Coburg

Die tiefere Wahrheit in der Lüge

Der Coburger Krimi-Autor Volker Backert denkt sich Mordfälle aus. Wie aber hält er es mit der Wahrheit? Ist eine erfundene Geschichte gleich unwahr, oder kann darin doch eine tiefere Wahrheit verborgen liegen?
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Die Anatomie stimmt, das Blut ist künstlich: Autor Volker Backert mit einer Phrenologie-Darstellung. Foto: Matthias Einwag
Die Anatomie stimmt, das Blut ist künstlich: Autor Volker Backert mit einer Phrenologie-Darstellung. Foto: Matthias Einwag

Niklas Schmitt Man kann sich den Krimi-Autor Volker Backert als düsteren Menschen vorstellen, der sich in seiner Freizeit in Mörder hineinfühlt. Ist er aber nicht. Aufgeschlossen und nachdenklich sitzt er in einem Coburger Café und denkt laut über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in seinen Kriminalromanen nach.

Seit Goethes Autobiografie mit dem gleichen Titel ist das Begriffspaar zu einem geflügelten Wort geworden, das immer wieder dann bemüht wird, wenn sich Kritiker und Leser fragen, wie viel denn in einem Roman wirklich passiert, wie viel erfunden und ob die Erfindung nicht manchmal wahrer als die Wirklichkeit sein kann.

Kein Reiseführer

"Das ist ein Punkt, den man auch übertreiben kann", sagt Backert zur Genauigkeit, die für viele Regionalkrimi-Leser eine besondere Rolle spielt. Besucher wollen Land und Leute kennenlernen und die Einheimischen manche Ecken wieder entdecken. Dennoch sollte der Krimi kein Reiseführer sein, meint der Autor.

"Ich finde, der große Reiz liegt darin, idealtypische Szenen und Locations zu finden, als bloß Realitäten eins zu eins abzubilden." Wenn etwa der Kommissar ausgebrannt am Ufer des Mains sitzt und verloren auf die Weinberge schaut, dann muss es die Stelle, an der der arme Kerl sitzt, nicht geben. Aber die Stimmung, in der er sich befindet und das Lichterspiel am späten Abend, die seine Stimmung illustriert, die muss aus verschiedenen persönlichen Eindrücken zusammengesetzt sein, so Backert. Dann ist der Ort zwar frei erfunden, aber die Situation kann der Leser nachempfinden.

Realismus und Grusel

Was daran ist nun Dichtung, was Wahrheit? "Aber unterm Strich zählt beim Schreiben immer nur eins: Funktioniert es", erzählt der Autor aus der Praxis, "überzeugt es den Leser?" Ob ein Weg hinter dem Brunnen nun nach fünf oder zehn Metern rechts abbiegt, spiele keine Rolle in seinen Storys. Denn übertriebene Detailfreudigkeit lähmte nur den Handlungsverlauf und die Spannung.

Das ist gerade bei Backert wichtig, der sich mit seinen vier bisher erschienen Romanen einen Namen als Hard-Boiled-Autor gemacht hat. Das heißt, seine Bücher sind, wie er sagt, härter, schneller und schwärzer, oder einfach: Sex, Crime und Rock and Roll.

Nüchternheit und Grusel

Auf der anderen Seite weiß Backert aber auch: "Wenn ich einen Ort präzise benenne, dann muss das freilich stimmen." Schließlich kenne sich der Leser aus, was aber auch heißt, dass es nicht zu viele Details geben muss.

Dennoch ist es dieser Realismus, der dem Leser den Grusel gibt. "Je nüchterner etwas Grausames beschrieben wird, desto unheimlicher wirkt es oft", sagt der Autor.

Dadurch, dass Backert die Fälle, die Vorgehensweise der Polizei noch aus seiner Zeit als Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit im Ordnungsamtes in Coburg kennt, kann er sehr genau darüber schreiben. Die eingestreuten Verhörprotokolle oder andere Details aus der Bürokratensprache geben dem Leser die Möglichkeit, für wahr zu halten, was er gerade liest - zumindest möglich ist das, was Backert schreibt.

Persönliche Anwesenheit ist dafür nicht immer notwendig. Für seinen neuen Roman, der nächstes Jahr im Herbst erscheinen wird, hat Backert wieder zwei Jahre recherchiert. Recherche ist ihm wichtig. Einlesen, mit Leuten sprechen oder auch mal nachts eine Doku über Ballett auf Arte gucken. Im tschechichen Cheb, wo sein Roman "Hard Rock" stellenweise spielt, war Backert aber nie. Eigentlich dachte er, hinfahren zu müssen, war dann aber doch erstaunt, dass eine Google-Earth-Recherche alle notwendigen Informationen liefern konnte.

Das kommende Buch behandelt eine Familientragödie, die sich in der Nacht zum 3. Oktober 1990 nahe der ehemaligen Grenze ereignet hat. Nun, 30 Jahre später, geht eine Journalistin auf Spurensuche in eigener Sache. In jener Nacht überlebte sie als Einzige den erweiterten Suizid ihres Vaters.

"Ich wollte mal was völlig Neues machen", sagt Backert über den Wechsel der Hauptfigur. Sein Kommissar Charly Hermann wird nur am Rande auftauchen.

Darin, so erzählt der Autor schon mal aus dem Nähkästchen, wird es auch um einen besonderen Blickwinkel auf Wahrheit gehen. 30 Jahre haben Adoptiveltern die Wahrheit verschwiegen. Freilich eine Lüge, die diese lange aufrechterhalten haben - "zum Wohl des Kindes".

Wie viel Wahrheit kann man einem Menschen, den man liebt, zumuten? "Gibt es im Leben eine Gnade des Belogenwerdens?", fagt Backert.

Elementare Wucht

Er meint, dass seine Bücher mit der Zeit immer psychologischer geworden sind, was auch an der Authentizität der Figuren liege, die während des Schreibens ein Eigenleben entwickelten. Dadurch wird es zwar immer noch um Kriminalfälle gehen, die ebenso erfunden sein mögen wie die Figuren, aber in diese kann sich der Leser, sind sie stimmig geschrieben, hineinversetzen. Was immer auch heißt, es könnte den Kommissar und die Fragen, die er sich stellt, genau so geben. Aber die großen existenziellen Fragen will Backert nicht stellen. Wenn, dann kommen sie von alleine in seine Bücher. So sagt er: "Nicht alle Fragen lassen sich mit Ja oder Nein, Richtig oder Falsch beantworten. Gerade existenzielle Fragen entwickeln ihre elementare Kraft und Wucht doch dadurch, dass wir uns als Menschen ein Leben lang immer wieder neu an ihnen abarbeiten müssen." Das kann man auch mit erfundenen Geschichten, die deswegen nicht weniger wahr sein müssen.

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