsitz des Richters Wolfgang Pelzl am Amtsgericht Erlangen herausfinden, was am 18. November im vergangenen Jahr vor dem Jugendclub Juice Club in Alterlangen tatsächlich passiert ist.

Einigkeit in wenigen Dingen

Als Grundlage zur Orientierung diente zunächst einmal die durch die Staatsanwältin vorgetragene Anklage. Die zwei Beschuldigten im Gerichtssaal sollten an besagtem Datum auf einen Partybesucher eingeschlagen haben. Das Opfer sei verletzt worden und habe letztlich eine offene und blutende Augenbraue davongetragen. Gefährliche Körperverletzung zum einen und vorsätzliche Körperverletzung zum Anderen lauten die Straftaten, die es zu bestrafen galt. Davor stand aber die Aufgabe in der Beweisaufnahme herauszufinden, was sich zugetragen hat und ob die Vorwürfe überhaupt stimmen.

Einig waren sich Beschuldigte und Zeugen bei Einzelheiten. Man war sich einig, einen Geburtstag einer Freundin gefeiert zu haben. Man war sich einig, dass der eine Angeklagte nicht eingeladen war, aber vom zweiten Angeklagten mitgebracht werden durfte. Es gab im Vorfeld wohl einen Kuss des vermutlichen Haupttäters auf die Stirn des Geburtstagskindes.

Aber dann gehen die Wahrnehmungen weit auseinander. Der Angeklagte schildert, dass er einen Totalbetrunkenen nach draußen gebracht habe, da dieser so schlecht aussah. "Ich dachte, der kackt ab", erklärte er. Dort sei er von einem weiteren Gast, dem Freund des Partners der Gastgeberin, angemacht worden, was er da mache und die Finger von dem Mann lassen solle. Er habe dann zurück ins Haus gehen wollen, der Fragende habe ihn aber nicht vorbeigelassen. Die Situation sei eskaliert, er habe den Wegelagerer geschlagen und dieser ihn selbst. Bei der Rangelei seien beide zu Boden gefallen, und als alles vorbei war, sei die Polizei schon da gewesen.

Unklar wird es dann bei den Details in den Aussagen. Es tauchen Becher auf, die die beiden Kontrahenten geworfen haben sollen. In einer Schilderung nur der Angeklagte, in einer anderen Schilderung warfen beide. In einer dritten Version habe man sich nur die Inhalte gegenseitig übereinandergeschüttet.

Auch bei der Frage, wer von den weiteren Gästen sich eingemischt habe, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Mal sei der zweite Angeklagte dabei gewesen, mal nicht. Es soll zu einem Kopfstoß gekommen sein, es soll einen Nervenzusammenbruch und ein Asthmaanfall gegeben haben. Einmal wurde die Polizei durch das Opfer gerufen, einmal kam die Polizei, weil Gäste einer weiteren Party, diese informiert hätten.

Nach über zwei Stunden Zeugenvernehmung war zumindest eines schnell klar. Der zweite Angeklagte wurde freigesprochen. Kein Zeuge hatte ihn belastet, so dass dem angehenden Kinderpfleger auch keine Strafe drohte. "Halten Sie sich aus Schlägereien heraus", gab Pelzl dem sichtlich erleichterten Mann mit auf den Weg.

Beim Hauptangeklagten war aber noch lange nicht Schluss. Acht Eintragungen im Bundeszentralregister, unter anderem wegen Unterschlagung, Diebstahl und eben auch Körperverletzung, machten ein schnelles Urteil nicht einfach.

Denn gerade das letzte Verfahren musste nochmals vorgetragen werden, da der jetzt 20-Jährige da bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, die zur Bewährung ausgesetzt war. Die Bewährungsfrist war zum Zeitpunkt der nun zu verhandelnden Tat aber noch nicht abgelaufen.

Auch wenn nach den Ausführungen der Bewährungshelferin und des Jugendamtes der Hinweis erging, dass das Jugendstrafrecht Anwendung finden sollte - "Wir können hier von einer Entwicklungsverzögerung ausgehen" -, war der Antrag der Staatsanwältin im Plädoyer eindeutig. "Ich fordere zwei Jahre und drei Monate, was aufgrund der Höhe eine Bewährung ausschließt."

Harte Strafe - ohne Gefängnis

Der Rechtsanwalt des Beschuldigten erklärte, dass er eine Strafe unter zwei Jahren für angemessen halte, da es sich letztlich aus seiner Sicht "nur" um eine einfache Körperverletzung gehandelt habe. "Zumal er am Anfang eigentlich etwas Gutes machen wollte, indem er den Volltrunkenen nach draußen geleitete." Wolfgang Pelzl billigte aus Sicht des Schöffengerichtes dem Angeklagten tatsächlich ein Missverständnis zu, an dem sich die Aggression letztlich aufbaute. Aber auch der Schlag eines anderen rechtfertige keinen Schlag zurück. "Die Zeugen haben alle dargestellt, dass Sie eine gewisse Unruhe erzeugten, die einem Gast bei einer solchen Feier nicht geziemt", erläuterte Pelzl. Er sei der vorsätzlichen Körperverletzung in zwei Fällen überführt und entsprechend zu bestrafen.

Mit "Glück gehabt" beendete er seine Ausführungen zu dem Strafmaß von exakt zwei Jahren bei einer Bewährungszeit von drei Jahren. Gerettet habe ihn letztlich die Ausführung seiner Bewährungshelferin und die aktuelle Ausbildung als Bäckereifachverkäufer. Das Schöffengericht folgte der Bewährungshelferin, dass eine jetzige Inhaftierung eine äußerst ungünstige Prognose darstelle.

"Der Gang ins Gefängnis ist immer ungünstig", sagte Pelzl. Aber es sei richtig, dass er bereit ist, hier nochmals eine allerletzte Chance zu geben. Um das zu unterstreichen gab es diverse Auflagen für die Bewährung. Zum einen die Ausbildung fertig zu machen, zum anderen keinerlei Drogen und Alkohol in der Bewährungszeit zu sich zu nehmen. Ein Antiaggressionstraining komplettiert neben einer Geldstrafe die Auflagen.

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